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Full text of "Die deutschen Volksbücher"

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FORSCHUNGEN ZUR 
DEUTSCHEN GEISTESGESCHICHTE 
DES MITTELALTERS UND DER NEUZEIT 


Herausgegeben von P. MERKER und W.STAMMLER 


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DIE DEUTSCHEN 
VOLKSBÜCHER 


Von ne 


_ D* LUTZ MACKENSEN 


Privatdozent an der Universität Greifswald 


VERLAG QUELLE & MEYER * LEIPZIG 


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ALLE RECHTE VORBEHALTEN 
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FRIEDRICH PANZER 


dem Lehrer und Führer in dankbarer 
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VORWORT 


IESE Studie ist aus Vorarbeiten zu einem Eulenspiegelbuche 

erwachsen; sie möchte versuchen, Wesen und Bedeutung 
einer mit Unrecht verachteten Literaturgattung klarzustellen. Die 
gewichtige Rolle, die die deutschen Volksbücher in der Geschichte 
des deutschen Romans spielen, ist uns seit Liepes trefflichem 
Buche, ohne das dieses nie hätte geschrieben werden können, 
deutlich; da schien es wünschenswert, die Gattung als solche 
einmal stil- und stoffkritisch zu untersuchen, ihre Einheitlich- 
keit nachzuprüfen und die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge 
zu suchen, die zu ihrer Entstehung und Verbreitung beitrugen, 
Dabei mußte sich der Blick notwendig von den Büchern auf die, 
die sie schrieben oder übersetzten, die sie verlegten und die sie 
dann lasen, richten; die Frage nach Herkunft und Ausstattung, 
nach dem Anteil der Verleger an Stoff und Formgebung und nach 
der Aufnahme der Werke durch das Publikum gewann so erhöhte 
Bedeutung, und die Erkenntnis der Doppelgestaltigkeit der Volks- 
büchermasse, wie ich sie in diesem Buche zu zeichnen versuche, 
war das Ergebnis dieser Studien. 


Freundliche Unterstützung wurde mir zuteil von Wolfgang 
Stammler, der mir seine wertvollen Sammlungen über Eulenspiegel 
zur Verfügung stellte, von der Zentralsammelstelle des deutschen 
Wörterbuches (Dr. Diepers), die mehrere Anfragen in liebens- 
würdigster Weise beantwortete, von der Leitung der Mannheimer 
Kunsthalle, die mir bereitwilligst eine genaue Prüfung des schönen 
Materials, das sie gelegentlich ihrer Kalenderausstellung gesammelt 
hatte, gestattete, und von der Heidelberger Uniwersitätsbibliothek, 
die meine Wünsche in weitgehender Weise erfüllte. Ihnen allen 
danke ich auclı an dieser Stelle aufrichtig für die mir gewährte 
Förderung. Wertvolle Dienste leistete mir das Werk von P. Heitz 


Vorwort 


X 


und F. Ritter (Versuch einer Zusammenstellung der deutschen 
Volksbücher des ı5. und ı6. Jahrhunderts nebst deren en 
Ausgaben und Literatur, Straßburg 1924). 

Meine Arbeit lag i im Januar 1926 der Philosophischen Fakultät 
der Universität Greifswald als Habilitationsschrift vor. Nun lege 
ich sie dankbaren Herzens in die Hand des verehrten und ge- 
liebten Lehrers: möge sie ihm Freude machen! 


Greifswald, im November 1926 Lutz Mackensen 


INHALT 


VOTWOLL . 2. ee ee Te ee IX 


I. Prosaroman und Volksbuch: Die Zeit und die Ent- 
Wicklung: » 3.4524. 4.2 0 are 1 


II. Die angrenzenden Literaturgattungen. ........ 42 


III. Volksroman und volkstümlicher Roman: Gemein- 
sames in Stil und Begriffswelt. ............. 65 


IV. Volksroman und volkstümlicher Roman: Trennendes 


der inneren Struktur .......... BEL IERE 110 
Register: 

L;,Bersonen .. 2... a m. A Be a ee ee 145 

2,.Stofe und. Bücher 4 .4% 24% 3 Sea 24 Lese 4 147 

3: Kulturelles + u 8 en 2 en IE end ana 150 

4. Formales ..... 2.2.2.2». Se a Dee a Betr Ser 151 


Prosaroman und Volksbuch: 
Die Zeit und die Entwicklung 


ENAISSANCE, Reformation, Humanismus: durch ein drei- 

bogiges Tor hält die neue Zeit ihren Einzug. Sie kommt 
nicht plötzlich und unerwartet: die Töne, die nun anschwellen und 
beherrschende Musik werden, klingen seit Jahrzehnten und Jahr- 
hunderten, die einen lauter und auch für das Ohr des späten 
Beobachters deutlich wahrnehmbar, die andern leiser und ver- 
steckter, aber doch hörbar genug, um sie über den Punkt ihres 
Volltönens hinaus zu fühlen und zu ahnen. „Die Reformation 
hat ruhige Bildung zurückgedrängt,“ sagt Goethe einmal; er 
sieht nicht, daß es eine Linie ıst, die vom Mittelalter zum Be- 
ginn der Neuzeit und: in diese hineinführt, daß nichts an sich 
Neues geschaffen wird, sondern nur vorhandenes Gut dem ge- 
wandelten Zeitgeist entsprechend umgeformt und ausgebaut wird. 
Am Eingang der ‚neuen Zeit“, deren Menschen sich selbst 
so gerne als „neue Welt“ empfanden, steht richtunggebend. und 
bahnenweisend das Mittelalter 1. 

Es ist der Geist des Bürgertums, der, im ı4. Jahrhundert er- 
starkt, dem ı5. und ı6. sein Gepräge verleiht. Als Dynasten 
und Ritter beginnen, ihre Bergburgen aufzugeben und bequeme, 
1 Bereits Dietrich Schäfer betont in seiner „Weltgeschichte der Neuzeit“ 
(2. Aufl., Berlin 1907) die Abhängigkeit der Neuzeit vom Mittelalter (S. 14); 
nach ihm hat W. Goetz in grundlegendem Aufsatz („Mittelalter und Renais- 
sance*, Histor. Zeitschr.®, 98 [1907] S. zoff.) die Verbindungslinien auf- 
gedeckt, die Burdachs weitausgreifende Forschungen vollends darzulegen 
bestrebt sind; vgl. „Reformation, Renaissance, Humanismus“, Berlin 21926. Auch 
C. Neumann erkennt („Byzantinische Kultur und Renaissancekultur*, Berlin- 
Stuttgart 1903, S. 42) die Bedeutung des christlichen Mittelalters für die Re- 
ormation an. Weitere Literatur verzeichnet G, Ellinger, Artikel „Humanis- 
mus“, Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte I s25ff. 


Mackensen, Die deutschen Volksbüicher 1 


2 Zeit und Entwicklung 


weitläufige Schlösser ohne Befestigungen am Bergfuß zu er- 
bauen?, überschreiten sie zum ersten Male die Grenze, die 
Stadt- und Burgleben schied, und geben, beobachtenden Augen 
näher gerückt, Raum für Nachahmung und Ausgleich. Noch bil- 
den sie das Vorbild; den starken Kulturstrom, der in jenen 
Jahrzehnten von Frankreich, dem Geburtslande des neuen Bil- 
dungs- und Lebensideals®, durch Deutschland flutet, empfangen 
die Bürger aus ihren Händen, und dieser Einfluß führt mit der 
Zeit zu einer fast sklavischen Abhängigkeit der Bürger in Form 
und Sitte vom Adel. Aber die Linien führen hinüber und her- 
über; die breite Behaglichkeit des städtischen Bürgertumes greift 
auf den Adel über und hat jene Vergröberung des ritterlichen 
Geschmackes, jene Freude am Derben zur Folge, die die innere 
Scheidewand zwischen dem alten und dem neuen Stande nie- 
derreißt. So entsteht ein einheitliches Bild: so feindlich sich 
beide Stände oft genug auch gegenübertreten, ihre inneren Vor- 
aussetzungen und Veranlagungen sind dieselben. Alles Ideale 
liegt nur auf religiösem Gebiet, und selbst hier machen sich 
praktisch-materielle Gesichtspunkte oft genug geltend*; im 
übrigen bilden für den Bürger Arbeit und Geschäft, für den 
Adel Jagd und Turnier, beide jetzt mit dem Schwergewicht auf 
dem materiellen Enderfolg, den schmalen Kreis der Interessen 5. 
Der Unterschied zwischen Ritter und Knecht liegt nicht mehr 
im Lebensinhalt, sondern in der Herrschaft selbst, und wo 
die Stände zusammenprallen, ist sie es, um die gekämpft wird. 


2 A. Schulz, Das häusliche Leben der europäischen Kulturvölker vom Mittel- 
alter bis zur zweiten Hälfte des ı8. Jahrhunderts. München -Berlin 1903, 
S. 22. 

3 G. Steinhausen, Die Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses 
in Deutschland. Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte und Renais- 
sanceliteratur. N. F. VII (1894) S. 352ff., bes. $. 357. 

4 Vgl. P. Merker, Reformation und Literatur. Weimar ıgı8, $. 14. 

G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? (1913) S. 164; vgl. 

ders., Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter®. Wissenschaft und 
Bildung Nr. 88 (1921) S. 119. 
6 F. Paulsen, System der Ethik. Berlin 1896. II, 37ı f. Neben diesem mate- 
riellen Charakter der Zeit gewinnt das starke religiöse Bedürfnis, das D. Schäffer 
(Weltgeschichte der Neuzeit? S. 66) in den Mittelpunkt stellen möchte, 
nur zeit- und stellenweise eine überragende Bedeutung. 


Zeit und Entwicklung | 3 


Der Geist der neuen Zeit ist demokratisch, vom Bürgertum geht 
er aus, und das Ziel alles Strebens ıst materielle Vorherrschaft. 
Der Metzgersohn Hug Schapler, dessen Aufstieg zum Königsthron 
eine Fürstin zuerst bewundernd erzählt, und dem wiederum 
eine Fürstin deutsches Gewand verleiht, ist der Repräsentant dieses 
Zeitgeistes, und Gestalten wie die des armen Fortunat, der ein 
Krösus wird, Worte wie die aus dem Loherbuche: das er zuletst 
Römscher keiser ... ward oder aus dem „Weißen Ritter“: das er 
zuleist ein künnigreich besaß, atmen die ganze herrschaftstre- 
bende Sehnsucht der Zeit. Noch in den Amadisromanen spiegeln die 
häufigen Berichte von Liebschaften zu (wenn auch nur scheinbar) Un- 
ebenbürtigen diese Sehnsucht wieder. Die Erinnerung an Gestalten 
wie Cölestin V., der aus bedürfnisloser Anachoretenklause in den 
Glanz des Vatikans berufen wurde, mag in diesem Geschlechte 
noch lebendig gewesen sein, dessen typische Heilige eine Jeanne 
d’Arc ist. 

So geht eine ewige Bewegung durch das Zeitalter, es ist die 
Zeit des Abenteurertums nicht nur unter den Schriftstellern, 
sondern auch unter den Politikern, ja den Staaten selbst?. Das 
Streben in die Ferne, das seine äußere Form in vermehrter Reise- 
lust, vornehmlich in das bewunderte Land des Vorbilds, Frank- 
reich, findet, verbindet sich mit einem Gefühl ungemeiner Kraft 
und Lebensfülle, das den wandernden Handwerksburschen mit 
dem fahrenden Schüler, den reisenden Bürger mit dem abenteu- 
ernden Ritter vereinigt und Grundbedingung für das starke Ge- 
meinschaftsgefühl ist, das über Stadt und Land wandert?. Schon 
Erich Schmidt hat darauf hingewiesen, daß die Erscheinung des 
ewigen Juden just im Verlauf dieser Zeit kein Zufall sein kann 10; 
Faust und Eulenspiegel, Peter mit der Magelone und Fortunat, 
Herzog Ernst und Brandan: alle wandern sie kraft- und leben- 
strotzend über die Lande, und es ist ihr Wandern, das ihnen ihre 
7 F. Gundolf, Martin Opitz. München-Leipzig 1923, S. 6. 

8 G. Steinhausen, Die Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses 
ın Deutschland. S. 354. 
9 J. Lefftz, Die volkstümlichen Stilelemente in Murners Satiren. Einzelschriften 
zur Elsässischen Geistes- und Kulturgeschichte. I. (Straßburg 1915) S. 5; vgl. 
G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung (Leipzig ı871), II 350. 
10 E, Schmidt, Zur Vorgeschichte des Goetheschen Faust. Goethejahrbuch IIl 
(1892) S. 87. 

1* 


Es 


4 | Zeit und Entwicklung 


Bedeutung für die damalige Zeit verleiht. Was Ulrich von Hutten 
damals ausrief, war die Stimme der Zeit, die sich in ihm zum 
glücklichen Schlagwort formte: „Es ist eine Lust, in diesem 
Jahrhundert zu leben!“ 

Neben diesem Drängen und Suchen nach materiellem Erfolg, 
nach nützlichem Ziel bleibt für die Poesie nur ein schmaler Raum 
übrig, und selbst er ist von gleichem Gesichtspunkte beherrscht. 
Notwendigerweise gewinnt die Kunst jetzt herbes, bürgerliches 
Gewand!l, wo sie die Ansprüche einer bürgerlichen Kultur zu be- 
friedigen hat, und in diesem Sinne hat Uhland recht, wenn er von 
einem unpoetisch gewordenen ı5., einem unpoetisch gebliebenen 
ı6. Jahrhundert spricht1?. Wo, mit wenigen Ausnahmen, alle 
Dinge nach ihrem materiellen Wert beurteilt werden, muß auch 
die Poesie unter das Prinzip der Nützlichkeit gestellt sein; zuerst 
in Handschriften, dann in Büchern werden Bemerkungen wie 
kurtzweilig und nütz zu lesen, nutzlich zu bredigen und zu lesen, 
fast nutzlich vnd gut, wunderbarlich vnd nützlich ze wissen 
typische Zusätze zum Titel, die dem Werke zur besonderen Emp- 
fehlung gereichen. Das Abenteuerliche, Wunderbare des Inhalts 
trıtt daneben zurück; Sachsenheims ‚„Mörin‘“ wird auf dem Titel 
der Folioausgabe von 151213 zwar eins obentürlichen handels 
halber gerühmt, aber das Hauptgewicht wird darauf gelegt, daß 
sie nit allein zu lesen kürtzweilig, sunder auch zu getrewer war- 
nung erschiesslich sei. Die Erstausgabe von „Pontus und Sidonia“ 
(1483) preist das Werk vil guiter schöner lere vnderweisung vnd 
gleichnuss halber an und empfiehlt es vornehmlich den Jungen, 
so sy hören vnd vernemen die guitat und gross ere vnd tugent so 
ir eltern und vordern getan vnd an in gehabt haben, und der 


Schluß der „Sieben weisen Meister“ (Erstdruck um 1470) rühmt 


die cronick vnd histori mit seiner geistliche usslegung vnd 
glosen... mit gar vil nutzlichen beispilen vnd exempeln, die 
lustlich, nutzlich und auch fruchtbar sei. Rollenhagen bittet im 
ı. Kapitel seines „‚Froschmeuseler““ (1595): 


11 J. Lefftz, Murner S. ı0. R. M. Meyer, Die deutsche Literatur bis zum Beginn 
des ı9. Jahrhunderts (Berlin 1916) S. 214 spricht von einer „prosaisch ge- 
wordenen Zeit“. 

12 Uhland, Schriften. II (1866). 

13 bei Grüninger in Straßburg. 


Zeit und Entwicklung 5 


gott verleih dazu raht und gnad, 
das es zur leer und lust geraht, 


und ı568 stellt Nicodemus Frischlin in seiner akademischen An- 
trittsrede in Tübingen, die er in lateinischen Versen hält, fest, daß 
Wesen und Würde der Poesie lediglich in dem docere cum delecta- 
lione besteht. So kann es nicht verwundern, daß Spalatin in seiner 
Vorrede zur Magelone (1535) den Wert des Buches darin sieht, 
das billich ein exempel dar auss genommen solt werden, teütsche 
bücher für frawen vnnd junck frawen zeschreiben, daß Burkard 
Waldis seine Fabeln (1543) der lieben jugent, knaben vnd jung- 
frawen zu dienste und fürderung lassen auss gehen, und fast an 
allen enden dermassen zugesehen hab, das ich jnen hiemit zur 
besserung dienen möcht. Weit in die neue Zeit hinein reicht dieser 
„zwecksüchtige Zeitgeist‘, wie ihn Gundolf einmal genannt hatt; 
noch 1688 spricht Heinrich Anselm von Zigler in der Vorrede zu 
seiner „Asiatischen Banise“ von dem eigentlichen endzweck der 
romanen, den er darin sieht, die deutsche sprache zu erheben. Mit 
Recht hat Steinhausen 15 darauf hingewiesen, wie notwendig solche 
erzieherische Tendenz für die durch ihre nur materiellen Inter- 
essen zügellos gewordene Zeit war. 

Daß die Literatur unter solchen Voraussetzungen ein anderes 
Gesicht bekommt, kann nicht verwundern; ‚Stil heißt nichts an- 
deres als Daseinsgestaltung nach einheitlicher Zielrichtung“, be- 
merkt Hans Fehr1$ sehr richtig, und die Ziele dieser Zeit waren 
zumeist hausbackene. Die Vorherrschaft ritterlichen Geschmackes 
hatte durch das Erstarken der deutschen Predigt, die wiederum 
durch das Wachsen der Predigerorden erneute Bedeutung ge- 
wiınnt17, eine erste starke Einbuße erlitten; Fabel und Lehrgedicht, 
dazu die ersten Keime des Dramas, lenken zu den Bahnen hin, in 
die mit der Erstarkung der bürgerlichen Schichten der allgemeine 
Geschmack einmündet. Dieser Umschwung vollzieht sich nicht 
revolutionär, sondern langsam und genetisch; er ist bedingt durch 


14 Gundolf, Opitz S. 30. Vgl. Schulz, Häusliches Leben $. 194. 

15 Geschichte der deutschen Kultur II? S. 98. 

16 H. Fehr, Das Recht im Bilde. München-Leipzig 1923. S. ı2. 

17 Vgl. hierzu und zum folgenden: F. Karg, Die Wandlungen des höfischen 
Epos in Deutschland vom 13. zum 14. Jahrhundert. Germanisch-Romanische 
Monatsschrift XI (1923) 321ff.; J. Lefftz, Murner S. zf. 


6 Zeit und Entwicklung 


die Zersetzung der ritterlichen Kultur 18. Einzig die Musik verharrt 
in fester und ruhiger Stetigkeit; Lucas Osiander und Johannes 
Bocard vollenden und krönen hier das Werk ihrer Vorgänger. 
Aber die wenigen Bemühungen, die alte, ritterliche Form der 
gebundenen Rede in die neue Zeit hinüberzupflanzen, atmen 
V Epigonengeist; Herrmann von Sachsenheim hat keine Schule ge- 
macht, und Püterich von Reicherzhausen verwendet gar die alte. 
ehrwürdige Form zu Brief- und Katalogzwecken. Zwar ver- 
sucht Kaspar von der Röhn (um 1473) alte Heldenlieder neu zu 
beleben, indem er sie kürzt und die vierzeilige epische Strophe 
in eine achtzeilige umwandelt, zwar schafft Ulrich Füetrer (1487) 
sein großes Gedicht von der Tafelrunde, in das er die Stoffe vom 
Merlin, Parzival, Flore, Lanzelot und Wigalois hineinwebt, aber 
gerade diese Versuche zeigen ihre Unvermögenheit: Kaspar von 
der Röhns Werk trägt schon mit seinen Kürzungen und Be- 
v schneidungen den Stempel der Erzählungsfreudigkeit, des Stoff- 
hungers an der Stirn, und Ulrich Füetrer benutzt für die Dar- 
stellung des Wigaloisstoffes bereits das Prosawerk. Noch werden 
im ı5. Jahrhundert die Gedichte vom Parzival, Titurel, Wilhelm 
von Orleans gedruckt, aber diese Drucke sind Endpunkte, nicht 
Anfänge. Maximilians Teuerdank (1517) schließt die Reihe der 
ritterlichen Epen; außer der gebundenen Form ist hier nur noch 
wenig vom alten epischen Geist. zu spüren, das beweisen bereits 
die mehrfachen Wiederholungen derselben Abenteuer, die für das 
Werk geradezu charakteristisch sind. Als Fischart wenige Jahr- 
zehnte später den Eulenspiegel in Verse setzt, zeigt schon der 
überlegene, fast spöttische Ton, mit dem er die Reimform be- 
gründet, daß diese Form abgetan ist; er wende die gebundene 
Rede an, sagt er, dieweil zu jederzeit bey den alien lieben teut- 
schen brauch vnd gewöhnlich gewesen, was sie bekandt, gemein, 
lieb und werth den leuten machen wöllen, dass sie das jenige in 
gesangen, liedern (darmit man auch die vögel fengt) und rei- 
mens gedichten fürgebracht haben. Und auch Hans Sachs hält 
die Prosa für klarer, natürlicher als die Versform, wenn er es in 
der Summa all meiner gedicht ausspricht: „auch fand ich in 


18 W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Entstehung und Anfänge des 
Prosaromans in Deutschland. Halle ıg2ı1. S. 38. F.v. Bezold, Geschichte der 
deutschen Reformation. Berlin ı8g90. S. 32. 


Zeit und Entwicklung 7 


meinen büchern geschriben artlicher dialogos siben, doch vn- 
gereimet in der pros, gans deutlich, frey, on alle glos“. 

Die Einwirkung des Humanismus auf die deutsche Unter- 
haltungsliteratur dieser Zeit dürfen nicht zu hoch veranschlagt 
werden. Die italienische Fazetie z. B. stößt in Deutschland auf 
kein Verständnis; sie erscheint hier in ganz anderem Gewande?. 
Und der Drang zur Kürze, zur Pointe, der sich in literarischen 
Neuschöpfungen wie Schwank und Novelle zeigt?20, wird wohl 
durch ihn verstärkt, aber seine Grundlagen hat er im all- 
gemeinen Geiste der Zeit. Auch die Reformation hat weniger in 
die Entwicklung der schönen Literatur eingegriffen, als man ge- 
meinhin geneigt ist anzunehmen ?!; ihre freilich große Tat — 
vielleicht die größte Schöpfung der Zeit überhaupt — ist die 
Geburt des evangelischen Kirchenliedes, das gemeinsam mit dem 
Volkslied die ästhetischen Gipfel der deutschen schönen Literatur 
jener Zeit bezeichnet. Aber die großen Züge, die der Literatur 
ihr Gepräge verleihen, gehen nicht von den Gelehrten, nicht von 
den Gotteseiferern, sondern vom Bürgertum aus, und seine Form 
ist die Prosa 22. 

Es ist nicht das erstemal, daß die Prosa in die deutsche schöne 


49 K. Vollert, Zur Geschichte der lateinischen Facetiensammlungen des ı5. und 
ı6. Jahrhunderts. Palästra C XIII. Berlin ı913. 

20 Karg, Germanisch-Romanische Monatsschrift. XI 328. _ 

21 Vgl. z. B. Uhland, Schriften II (1866): „Die Poesie des ı5. und ı6. Jahr- 
hunderts ist in Tat und Wesen die Poesie der Reformationsperiode“ oder 
D. Schäfer, Deutsche Geschichte II (1910) S. 102. Dagegen P. Merker, Refor- 
mation und Literatur, Weimar 1918, bes. $.6. Zwischen beiden Auffassungen 
steht W. Brecht, Einführung in das ı6. Jahrhundert. Germanisch-Romanische 
Monatsschrift III (1911) S. 345. | 

22 Vgl. H.K. A. Krüger, Geschichte der niederdeutschen oder plattdeutschen 
Literatur vom Heliand bis zur Gegenwart. Schwerin 1913, $S. 53; R. M. Meyer, 
Die deutsche Literatur bis zum Beginn des ı9. Jahrhunderts? (hg. Pniower). 
Berlin 1920, S. 214; H. Rausse, Geschichte des deutschen Romans bis ı800. 
Kempten-München ıg914, S. ı9. J. Dunlop, Geschichte der Prosadichtungen 
oder Geschichte der Romane, Novellen, Märchen usw. Übersetzt von F. Lieb- 
recht. Berlin ı851, S. 50. AR. Benz (Die deutschen Volksbücher. Jena 1913 
$. 10, 17, 26 u.ö.) stellt das Aufblühen der Prosa als eine bewußt künst- 
lerische, schöpferische Tat der neuen Kultur hin, die die innerlich unwahre 
Versform, die den Werken auch der großen höfischen Epiker geschadet habe, 
ersetzen wollte. 


8 Zeit und Entwicklung 


Literatur eintritt23. Seit dem dreizehnten Jahrhundert werden alte 
Reimchroniken hie und da in Prosa aufgelöst, und die Geistlich- 
keit legt sich in Predigtmärlein und prosaisch abgefaßten Legen- 
den einen erbaulichen Schatz für Predigt und Unterhaltung zu- 
recht. Kurz vor 1350 schreibt Herrmann von Fritzlar sein buch 
von der heiligen lebine, das mit seinen Auszügen aus Predigten 
und frommen Schriften noch deutlich den Stempel des prak- 
tischen Handbuches an der Stirne trägt. Im Wenzelpassional, 
das fünfzig Jahre später geschaffen wird, ist dieser Charakter 
bereits verwischt; ein gediegenes Erbauungsbuch, wendet es sich 
an die vornehmen Laienkreise zur Unterhaltung; damit ist der 
erste bedeutsame Schritt zur Unterhaltungsprosa gemacht. Aber 
hinter all diesen Büchern und ihren unmittelbaren Nachfolgern 
steht eine geistlich moralisierende Tendenz; wohl wenden sie sich 
an die breiten Volksmassen und: werden von ihnen gerne ange- 
nommen, aber sie haben doch kein eigentliches Heimatrecht 
unter den lesenden Laien, die an der Schöpfung dieser Prosa 
keinen Anteil haben. Ihre Bedeutung für die deutsche Literatur 
liegt weniger in ihrem Stoff, in ihrer Art, in dem Geist, den 
v sie ausatmen, als vielmehr in ihrer Form; sie arbeiten an der 
Geschmeidigkeit der Sprache, an ihrer Eignung zur ungebun- 
denen Rede, und so leisten sie an ihrem Teil das gleiche Werk, 
das Predigt und Mystik2*, Geschichts- und Rechtsprosa an 
dem ihrigen tun. Ihr Vorbild ıst die lateinische Prosa; aus 
dem Gebrauch der kirchlichen Weltsprache entwickelt sich 
die Übersetzungstätigkeit aus dem Lateinischen, und erst, als 
beide Stadien durchlaufen sind, wagt sich die selbständige Prosa 
hervor25. So ist das Feld bereitet, als die bürgerlich-laienhafte 
Prosa Kulturbedingung wird; sie findet eine formale Tradition, 
an die sie anknüpfen kann, Sprache und Publikum sind ihr 


gefügig. 


% Vgl. zum folgenden W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S. 34 fl. 
%4 Die Mystik ist auch Erzeugerin einer guten Briefprosa, die freilich mit 
ihr wieder erlischt. G.Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. Berlin 1889, 
I ız£. 

3 W. Scherer, Die Anfänge des deutschen Prosaromans und Jörg Wickram von 
Colmar. Quellen und Forschungen XXI (1877) S. 7; vgl. Scherer, A.f. d. A. III 


(1877), 202. 


Zeit und Entwicklung 9 


Diese neue Prosa kommt aus Frankreich. Da finden sich schon 
im ı2. Jahrhundert Ansätze zu einer französischen Original- 
prosa, im dreizehnten Jahrhundert entwickeln sie sich, und um 
die Mitte des Jahrhunderts sehen wir bereits große Zyklenromane 
entstehen 26. Zwar läßt sich der Vers schwer verdrängen, das 
ganze ı3. Jahrhundert hindurch kämpft gebundene gegen un- 
gebundene Rede, und erst in den Prosaversionen der Artus- 
romane haben wır reine Prosa vor uns. Sehr wahrscheinlich ist 
auch in Frankreich die Prosa nicht autochthon; von Nordfrank- 
reich geht die Bewegung aus, und das ist die Gegend, in der 
keltischer Einfluß sehr bestimmend auf die romanischen Nach- 
barn einwirkt. Für die Kelten aber ist die Prosa die Form der 
epischen Dichtung schlechthin ?2?; unberührt von jedem antiken 
Einfluß entsteht um die Wende des 7. Jahrhunderts das älteste 
irische Epos Täin bö Cüalnge, das den Zug der Iren gegen Ulster 
in Prosaform besingt?3, und die Trojaner- und Alexandersage 
finden bei den Iren ihre epische Gestaltung in ungebundener 
Rede. Wie dem auch sei: ihre Ausbildung und weltgeschichtliche 
Bedeutung hat die Prosa bei den Franzosen gefunden; die fran- 
zösische Prosa gilt als vorbildlich in ganz Europa; in England ist 
sıe Hofsprache bis zu Cromwells Zeiten, in Norditalien bis um 
ı500, in Turin bei Hof und Akademie gar bis ins ı8. Jahrhun- 
dert hinein. Im ı3. Jahrhundert bedient sich Brunetto Latini 
in seinem „Lehrbuch des Lebens“ ıhrer, und Marco Polo folgt 
seinem Beispiel in seiner „Reisebeschreibung‘ (1298) 2°. Spanien 
empfängt zuerst die Anregung zu eigenem Nachschaffen; an der 
Sprache der Kanzlei Alfons X. (um 1250) ausgebildet, durch 
Übersetzung geschult, ist seine Prosa zuerst geschmeidigt, die 
französischen Ritterbücher nachzuahmen: so gelingt hier der 


26 Vgl. zum folgenden W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S. 29ff., 
H. Morf, Die romanischen Literaturen. Die Kultur der Gegenwart I ıı, ı 
S. ı58ff., S. Singer, Die Wiedergeburt des Epos und die Entstehung des 
neueren Romans. Sprache und Dichtung U. Tübingen ı9ı0. S. 55. 

27 H, Zimmer, Sprache und Literatur der Kelten im allgemeinen. Die Kultur 
der Gegenwart XI ı, ı (1909), S. 6ıfl. 

23 S, Singer, Wiedergeburt des Epos S. 35. 

29 H. Morf, Die romanischen Literaturen S. 159. 


10 Zeit und Entwicklung 


große Wurf des Amadis3°. Dann folgt Italien; Dantes Francesca 
liest schon den prosaischen Lanzelot. Als Deutschland den breiten 
Strom der französischen Prosa aufnimmt, hat er bereits ganz 
Europa überflutet. 

Ansätze zu einer deutschen Unterhaltungsprosa zeigen sich 
hie und da schon früher. Kaum wird man den Lucidarius (um 
1200) hier anführen dürfen; ungeachtet seiner Stellung, die 
er späterhin unter den Volksbüchern einnimmt, ist er nach Ur- 
sprung und Tendenz doch mehr ein Lehrer als ein geselliger 
Freund. Aber wichtig bleibt trotzdem der Umstand, daß seine 
Form die Prosa. ist: 


„ez enwere an dem meister nicht blıben, 
er hetite ez gerimet, ab er solde,““ 


bemerkt der versefreudige Verfasser im Vorwort. In Nieder- 
deutschland findet sich dann ein erster früher Vorläufer des 
Prosaromans; hier entsteht im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, 
kurz vor dem Sachsenspiegel, ein Lanzelot, von dem Bruchstücke 
uns erhalten sind. Ungefähr um dieselbe Zeit oder wenige Jahre 
später verfaßt ein hochdeutscher Prosaist einen höfischen Roman; 
das dürftige Fragment, das ein glücklicher Fund uns kürzlich 
beschert hat, läßt kaum erkennen, welchen Stoff das Werk be- 
handelt; vielleicht liegt ein Tristan vor uns31. Dann schweigt die 
Überlieferung lange Zeit; der Vers herrscht allein, die ungebun- 
dene Rede gilt als unaristokratisch: noch ist die soziale Um- 
schichtung, die ihre Grundbedingung ist, nicht erfolgt. Als sie 
einsetzt, ist auch die Zeit der Unterhaltungsprosa gekommen: 
mit Übersetzungen beginnt sie — ein niederdeutsches Fragment 
einer Prosaversion des chanson de geste von Girart de Rous- 
sillon von etwa ı/4oo steht an der Sptize der Entwicklung®? —, 
schreitet über die selbständige Auflösung deutscher Versromane 
fort — erst ı465 begegnet uns das erste Beispiel für diese 


30 ebda. S. 202. Ph.Strauch („Pfalzgräfin Mechthild in ihren literarischen Be- 
ziehungen.* Tübingen 1883, S. 43) läßt die Prosa von den Niederlanden nach 
Deutschland kommen. 

81 E. Schröder, Fragmente eines mittelhochdeutschen Prosaromans aus dem 
Anfang des ı3. Jahrhunderts. ZdA. 59 (Neue Folge 47), 1922, $. ı6ıf., 216. 
32 Liepe Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S$. 37. 


de 


Zeit und Entwicklung II 


Stufe in einer mitteldeutschen Erzählung von „Valentin und 
Namelos“, der eine niederdeutsche Nachdichtung französischer 
chanson-de-geste-Dekadenz zugrunde liegt?? — und steigert sich 
schließlich zu eigenen, originalen Werken. Fortunat und Eulen- 
spiegel, beide vom Beginn des ı6. Jahrhunderts, bezeichnen 
hier die Anfänge. Zwischen Übersetzungen und Prosaauflösungen 
besteht dabei kein nennenswerter innerer Unterschied, denn auch 
die Prosaauflösungen, weit an Zahl hinter den Übersetzungen 
zurückstehend, vermitteln ihren Hörern zumeist französisches Ge- 
dankengut. Aber von der letzten, der dritten Stufe trennt beide 
eine breite Kluft: in den Werken, die zu ihr gehören, wird 
deutscher Inhalt von der neuen, nun völlig ausgebildeten Form 
umschlossen, sie bildet füglich den Gipfel der Entwicklung. 
Und indem wir das Schwergewicht auf den Zusammenhang 
zwischen volkstümlichem Inhalt und volkstümlich gewordener 
Form legen, unterscheiden wir diese Volksromane®* von den nur 
ihrer Verbreitung nach volkstümlichen Ritterromanen. 


Wie sehr die Prosaform diesem Geschlechte angemessen ist, 
zeigen gelegentliche Bemerkungen der Verfasser. Noch der Luci- 
dariusautor hatte bedauert, nicht reimen zu dürfen, auch der 
Tristrantauflöser glaubt sich noch entschuldigen zu müssen: 
„von der leüt wegen, die solicher gereimbter bücher nit genad 
habent, auch etlich, die die kunst der reimen nit eygentlich ver- 
steen künden, hab ich ungenannter dise hystori in die form ge- 
pracht, und der Wigoleisbearbeiter ist durch etlich edel und . 
andere ehrliebende personen, mann und frauwen gebetien worden, 
jnen zu lieb die history ungereimbt zu beschreiben‘; er be- 
kennt freiwillig, daß er nach den sitten der poeten nichtz enkan. 

Ringoltingen, der Erzähler der Melusine, rähmt sich am Ende, 
daß er diss buch schlechtlich on rimen nach der substantz, so 
best er kund, gesetzt: das Gewicht dieser Worte liegt weniger 


rn 


3 ebda. S. 5ı. 

% Diese vergißt Liepe S. 77, wenn er sagt: „Weder das Auftreten der Prosa- 
form in diesem Zeitraum noch die besondere Gestaltung ... sind charak- 
teristisch deutsch. Deutsch bleibt nur die Sprachgebung.“ Die Geschichte 
des Romans mit Grimmelshausen zu beginnen (W. Stammler, Zeitschrift für 
den deutschen Unterricht 30, 337; F. Clement, Die Grundlagen der deutschen 
Dichtung. München 1904. $S. 36), geht nirht gut an. 


12 Zeit und Entwicklung 


auf dem schlechtlich (wie etwa Benz meinen möchte), als auf 
der Bemerkung nach der substantz: es kommt auf den Inhalt 
an, das Publikum wünscht Stoff, jede Bindung in der Form 
wirkt dabei störend. Daß hier schon die Prosaform als künst- 
lerısches Darstellungsmittel des Romans empfunden wird35, mag 
mit Fug bezweifelt werden; vielmehr ist der Vers zu schwierig, 
zu anspruchsvoll für den Leser, der unerhörte Neuigkeiten kennen- 
lernen oder sich an altbeliebten wunderbaren Begebenheiten mit 
leichter Mühe von neuem erfreuen möchte. Darum ist auch der 
Vergleich dieser Zeit mit dem Sturm und Drang nicht recht zu- 
treffend: 36 dort ist es ein wirkliches, bewußtes Abschütteln der 
Form, eine revolutionäre Tat, die zur Prosa führt, hier eine willige 
Annahme fremden Vorbildes, das sich bequem in die Lücke 
einfügt, die eine nicht mehr zeitgemäße, langsam abgestorbene 
Poesie zurückgelassen hat. Es ist interessant zu beobachten, 
wie mit der Zeit die Anpassung an die Prosa immer selbstver- 
ständlicher wird; die Melusinenausgabe von 1474 berichtet in 
ihrer historischen Einleitung, der Vorlage entsprechend, von der 
Entstehung des Romanes noch: und (der Graf) hyes im myit 
reymen ein buch machen; spätere Ausgaben des ı7. und 18. Jahr- 
hunderts setzen dafür: solches nun solte er in einem Iractat 
und vollkommenen buch, nach genealogisch und historischer 
beschreibung, einrichten, es sey gleich in reymen oder so gebun- 
dener, als ungebundener red-art, wie es ihm am füglichst ge- 
deuchte. 


Der Unterschied dieser neuen Prosaromane von den letzten 
Versepen, deren äußere Nachfolgerschaft sie antreten, liegt nicht 
so sehr ım Stoff als vielmehr in der Form: Kaspar von der 
Röhns und Ulrich Füetrers Reimwerke sind innerlich dem Tri- 
strant, dem Wigoleis sehr verwandt, und ihre Verfasser wollen 
nichts anderes als die Prosaisten: nämlich erzählen. R. M. Meyers 


DVSERERE 


% H. Naumann, Grundzüge der deutschen Volkskunde. Wissenschaft und 
Bildung ı8ı (Leipzig 1922), $. 107. Dunlop, Geschichte der Prosadichtungen 
$. 3 erfaßt den Zusammenhang schärfer. 

86 Bobertag, Geschichte des Romans und der ihm verwandten Dichtungs- 
gattungen in Deutschland. I (Breslau 1876), S. 67. R. M. Meyer, Die deutsche 
Literatur bis zum Beginn des ı9. Jahrhunderts? (hg. Pniower), Berlin 1920, 
S. 214. 


Zeit und Entwicklung 13 


Beobachtung, daß der Roman unter allen Umständen eine er- 
fundene Geschichte sei, während an der historischen Wahrheit des 
Epos, auch von dem Erzähler selbst, geglaubt werde3?, trıfft 
wenigstens für diese frühe Zeit nicht zu. Im Roman steht die 
Erzählerfreude, im Epos der ästhetische Genuß mehr im Vorder- 
grunde; es mag an der schwächeren epischen Veranlagung der 
Deutschen liegen, daß hier später als bei den Kelten und Fran- 
zosen die ungebundene Form Heimatrecht findet38. Aber zwischen 
Epos und Roman besteht entwicklungsgeschichtlich ein tiefer 
Zusammenhang, eine Linie verbindet sie beide. In seiner feinen 
poetischen Art hat Jacob Grimm: das einmal ausgedrückt, als er 
von dem Romane sprach, „in welchem das Epos sich, wie der 
Rhein in den Sand, verlaufen hat‘ 39. Ein Wort Goethes, das er 
zu Eckermann geäußert hat, findet seine Bestätigung besonders 
für unsere Zeit: „Es liegt in der deutschen Natur,‘ sagt er, 
„alles Ausländische in seiner Art zu würdigen und sich fremder 
Eigentümlichkeit zu bequemen. Dieses und die große Fügsam- 
keit unserer Sprache macht denn die deutschen Übersetzungen 
durchaus treu und vollkommen.“ Und Jahrzehnte später zieht 
in seinem Sinne Gervinus die Summe aus den Erscheinungen 
unserer Periode, wenn er sagt: „Das dankt man ... der Auflösung 
der Reime und Verse in jenen Zeiten, daß man zu lernen anfängt, 
sich in fremden Geist zu finden, und daß im strengen Gegen- 
satze zu den poetischen Romanen die prosaischen die Farbe ihrer 
lateinischen, französischen, italienischen, niederländischen Quellen 
ebenso festhalten, wie es jene verwischen.‘ 40 

Ihren Ausgang nimmt die junge Unterhaltungsprosa von fürst- 
lichen und adligen Kreisen; wie stark das Vorbild dieser Gesell- 
schaftsschichten noch immer ist, zeigt. sich gerade in dieser Tat- 


87 R. M. Meyer, Vom Romantischen im Roman. Velhagen & Klasings Monats- 
hefte. XXVI, ıgıı/ı2, II 290. 

38 Chr. Touaillon, Der deutsche Frauenroman des ı8. Jahrhunderts. Wien- 
Leipzig ı919, S. 4. | 

89 Deutsches Wörterbuch II, 1469. 

4% G.G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung? (Leipzig 1871) II 343. 
Auch Goethe erkennt in den „Noten und Abhandlungen zum Divan“ (Wei- 
marer Ausgabe I 7, S. 235) den inneren Geist der Prosa; auch diese Stelle 
ist für unsere Zeit bedeutsam. Über Poesie und Prosa vgl. ferner J. Grimm, 
Kleinere Schriften VI (Berlin 1882), S. 95. 


14 Zeit und Entwicklung 


‚ sache. Aber von Anfang an wenden sich die neuen Romane an 
ein breiteres Publikum, und sehr bald treten Persönlichkeiten 
aus diesem hervor, die ihrerseits auf dem von Fürsten und Adel 
begonnenen Wege fortschreiten. Der Geist der Werke, die die 
Burgadligen dem deutschen Publikum vermitteln, ist in keiner 
Weise ein anderer, als der, den die frühen Romane der alten 
Gesellschaftsklasse atmen, denn die Einheitlichkeit des Kultur- 
bildes wird in dieser Zeit nicht durch die verschiedenen Stände 
gestört. Ein Wechsel findet im Lauf der Jahrhunderte nur im 
Publikum statt: in ihrer Frühzeit gehören die volkstümlichen 

itterromane den Gebildeten an, die später, als die breite Masse 
des Volkes von ihnen Besitz ergriffen hat, ihre erbittertsten 
Feinde werden. Vom Standpunkt des Publikums aus, aber auch 
nur von diesem, kann man also für die späteren Jahrhunderte 
die Ritterromane sehr wohl als „gesunkenes Kulturgut‘ bezeich- 
nen 1; ihren Ausgang jedoch nehmen sie alle, auch die jüngsten, 
aus den Kreisen derer, die sie jedenfalls äußerlich als roh und 
unpoetisch ablehnen oder totschweigen. 

Es sind besonders zwei Frauengestalten, die, aus fürstlichem 
Kreis stammend, fördernd und anregend die neue Bewegung be- 
schützen: Elisabeth von Nassau-Saarbrücken und Pfalzgräfin 
Mechtild. Elisabeth #2 stammt aus Frankreich; ihre Mutter hat ın 
der Geschichte der französischen Prosa eine bedeutsame Stellung 
inne; zur Zeit ihrer Kindheit lebt Christine von Pisa (1374 
bis ı430) in Frankreich, die erste französische Berufsschrift- 
stellerin, die Vers und Prosa gleichmäßig pflegt. Als Elisabeth, 
durch ihre Heirat zur deutschen Fürstin geworden, daran geht, 
die Werke ihrer Mutter, „Loher und Maller“ (1407) und „Hug 
Schapler“, in ‚deutsche Prosa umzusetzen, tut sie, von sich aus 
gesehen, nichts Besonderes. „Herzog Herpin““ und die „Königin 
Sıbille“ folgen, damit ist ein Stamm von Werken geschaffen, 
der in seiner Art vorbildlich ist und zunächst auch vorbildlich 

vbleibt. So bildet diese Frau die Brücke für einen Kultur- 
einfluß, der, wenn sie nicht gewesen wäre, nicht so leicht und 


41 Naumann, Grundzüge der dtschen Vk.S.ı07; Liepe, Elisabeth S.70, Brecht, 
Einführung in das ı6. Jahrhundert, 5. 347. 

42 Das grundlegende Werk über sie ist die oft men Arbeit von Liepe, 
s.$.6, Anm. 48. 


Zeit und Entwicklung I5 


zwanglos hätte Platz greifen können. Und ein freundlicher 
Zufall setzt ihr eine gleich begünstigte Gefährtin zur Seite: 
zwischen ı449 und ı456 übersetzt Eleonore Stuart, die Gattin 
Herzogs Sigmunds von Tirol und Vorderösterreich, den fran- 
zösischen Roman von Pontus und Sidonia, den sie wohl durch 
ihre Schwester Margarete, die Gemahlin Ludwigs XI., kennen- 
lernte%3, ın deutsche Prosa. Beider Fürstinnen Werke haben ihre 
Bedeutung mehr für die Entstehung des Prosaromans als für die 
Geschichte der Volksbücher: Eleonorens Werk wird zwar 1483 
(bei Schönsperger in Augsburg) gedruckt, spielt aber späterhin 
nur eine untergeordnete Rolle, und die Romane der Elisabeth 
finden erst im ı6. Jahrhundert im Straßburger Drucker Grünin- 
ger einen späten Verleger; als sie auf dem Büchermarkt er- 
scheinen, haben ihnen bereits andere, geschmeidigere Werke den 
Rang abgelaufen. 


Eleonore Stuart steht im Verkehr mit der Pfalzgräfin Mech- 
tıld**, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken ıst ihre Base: der Hof, 
den die junge Witwe zu Rottenburg hält, ist der Mittelpunkt 
des literarischen Deutschlands jener Jahre. Ihr widmet Hermann 
von Sachsenheim seine Epigonendichtungen, von ihr erbittet Püte- 
rich von Reicherzhausen die neuen Prosaromane in gereimtem 
höfischem Briefe: wenn wir vorhin Elisabeth die Brücke zwischen 
Frankreich und Deutschland nannten, so ist sie die Brücke 
zwischen alter und neuer Zeit; daß der Übergang so leicht und 
harmonisch vonstatten geht, ist ihr Werk nicht minder als Elı- 
sabeths. Und wieder ist ihr Mäcenatentum ein Nachleben fran- 
zösischen Vorbildes: König Johann und Karl V. sind von einem 
ganzen Stab von Dichtern umgeben #5, und am burgundischen Hofe 
findet die Prosa besondere Begünstigung #6. 


#3 P, Wüst, Die deutschen Prosaromane von Pontus und Sidonia. Phil. Diss. 
Marburg 1903. 

4 Ph, Strauch, Pfalzgräfin Mechtild in ihrenliterarischen Beziehungen. Tübingen 
ı883. E. Martin, Erzherzogin Mechthild, Gemahlin Albrechts VI. von Öster- 
reich. Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Alter- 
tums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den angrenzenden 
Landschaften II (1872), ı47ff. | 
#5 W. Scherer, A. f. d. A. III (1877) 2o2. 

46 G. G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung (1871) II 336. 


16 Zeit und Entwicklung 


Neben diesen fürstlichen Frauen stehen eine lange Reihe von 
Fürsten und Adligen der neuen literarischen Form fördernd zur 
Seite und suchen so die Lücke auszufüllen, die die. produktive 
dichterische Betätigung in jener Zeit bei ihnen zeigt: der einzige 
Hutten tritt selbstschöpferisch hervor; Sickingen und Landschad 
verfassen nur reformatorische Streitschriften und Sendbriefe, und 
mit ihnen ist die Zahl der adligen Schriftsteller erschöpft”. 
Aber als Anreger haben sie viel geleistet: ı444 setzt Johann 
Hartlieb die Alexander-Geschichte für Albrecht III. in Prosa 
um (gedruckt ı472), auf Wunsch adliger Kreise wird 1492 
Wirnt v. Gravenbergs Wigalois aufgelöst (gedruckt 1493), 1485 
übersetzt der kaiserliche Rat und Kanonikus Marquard v. Stein 
den „Ritter v. Turn“. Der Verdeutscher der Melusine (erster 
Druck '1ı474) ist ein Adliger; er unternimmt seine Arbeit auf 
Wunsch des Markgrafen Rudolph von Hochberg-Neuenburg, und 
Veit Warbeck widmet seine „Schöne Magelone‘ (1535) dem Kur- 
prinzen Johann Friedrich von Sachsen. Eberhard von Württem- 
berg veranlaßt die Übersetzung des Buchs der „Beispiele der alten 
Weisen‘, für ıhn werden einzelne Teile der Bibel, Stücke aus 
Josephus, Sallust, Columella, Livius, Ovid, Demosthenes, Euklid, 
Augustin in deutsche Prosa übertragen #8, und sein später Nach- 
folger Christoph gibt die erste Anregung zur Verdeutschung des 
Amadis 49, Unter starkem Schutz, unter günstigen Bedingungen hält 
die neue Prosadichtung in Deutschland ihren Einzug, und beide 
Vorzüge bleiben ihr: so ist ihr Weg für die Zukunft gesichert. 


Die ersten Jahrzehnte hindurch ist die Romandichtung Eigen- 
tum der führenden Stände, so gut wie das höfische Epos; sie 
bleibt es, solange nur Handschriften für ihre Verbreitung sorgen. 
v Mit der Erfindung des Druckes wird das anders; weitere Kreise 
sind in der Lage, die Bücher zu lesen und zu erwerben. Zu 
gleicher Zeit macht die junge Buchdruckerkunst die Gebildeten 
mit den neuen Stoffen der Renaissance und des Humanismus 
bekannt, denen sich nun ihr vornehmliches Interesse zuwendet. 


47 E. Kück, Schriftstellernde Adlige der Reformationszeit. Programm Rostock 
1899. 

# Das Buch der Beispiele der alten Weisen, hg. von W. L. Holland, Bibliothek 
des Liter. Ver. Stuttgart Nr. 56 (1860) S. 249. 

#4 H. Rausse, Geschichte des Deutschen Romans bis ı800. (1914), S. 53. 


Zeit und Entwicklung 17 


Und dann kommt die Reformation und lenkt die Interessen in 
den beiden feindlichen Lagern von den alten ritterlichen Werken 
ab: mit dem beginnenden Verständnis für die gelehrt-antiken 
oder antikisierenden Bücher, mit zunehmender Anteilnahme an 
den Streit- und Schmähschriften vollzieht sich die Abkehr der 
führenden Stände von der Literatur der Ritterromane. Es ist 
dieselbe Zeit, die Raum und Gelegenheit bietet, einheimische 
Stoffe in volkstümliches Gewand zu kleiden; erst jetzt kann man 
die alten Ritterromane, zu denen nun Ben neuen Volksromane 
treten, als Volksbücher bezeichnen. 


So ist der Druck die äußere Vorbedingung für die Verbreitung 
der neuen Literaturgattung; durch seine Hilfe erst wird das 
ganze lesekundige Volk instand gesetzt, an ihr Anteil zu neh- 
men50. Denn so leistungsfähig die Handschriftenabschreiber im 
ı4. und ı5. Jahrhundert auch geworden sind5l, die Grenzen 
ihres Könnens sind, mit der Druckerkunst gemessen, doch gering. 
Und zu dem ins Niegeahnte gesteigerten Leistungsvermögen treten 
zwei weitere Faktoren, die die Verbreitung der Bücher befördern: 
der ungehinderte Nachdruck, der es jedem Verleger ermöglicht, 
Neuerscheinungen anderer Pressen seiner eignen anzueignen, und 
ganz besonders der geschäftstüchtige Unternehmergeist, der alle 
Vertreter der neuen Kunst beseelt. Neben den kostbaren Prunk- 
drucken werden sehr bald billigere Ausgaben hergestellt; im 
ı6. Jahrhundert löst sich das Buch immer weiter von der Hand- 
schrift52. Format und Einband werden handlıcher, alles ist 
auf die Aktuellität eingestellt, äußere Schönheit der Bücher wird, 
vom Titelblatt etwa ‚abgesehen, nicht mehr angestrebt. Und bald 
findet unter orientalischem Einfluß der Pappdeckel statt des 
Pergamentbandes seine Verwendung und verringert die Kosten 
für Verleger und Käufer. Noch in den ersten Jahrzehnten des 
Buchdrucks springen Abschreiber in die Lücken, die er noch nicht 
füllen kann, und arbeiten mit an der Verbreitung der gedruckten 
Werke; der Verfasser des Tristrant (1484) bittet die das. lesen 


50 so schon A. Bachmann und S. Singer, Deutsche Volksbüchet. Bibliothek FA 
Literarischen Vereins Stuttgart Nr. 185, S, XI; vgl. Benz, Volksbücher = 26. 
Naumann, Grundzüge der deutschen Volkskunde $. 108. 

51 G, Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur. II? (1913) S. ı7ı.. 

52 Vgl. A. Schramm, Schreib- und Buchwesen einst und jetzt. Leipzig v. J., S. zıf. 


Mackensen, Die deutschen Volksbücher 8 


% 


18 Zeit und Entwicklung 


oder abschreiben, seine Irrtümer zu verbessern. Ihre Hilfe wird 
mit wachsender Leistungsfähigkeit der Pressen unnötig 53; wie die 
Verleger von Anfang an bemüht sind, hauptsächlich Texte her- 
zustellen, die im Publikum auf Anklang rechnen könnten 54, ist 
auch in der Folgezeit ihr ganzes Bemühen darauf gerichtet, dem 
Leseeifer und den Interessen der Käufer entgegenzukommen, und 
der hat den größten Absatz, der am billigsten verkauft. Die süd- 
deutschen Pressen behaupten in den ersten hundert Jahren fast 
alleine den Platz; von Ulm und Augsburg verschiebt sich das 
Schwergewicht buchhändlerischer Tätigkeit langsam nach Frank- 
furt, das um 1550 den Mittelpunkt bildet; sein Verleger Sigmund 
Feyerabend 55 stellt den Typ des geschäftstüchtigen, skrupellosen 
Volksbuchdruckers dar. Wie die Entwicklung im einzelnen vor 
sich geht, davon wird noch zu reden sein. Hingewiesen sei aber 
schon hier auf die marktschreierischen Anpreisungen, die, an 
Anfang und Ende des Buches angebracht, das Publikum zum 
Kaufe anlocken sollen und deutlich genug Zeugnis geben von 
dem Geist der Verleger (vgl. oben S. 4f.). Im Anfang der Ent- 
wicklung in bescheidenen Grenzen, wächst der Umfang dieser 
werbenden Ankündigungen stetig und nimmt schließlich eine 
Breite ein, die für den eigentlichen Titel des Buches kaum noch 
Platz läßt. So druckt der Straßburger Martin Schott56 1488 das 
buch der geschicht des großen allexander, 1489 ein hübsche histori 
von der Küniglichen stat troy wie si zerstörett wartt und um 1485 
ein lieblich history von dem hochgelehrten meister Lucidario; 
nur mit schmückenden Beiworten wird der Inhalt des Buches 
dem Leser verlockend zu machen versucht, und andere gleich- 
zeitige Werke anderer Verleger halten sich in ähnlichen be- 
58 Daß die angeführte Notiz aus dem Tristrant noch im Frankfurter Druck 
von 1570 steht, ist lediglich ein Beweis für die Gedankenlosigkeit der Ver- 
leger und die Sorglosigkeit der Abdrucke, nicht aber, wie F. Lichtenstein (Zur 
Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde, Breslauer Habilitationsschrift 


1877, S. 9) will, für noch damals geübte Abschreibertätigkeit. 

% Vgl. R. Pietschmann, Das Buch. (In: Die Kultur der Gegenwart I ı, ıgı2\ 
$. 571. 

°5 H. Pallmann, Sigmund Feyerabend, sein Leben und seine geschäftlichen Ver- 
bindungen. Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. N. F. VII (188ı), 
S. ıfl, | 

56 Ch. Schmidt, Martin und Jean Schott. R£&pertoire Bibliographique Stras- 
bourgeois jusque vers 1520. II. Straßburg 1893. 


Zeit und Entwicklung 19 


scheidenen Grenzen. Aber mit dem Beginn des ı6. Jahr- 
hunderts ändert sich das Bild; ı5ıg prunkt der Titel des Wigo- 
leis, der 1493 bei Schönsperger in Augsburg unter der ein- 
fachen Bezeichnung Wigoleyß vom rade vom grafcuperg er- 
‚schienen war, schon in anspruchsvoller Breite: ein gar schöne 
liepliche und kurtzweilige history von dem edelen herren Wigo- 
leis vom rade. Ein ritter von der tafelrunde mit seinen schönen 
hystorien und figuren. Wie er geboren vnd sein leben von seiner 
jugent an biss an sein ende geführt und vollbracht hat (Straß- 
burg, bei Knoblauch). Die älteste Ausgabe des Salomon und 
‘ Markolf (1487 bei Ayrer in Nürnberg) betitelt sich frag vnd 
antwort Salomons vnd Marcolfi, im Laufe der Jahrhunderte auf- 
geschwellt, lautet der Titel in den Jahrmarktsausgaben des 
ı8. Jahrhunderts: der visirliche Marcolphus, bestehend in einem 
abentheuerlichen gespräch zwischen dem könig Salomon und 
diesem unberichtsamen und groben menschen. Hartliebs Alex- 
anderbuch von 1473 kündigt sich schlicht an: hienach volget 
die histori von dem grossen Alexander wie die Eusebus beschri- 
ben het; ı5og ist bereits anspruchsvoller: das buch der geschicht 
des grossen Allexanders wie die Eusebus beschriben und ge- 
teuischt (!) hat mit vyl schönen figuren, und 1670 wird eine 
ganze ruhmredige Inhaltsangabe geboten: Historia von dem gros- 
sen könig Alexander wie der innerhalb zwölff jahren mit grosser 
unglaublicher eil fast die gantze welt mit viel schlachten und 
grossen siegen durchwandert und gantz Asien von dem Adriati- 
schen meer an biss an das Indianische grosse meer unter seine 
gewalt gebracht hat. Jetzo aufs neu aus der alten teuischen 
sprach in druck gegeben. Neue Bücher, die auf den Plan treten, 
eignen sich gleiches Gebaren an; der Titel des Siegfriedbuches 
(1726) lautet prahlend genug: eine wunderschöne historie, von. 
dem gehörnten Siegfried, was wunderlicher ebeniheur dieser 
theure ritter ausgestanden, sehr denkwürdig und mit lust zu 
lesen. Aus dem frantzösischen ins teutsche übersetzt und von 
neuem wieder aufgelegt. Ob die Ankündigungen Unwahrheiten, 
wie die Schlußbemerkungen des Siegfriedbuches, -enthalten, ist 
gleichgültig, wenn diese nur ihren Zweck erfüllen, das Publikum 
anzulocken; tritt doch schon in des Straßburgers Jakob Frölich 
Griseldisausgabe von 1554 die Reklame unverhüllt vor den Käu- 


ge 


30 Zeit und Entwicklung 


fer: „Kauffs, liss es, du würsts loben.“ Von hier bis zu den 
großen Anpreisungen, wie sie die jüdisch-deutsche Bearbeitung 
des Schildbürgerbuches (1637) aufweist, ist nur ein Schritt; dort 
heißt es am Schluß: tut, ir leit, geschwind her bei laufen, schauet 
das buch an un tut es behend kaufen, lange tu ich nit dar mit 
warten. jetzund is di zeit, das ich mus der mit reisen an alle 
plezen un orten. Kan es nit anderst tun, sonsten tut (es) mir ein 
anderer kaufman. habe grose zeit da mit ver bracht, libe leit, 
ich bit eich, seit des wol bedacht, wie selt ich den anderst 
kenen besten, ja, izund mus ich ganz fleisig der mit rum gen. So 
schließt denn auch der Titel der jüdisch-deutschen Bearbeitung 
des Wigoleis: wann ihr wert drinnen leyen, wert sich euer hertz 
‚erfreuen. 

Unter diese lebhaft angepriesenen Werke ihren Namen zu 
setzen, scheuen sich die Verleger zumeist, besonders dann, wenn 
es sich um Nachdrucke handelt. Bereits im ı5. Jahrhundert 
erscheinen Romane ohne Angabe des Druckortes und -jahres; 
vor ı481 druckt eine Augsburger Presse, wahrscheinlich Anton 
Sorg, das Brandanbuch zweimal: so tragen bereits die beiden 
frühesten Ausgaben des Werkchens den zeitlosen überzeitlichen 
Charakter, der später all diese Bücher vereint. Es wird, abgesehen 
von den Vorteilen, die der Verleger aus der Fortlassung von 
Ort und Jahr zieht, beim Käufer das Gefühl erweckt, als be- 
komme er etwas ganz Neues, soeben Gedrucktes in die Hand; 
auch dieser Umstand wirkt auf den nach literarischen Neuig- 
keiten lüsternen Leser. Als im ı8. Jahrhundert das für die 
neueren Volksbuchausgaben bezeichnende „Gedruckt in diesem 
Jahr” in die Lücke tritt, wird dieser Eindruck beim Publikum 
nur stärker betont und unterstrichen; aus der Unterlassungssünde 
entsteht die wirkliche Täuschung, das ist nur ein Schritt. Daß 
bei der Unterdrückung von Druckort und -jahr nicht nur Furcht 
vor den Folgen des Abdruckes die Hand im Spiel hat, zeigt die 
Tatsache, daß auch Erstdrucke zuweilen beides vermissen lassen 
(wie z. B. die oben erwähnten Brandanausgaben) und daß ander- 
seits, besonders in den ersten hundert Jahren der Entwicklung, 
auch Nachdrucke sehr oft den Namen ihres Verlegers tragen. 
Im ı6. Jahrhundert haben die Drucke ohne Ort und Jahr fast 
allein den Platz; sie sind nun, ausgeschieden aus der Masse der 


Zeit und Entwicklung 21 


anderen Literatur, Gemeinbesitz geworden, und wer sie druckt, 
erhebt keinen Anspruch auf irgendein Eigentums- oder Verlags- 
recht. 

Die ersten Ausgaben der Ritterromane erscheinen im Gewande 
der ersten Druckerzeugnisse überhaupt: im Folioformat, mit 
prächtiger Ausstattung. Aber man erkennt rasch, worauf es an- 
kommt: handliche Bücher zu schaffen, die, unbeschwert von 
allem Prunk der teueren Werke, auch für den nicht hochbe- 
mittelten Bürger käuflich sind. So tritt sehr bald neben den Folio- 
der Quartdruck, eine Zeitlang bestehen beide nebeneinander: die 
Tristrantausgabe, die Anton Sorg 1484 in Augsburg herausbringt, 
erscheint in Quart, ihre Nachfolgerin von 1498 aus dem Verlage 
von J. Schönsperger in Folio56a. Aber schon hat der Quartdruck 
den Vorzug: Salomon und Markolf erhält in allen Ausgaben des 
ı5. Jahrhunderts (1482, 1487 Ayrer, Nürnberg, ı489 Westphal, 
Stendal, 1490 Schobsser, Augsburg, ı496 Zainer, Ulm, 1498 
ders.; dazu. 2 Drucke o. O. u. J.) dieses Format, und mit dem 
ı6. Jahrhundert geht man zum Oktav über: Wigoleis erscheint 
1560 bei Weigand in Frankfurt in der neuen handlichen Form, 
die er nun beibehält, Salomon und Markolf nimmt sie in der 
ersten Hälfte des Jahrhunderts (1530, Nürnberger Druck) für alle 
weiteren Drucke an, und in dem Inventar, das über den Nachlaß 
des Buchhändlers Gülfferich 1568 aufgenommen wird, ist 
kein Volksbuch mehr aufgeführt, das eine andere Form aufweist; 
alle vier (Ritter Galmi, Herzog Ernst, Pontus, Eulenspiegel) sind 
nur in Oktavausgaben vertreten 5”. Man wünscht handliche, billige, 
nicht zu ausgedehnte Bücher: die Lanzelotprosa gelangt ihres 
großen Umfanges wegen nie zum Druck 58 und die vornehm aus- 
gestattete Ausgabe von ‚„‚Pontus und Sidonia“, die Schönsperger in 
Augsburg ı483 herausbringt, wird nicht volkstümlich; erst die 
kleinen, immer karger werdenden Ausgaben des 16. Jahrhunderts 
gewinnen die Gunst des Publikums. Ähnlich geht es der älteren 

Übersetzung des „Herzog Ernst‘, die in ihrer kostbaren Form nicht 
in weitere Kreise dringt und erst nach der Umformung in volks- 


56a F. Pfaff, Der älteste Tristrantdruck. Germania 30, $. ı9ff. 

57 H. Pallmann, Sigmund Feyerabend S. 145. 

58 4. Peter, Die deutschen Prosaromane von Lanzelot. Germania 28, 1298, 
bes. S. 140. 


22 Zeit und Entwicklung 


tümliche Form beliebt wird. So scheitert auch der Versuch des 
Jheronimus Rodler, seine Übersetzung des französischen Romans 
von den Haymonskindern einzuführen, an dem hohen Preise des 
Werkes, das in ansprechender Ausstattung, mit schönen Typen, auf 
gutem Papier, verziert mit 63 künstlerischen Holzschnitten nur 
auf zahlungsfähige Käufer rechnen kann (1535 buch der vier süne 
Aimonts); erst 1604 gelingt es dem Deventerischen Buchdrucker 
Paul von der Aelst, anknüpfend an den Niederländischen Roman, 
den Stoff in anspruchsloserer Form volkstümlich zu machen 59. 
Es ist bezeichnend, daß die eigentlichen Volksromane, auch der 
frühe Eulenspiegel (1515), von Anfang an in Oktav erscheinen, 
während die Erstausgabe der Magelone (1535) und ihre zehn 
ersten Nachdrucke (bis 1553) noch Quartformat aufweisen; erst 
von 1556 ab geht auch die Magelone zu der kleineren Form über. 
Der ritterliche Stoff wird also noch immer als höherstehend 
empfunden als der Volksstoff, wie ihn Eulenspiegel und Fortu- 
nat bieten, und höhere Kreise wenden sich ihm zu. Erst mit 
dem ersten Oktavdruck ist die Umwandlung des Romans zum 
Volksbuch vollzogen 6°. 

Mit der Entwicklung der Volksbuchform geht das langsame 
Werden des Holzschnittes zum typischen Volksbuchschmuck Hand 
in Hand. Roethes Hinweis auf die Wichtigkeit der Illustration 
für das Verständnis des Werkes61 findet vielleicht bei keinem 
andern Literaturzweige so volle Bestätigung wie auf dem unsern, 
und es ist bezeichnend, daß auch er die Volksbücher als Schul- 
beispiel anführt; in dem gleichen Maße, wie Kunst und Prunk 
des Bucheinbandes sich verflüchtigen, wandeln sich die edlen 
Linien des alten Holzschnittes zur gedankenlosen Schablone. Als 
der Holzschnitt mit. dem gedruckten Buch verbunden wird — 
Albrecht Pfister in Bamberg wagt als erster den Schritt vom 
Blockbuch zum illustrierten Buch (um 1460), und die Augsburger 
Drucker Zainer, Bämler und Anton Sorg folgen ihm 62 —, hat er 
59 F. Pfaff, Das deutsche Volksbuch von den Haimonskindern. Freiburg 1887, 
S. XXXIX ff. 

60 Später ging man zu noch kleineren Formaten über; „Herzog Ernst“ erschien 
ı610 in Basel in Kleinoktav. 
61 G. Roethe, Besprechung von Könneckes Bilderatlas, A, f.d. A. 26, S. 5. 


6 vgl. R. Beck, Neugefundene illustrierte Straßburger Drucke aus dem ersten 
Jahrzehnt des ı6. Jahrhunderts. Zentralblatt für Bibliothekswesen X (1893), 


Zeit und Entwicklung 23 


bereits eine jahrzehntelange Entwicklung hinter sich; der erste 
datierte Holzschnitt trägt die Jahreszahl 1423, und auch er hat 
bereits Vorgänger63; so stehen die frühesten Buchillustrationen 
bereits auf einer beachtlichen künstlerischen Höhe®: auf 
nachträgliche Illuminierung berechnet 65, zeigen sie in derben 
markanten Strichen die Umrisse und Formen, die sich auch der 
Erinnerung des Ungelehrten einprägen. Einzelheiten, ins Spe- 
zielle gehende Feinheiten bleiben fort: sie hätten das ungeübte 
Auge nur verwirrt66. Denn nicht so sehr aus ästhetischen Rück- 
sichten werden die Bilder dem Text eingefügt als aus Gründen 
der Belehrung; die lateinischen Originaltexte, die dieselben Ver- 
leger besorgen, erscheinen ohne Bildschmuck; sie sind für Geist- 
liche und Gelehrte bestimmt, und diese bedürfen einer solchen 
Textinterpretation nicht. Aber fast alle deutschen Bücher, fast 
alle Übersetzungen sind illustriert; jeder Laie soll sie verstehen 
können und auch der, der nicht lesen kann, soll an dem Buche 
Anteil haben”. Dieser Tatsache entspricht die Fülle der Holz- 
schnitte, mit denen die Ritterromane geschmückt werden: A. Sorg 
versieht seine Tristrantausgabe von 1484, deren Umfang 185 Blatt 
beträgt, mit 60, Schönsperger diejenige von 1498 mit 70 Holz- 
schnitten 68, die fünfte, vermutlich in Straßburg erschienene Aus- 
gabe des „Herzog Ernst‘ hat auf 56 Blättern 32 kolorierte Holz- 
schnitte. Sebastian Brant sagt einmal ‚„Imperitis pro lectione 
pictura est‘, und das Blockbuch der Ars moriendi sieht den Wert 
der Illustrationen darin, ut omnibus ista materia sit fructuosa, tam 


331ff.; A. Schramm, Schreib- und Buchwesen einst und jetzt. S. 31. L. Baer, 
Die illustrierten Historienbücher des ı5. Jahrhunderts. Straßburg ı903, $. 27, 
setzt den Begrun der Illustration zehn Jahre zu spät an. Vgl. R. Muther, 
Die deutsche Bücherillustration der Gotik und Frührenaissance. München- 
Leipzig ı884 I1,S. VL | 

63 K. Pfister, Die primitiven Holzschnitte. München 1922, S. 5. 

64 Die Bücherillustration verrät am stärksten die Berührungen mit der ita- 
lienischen Kunst; F. v. Bezold, Geschichte der deutschen Reformation. Berlin 
1890, S. | | 

65 L. Baer, Die illustrierten Historienbücher. S. 28. 

6% J. Lefftz, Murner. $. 10% 

67 L. Baer, Die illustrierten Historienbücher. S$. 27. 

68 F. Pfaff, Tristant und Isalde. Bibliothek des lit. Ver. Stuttgart. CLII. 
Tübingen 1881, S. 204. 


ah Zeit und Entwicklung 


literis 'iantum literato deservientibus quam ymaginibus laico et 
literato simul deservientibus cunctorum oculis obicitur. Jede Kunst 
wird so dem erziehungsfreudigen Zeitalter zum pädagogischen 
Mittel. | 


Die geschäftsmäßige Verflachung des Buchdruckergewerbes be- 
dingt dann sehr bald auch eine Verflachung der Illustration. 
Mit dem Ende des ı5. Jahrhunderts schon setzt sie ein; die 
Holzschnitte werden, um ein ausreichendes Bildmaterial zu haben, 
fabrikmäßig hergestellt, alte Formstöcke werden zerschnitten, um 
durch neue Kombinationen der Teile neue Bilder zu erzielen 69, 
und in neue Ausgaben werden die Illustrationen älterer Vorgänger 
übernommen?®. Die Holzschnitte des Wigoleis von 1493 sind 
zwar einfach, aber naturgetreu; sie entsprechen der Situation, 
die sie darstellen sollen; von Auflage zu Auflage lösen sie sich 
mehr vom Text, wo passende Bilder fehlen, werden bereits ın 
früheren Kapiteln abgedruckte Holzschnitte erneut beigegeben. 
Nicht einmal die verschwenderische Pracht der Bilder, die das 
Feyerabendsche ‚Buch der Liebe“ (1587) dem Wigoleis bei- 
gibt, kann über diesen Niedergang hinwegtäuschen; Palast- und 
Rüstungsmotive überwiegen die rein erzählenden Darstellungen, 
und der Held trägt statt des ihm charakteristischen Rades, das 
die Ausgabe von 1493 zeigt, einen farblos-neutralen Helmbusch. 
In der Ausgabe von ı611 ist der Tiefstand erreicht: die Szenerie 
ist nur selten getroffen, und die prunkenden Palastbilder machen 
sich auch dort breit, wo der Text eine Landschaft verlangt?!. 
Selbst so gründliche Ausgaben, wie die Grüningerschen Eulen- 
spiegeldrucke von 1515 und 1519, die auf die bildnerische Aus- 
stattung das Hauptgewicht legen ’?2, halten die Entwicklung nicht 
auf, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt den Illustrationen nicht nur 
weniger Sorgfalt, sondern auch weniger Raum zubilligt. Der 
Druck soll schnell gehen, en soll billig sein: jedes Hindernis zur 
Erreichung dieser Ziele ist unerwünscht. Der Augsburger Tri- 
strant von 1498 hatte auf 58 Blättern 70 Holzschnitte, der Worm- 


69 L. Baer, Die illustrierten Historienbücher, S. 212. 

70 R. Muther, Deutsche Buchillustration I, S. XIII 

71 F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman. Diss. 
Phil. Greifswald ı915, S. 98. 

72 E. Schröder, Faksimiledruck des Ulenspegels von 1515. Inselverlag ıg11, S. 6- 


Zeit und Entwicklung | 25 


ser Nachdruck (um 1550) verringert bei einem Umfang von 
92 Blättern die Zahl auf 41; in der Straßburger Ausgabe von 
1557 erläutern nur 55 Holzschnitte den 100 Blätter umfassen- 
den Text, und die Frankfurter Ausgabe von 1570 fügt nur ein 
Bild mehr hinzu, obwohl sie das Werk auf ı32 Blätter auf- 
schwellt. Die derbe Formenkunst der alten Holzschnitte macht 
immer mehr einer öden Schematisierung oder undeutlichen Ver- 
seichtung Platz; daß trotzdem nicht auf den Bildschmuck ver- 
zichtet wird, zeugt von dem Verständnis der Buchhändler für die 
Wünsche des Publikums: ist doch der Erfolg des „Teuerdank“ 
z. B. zwar nicht allein, wie Marc Monnier wıll?3, so doch zum 
großen Teil auf seine buchhändlerische Ausstattung zurückzu- 
führen, und die Reisesammlungen von de Bry und Hulsius, die 
in der Masse der Bilder und Skizzen weit über das Maß ihrer 
Vorläufer hinausgehen, haben gerade dadurch. ihren außerordent- 
lichen Erfolg ”%. . 


Wie notwendig die Bildbeigaben dem großen Publikum dieser 
mehr lernenden als gelehrten Zeit sind, bezeugt das Wort aus 
der Vorrede zu Brants „Narrenschiff“ (v. a5ff.): 


wer jeman, der die gschrifft veracht 
oder villicht die nit kund lesen, 
der siecht im molen wol sin wesen. 


Zu der Zahl der Lesenden tritt die nicht unbeträchtliche der 
nur Schauenden, und solange ihre Anzahl groß ist, können nicht 
genug Bilder den Gang der Erzählung begleiten, sei es nun, daß 
sie dem, der nicht lesen kann, den Text ersetzen müssen, sei es, 
daß sie dem Vorlesenden zur Verdeutlichung, Verlebendigung an 
die Hand: gegeben werden. Es wird damals noch sehr viel vor- 
gelesen, eben weil die Kunst des Lesens keine allgemeine ist, 
und in diesem Sinne hat Benz?5 recht, wenn er von einer 3 
‚lautgesprochenen Prosa, die noch Menschen mit Ohr voraus- 
setzte, redet. Bemerkungen in frühen Ritterromanen sprechen 


78 Marc Monnier, Literaturgeschichte der ‚Renaissance von Dante bis Luther. 
Nördlingen ı888, S. 196. * 

74 M. Böhme, Die großen Reisesammlungen des ı6. Jahrhunderts und ihre Be- 
deutung. Straßburg 1904, S. 132, 163. 

76 R. Benz, Die deutschen Volksbücher. S$. 27. 


36 Zeit und Entwicklung 


das deutlich aus: „Nu vecht sich an gar ein schon istoria die 
lustig zuhoren ist‘, beginnt die alte Bearbeitung von Robert dem 
Teufel?*, und die Tristrantausgabe von ı484 meint, daß lange 
Vorreden die lesenden vnd zuhörenden verdrießen. In seinem 
Vorwort zu „Olvier und Artus‘ bittet der Schweizer Wilhelm Ziely 
den, der diß buoch lesen wyrt oder hörenlesen, das er im sovil 
glouben geb, als der warheit glichförmig syn mag, die „Sieben 
weisen Meister” (um 1470) preisen sich als gar lustlich und 
kurzweilig zehoren an und wollen, daß man sie mit fleiss horen 
oder lesen möge, und der Eulenspiegelbearbeiter (1515) wendet 
sich an die lesenden und zuhörenden. Dieselbe Formel findet 
sich bereits im Wigoleis von 1493. Je weitere Volksschichten lese- 
kundig werden, um so mehr tritt das Hören in den Hintergrund, 
das Lesen in die Vorderlinie; im Fastnachtsspiel von Doktor 
Roßschwanz, das 1560 zu Freiburg i. Ü. gespielt wird, rühmt 
man sich bereits, daß man Eulenspiegel, Kalenberger u. a. durch 
eigene Lektüre kenne?”, und wenn es im Siegfriedbuch des 
z8. Jahrhunderts heißt: was derselbe vor ebentheuer und gefahr 
ausgestanden, werdet ihr hernachmals hören, so setzt sich hier der 
Autor in die Rolle des Erzählers, dem der Leser lauscht; an 
Vorlesen ist hier kaum noch zu denken. Das ıst mit ein Grund, 
weshalb die Bildkunst der Illustration ihren Niedergang nimmt, 
daß die Bedeutung des Vorlesens für den Verleger nicht mehr in 
Betracht kommt; durch die Hebung des Schulwesens, an dem 
die Reformation ihren bedeutsamen Anteil hat, werden breite 
Massen des Volkes instand gesetzt, die ihnen gebotene Lektüre 
selbst, ohne vermittelnde Hilfe, zu genießen. 


Die Reformation nimmt innerhalb der Geschichte der Volks- 
bücher überhaupt eine mehr periphere Stellung ein; ihre Ein- 
flüsse sind unverkennbar, und wie sie durch ihre Bemühungen 
um die Bildung des Volkes indirekt die Verbreitung der Ritter- 
romane und dadurch ihre Wandlung zu richtigen Volksbüchern 
befördert, so zeigen auch die Werke selbst, ob sie aus prote- 
stantischem oder katholischem Lager stammen. Aber am Geist 


76 K. Borinski, Eine ältere deutsche Bearbeitung von Robert Le Diable. Ger- 
mania 37, S. 46. 

11 Georg Wickrams Werke III, hg. v. Johannes Bolte, Bibliothek des lit. Vereins 
Stuttgart 229. Tübingen 1903, $. XVI. 


Zeit und Entwicklung | 27 


der Bücher hat sie nichts geändert, und das evangelische Mäntel- 
chen, das Verleger der neuen Konfession — und sie haben von 
nun an bei weitem das Übergewicht — ihnen umhängen, ist meist 
recht fadenscheinig. Es liegt im Wesen des frühen Protestantis- 
mus, mehr auf die kirchlichen Neuerungen und die sich aus ihnen 
ergebenden sozialen Folgerungen zu schauen als auf die gei- 
stige und künstlerische Atmosphäre der Zeit, und so hat er, um 
mit Troeltsch?8 zu reden, „das künstlerische Empfinden nicht zu 
einem Motiv der Weltanschauung, der Metaphysik und der Ethik 
erhoben“. Die Vereinigung von „Renaissance, Katholizismus und 
moderner Politik“, am vollkommensten im: zentralisierten franzö- 
sischen Staat verbunden, bestimmen das geistige Bild der Zeit”?; 
die junge Konfession hat vorerst ganz andere Aufgaben zu er- 
füllen. So stört sie die Entwicklung der Volksbücher nicht; wie 
beim Meistergesang 80 fügt sie wohl hie und da neue Töne hinzu, 
aber die alten bleiben bestehen und werden nur, soweit sie ein 
zu deutliches katholisches Gepräge tragen, umgewandelt. Der 
Wormser Tristrantdruck (um 1550) läßt die beiden einzigen 
Stellen, an denen die Augsburger Ausgabe den Namen Marias 
nennt, fort; damit glaubt er der gewandelten Konfession Ge- 
nüge getan zu haben. In gleicher Weise tilgt der Wigoleis von 
1564 kleine theologische Zusätze von der Ausgabe von 1493 
und ersetzt z. B. ampt (= Messe) durch das göttlich wort gottes, 
schon der undatierte Frankfurter Druck läßt die werde Mutter 
Marie, die ı5ıg noch überall ihren Platz behauptet, fort, und 
der protestantische Übersetzer der Magelone (1535) überträgt 
catholique durch christlich und läßt Stellen, die von Heiligenver- 
ehrung, von Maria oder Petrus reden, unübersetzt. Aber trotzdem 
läßt er seinen Helden die beiden Silberschlüssel seiner Helmzier 
Sankt Peter zu Ehren tragen, läßt ihn die Messe hören und: das 
heylig sacrament der ehe begehren. Andrerseits: wie unkatholisch 
sind die ängstlichen Bemühungen der Melusine und ihres Ray- 
mund, ihren jüngsten Sohn Freymund. vom Eintritt in den 


78 E. Troeltschh Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der 
modernen Welt. Historische Bibliothek 24. München-Berlin ıgıı, S. 84. 

% ebda. S. 86. 

% W. Stammler, Die Wurzeln des Meistergesangs. Deutsche Vierteljahrsschrift 
für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. I (1923), $. 556. 


38 Zeit und Entwicklung 


Mönchsorden abzuhalten! Mit der Zeit nimmt man es genauer; die 
Basler Ausgabe des „Herzog Ernst“ z. B. (1610) streicht alle 
spezifisch katholischen Stellen oder ändert sie ab; die Beichte 
wird ausgelassen, statt Messe und Segen wird das evangelium ge- 
sungen, an die Stelle der hailig lebenden hausfraw der katholi- 
schen Drucke tritt aussdermassen ein schöne haussfraw, aber 
auch hier bleibt noch die Stiftung des Bistums Magdeburg durch 
Kaiser Otto, bleiben die Wundergeschichten der Adelheid unan- 
getastet, und spezifisch protestantische Züge sind nicht einge- 
drungen8!. Das einzige aus der Reformationsstimmung heraus- 
geborene Volksbuch ist der Faust, und auch er erscheint erst, 
nachdem die ersten großen Kämpfe vorüber und der Protestantis- 
mus keine Frage mehr, sondern bereits eine Tatsache ist (1987); 
mit seiner weitausschweifenden Moral, seinen Bibelzitaten, seinen 
Hinweisen auf Luther trägt er den Charakter der antikatholischen 
Streitschrift an sich, wie denn auch bald Fausts Universitätsjahre 
von Wittenberg nach Ingolstadt verlegt. wurden, um der evan- 
gelischen Hochschule keinen Makel anzuheften und gleichzeitig 
die katholische zu verunglimpfen; sehr wahrscheinlich ist ein 
lutherischer Geistlicher der Verfasser des Buches82. Es ist be- 
zeichnend, daß in demselben Werke auch zum ersten und ein- 
zigen Male humanistische Ideale in den Vordergrund treten; die 
Vorlesung Fausts über Homer, sein Angebot, die Urtexte an- 
tiker Dichter herbeizuschaffen, das Versprechen des lateinischen 
Textes: all das sind Züge der neuen Zeit. Aber es bleibt bei 
diesem einzigen Werke — das Wagnerbuch ist nur sein ver- 
wässerter Abklatsch —; zwar zeigt sich auch der Autor des „ge- 
hörnten Siegfrieds“ deutlich als Protestant, wenn er ein Marien- 
gebet durch ein evangelisches ersetzt, das er an den zweiten Artikel 


81 Stickelberger, Lied und Volksbuch von Herzog Ernst. Z. d. A. 46 (1902), $. 101 ff. 
K. Sonneborn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Ernst in der altdeutschen 
Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914, S. 49f. Es muß allerdings darauf hin- 


gewiesen werden, daß auch die vorreformatorischen Ritterromane nicht allzu 


katholisch gestimmt sind. Wo Couldrette das Wort „Katholizismus“ gebraucht, 
setzt Ringoltingen in seiner Melusine stets „Christentum“ oder den Begriff 
des Christentums, die Litanei des Glaubensbekenntnisses kürzt er, statt Maria 
und der Heiligen ruft er nur Gott an, manche klerikalen Stellen unterdrückt 
er usw. 

82 FE. Schmidt, Faust und das ı6. Jahrhundert. Goethejahrbuch III (1882), 
S. 101; E. Traumann, Goethes Faust I. München 1913, S$. 13. 


Zeit und Entwicklung 29 


von Luthers Katechismus anlehnt, wenn er biblische Wendungen 
in Lutherischer Fassung und protestantische Gesangbuchverse 
bringt und auf Schritt und Tritt seine Unkenntnis katholischer 
Verhältnisse dartut83, aber der Geist seines Buches ist der der 
volkstümlichen Ritterromane, nicht der Geist der Reformation 
oder des Humanismus. Wichtiger als die äußerlichen Beein- 
flussungen der Volksbücher sind die inneren, die Großtat von 
Luthers Bibelübersetzung wirft ihre Lichter auch auf diese Lite- 
raturgattung; seit 1530 etwa wird der Stil geschmeidiger und 
‚glatter, die Werke lesen sich lebendiger und leichter®®, und ein 
stilistisch so fein abgerundetes Volksbuch, wie es Veit Warbeck 
1535 in seiner „Magelone“ bietet, ist ohne Luthers Bibel un- . 
denkbar. Der Abstand etwa des Loher gegen die Magelone ist 
weit größer als der des Wigoleis gegen den gehörnten Sieg- 
fried. 

Noch viel weniger als die Reformation bedeutet der Dreißig- 
jährige Krieg einen Bruch in der Fortentwicklung der Volks- 
bücher. Die Hemmung, die freilich durch die mehr oder weniger 
feiernden Buchdruckerpressen vorhanden ist, wird in dem Augen- 
blicke überwunden, als wieder die Möglichkeit, in breiterem Um- 
fange zu drucken, gegeben ist. Die Ausgaben und Auflagen, die 
nach dem großen Kriege erscheinen, unterscheiden sich in nichts 
von denen, die unmittelbar vor seinem Ausbruch herauskommen, 
denn daß sie hie und da ein altmodisches Kleid gegen ein zeit-. 
gemäßeres vertauschen, rührt ihren Kern, ihren Inhalt, den Geist, 
den sie atmen, nicht an. Lange schon vor dem Kriege sind sie 
zu wirklichen Volksbüchern gediehen, in Form, Ausstattung und 
Inhalt setzen sie nur ihren Weg auf der Linie, die sie seit Jahr- 
zehnten beschreiten, fort, und auch das Publikum bleibt das 
gleiche85. Daß der große Religionskampf sittengeschichtlich keine 
Epoche bedeute, hat schon Steinhausen bemerkt8®, und die Ge- 
schichte der Volksbücher bestätigt diese Beobachtung. Sie bleiben 
dieselben, und nur das sie umgebende Rankenwerk zeigt den 
Einfluß der Zeit. | 
&® E. Schröder, Das Volksbuch vom gehörnten Siegfried. Vierteljahrschrift für 
Literaturgeschichte V (1892), S. 48o0ff. 

& P. Merker, Reformation und Literatur. Weimar 1918, S. 4ı. 


8 So gegen E. Schröder, Volksbuch vom gehörnten Siegfried, S. 487. 
86 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II2, S. 303. 


30 Zeit und Entwicklung 


Bereits Gervinus weıst darauf hin, wie sehr das äußere Ge- 
wand der Bücher von der jeweiligen Zeit ihres Druckes abhängig 
ıst87. Wenn die Frankfurt-Leipziger Ausgabe des „Herzog Ernst‘ 
das Bild des Helden mit Stockdegen und Stulpstiefel ziert88, 
so gibt es dadurch nur äußerlich zu erkennen, wie sehr die An- 
schauungen des Publikums über den Begriff des Ritterwesens 
sich geändert haben. Die Zeit ist eine andere geworden; Zierlich- 
_ keit und Alamodeauftreten ist an die Stelle des mannhaften 
Rittertums getreten, Galanterie wird für Höfischkeit geboten. Und 
das Publikum ist ein anderes, es hat kein Verständnis mehr für 
das Heldentum, das es sich durch maßlose Bluttaten und derbe 
Kraftsprüche ersetzt. Im Fortunat (1509) zeugen Namen wie 
Cassandra, Agripina, Andolosia, Marsepia, Gemrana vom hu- 
manistischen Geist der Zeit, das Siegfriedbuch des ı7. Jahr- 
hunderts kennzeichnet sich durch seine Florigunda und das ba- 
rockhafte Löwhardus89 als Kind seines Jahrhunderts. Die Ände- 
rungen, die am Wigoleisdruck von ı611 gegen den von 1564 
vorgenommen sind, beziehen sich in der Hauptsache auf die 
Einfügung höfischer Fremdwörter, neuer Wortbildungen, die 
Handhabung einer modernen Satzführung; sie sind bedeutend 
einschneidender als die Korrekturen, die der Druck von 1564 
gegenüber der Ausgabe von 1493 aufweist; hier hat sich die 
Aufmerksamkeit des Verlegers vornehmlich auf orthographische 
und lautliche Erscheinungen gelenkt?0%. Immerhin merzt die 
Wormser Auflage des Tristrant (1549) eine ganze Reihe von 
Worten aus, die seit dem: alten Augsburger Druck unmodern ge- 
worden sind?l, und auch Feyerabend ersetzt im „Buch der Liebe“ 
(1587) eine Reihe von veralteten Ausdrücken durch neue: so 
breutlauff durch hochzeit, vrlaub durch erläubnuss??, aber der 
Stil wird dadurch kaum fühlbar geändert. Das ist erst im 


87 G,G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung 5 II S. 354. 

8 K, Sonneborn, Herzog Ernst $.43. 

89 E. Schröder, Siegfried S. 486. | 

% F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman 
S. 115, 124 

N F. Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde. Breslauer 
Habilitationsschrift 1877, S. 23. 

92 O, Weidenmüller, Das Volksbuch von Wigoleis vom Rade, Diss. Göttingen 
1910, $. ı2f. 


Zeit und Entwicklung 31 


17. Jahrhundert der Fall, als die neue Welle französischen 
Wesens über Deutschland flutet; die Volksbücher dieser Zeit 
tragen wie keine andern den Stempel ihres Jahrhunderts an 
der Stirn. Im späten Druck der Melusine (spätes ı7. Jahrhundert) 
wird die Titelheldin als tugendnymphe und tugendartig, der 
Ritter Raymund als cavalier mit reichen tugendgaben geschildert, 
den seine Gattin mit allerwertester herzbesitzer anredet; der etwa 
gleichzeitige Held des Siegfriedbuches nennt seine Geliebte: aller- 
liebste, meina vill ehr- und tugendreiche jungfrau, euer liebden, 
und Raymund ladet seine Eltern zu seiner Hochzeit mit den 
Worten ein: wofern ich nun die ehre und gewogenheit ihrer 
bey der ansehnlichen gegenwart künftigen montags früh geniesen 
könnte, würde ich und meine liebste, solches für ein sonderbares 
glück und gnade aufnehmen, und es auch höchst-danknehmig zu 
beschulden in keine vergessenheit gestelli seyn lassen: man 
braucht nur solche Stellen zu lesen, um die Zeit zu erkennen, die 
sie schrieb. Bereits Jacob Grimm macht auf eine „in den papier- 
nen Complimentenstil des ı7. Jahrhunderts umgeschriebene“ 
Fassung der „Sieben weisen Meister‘ aufmerksam®3. Das gerade 
hebt die Volksbücher aus der übrigen Literatur heraus und stellt 
sie in eine Reihe mit dem Volkslied, das jede Zeit mit ihnen nach 
ihrem Gefallen verfährt, ohne Scheu und Ehrfurcht vor dem Bis- 
herigen, und das ist auch der Umstand, der ihre Lebenskraft 
durch die Jahrhunderte wach erhält; fordern doch die Bearbeiter 
des Tristrant und des Wigoleis ihre Leser und Hörer geradezu 
- dazu auf, die Werke nach ihrem Gutdünken zu verbessern. Als 
die „Schildbürger‘“ ins Jüdisch-Deutsche umgeschrieben werden 
(1637), wird nicht nur eine Übersetzung geliefert, sondern die 
Geschichte wird in jüdische Verhältnisse übertragen, ähnlich 
ergeht es den andern Volksbüchern des jüdischen Ghettos: Her- 
zog Ernst?5, Dietrich von Bern, Floris und Blancheflur, Oktavian, 
Fortunat, Eulenspiegel, Genovefa; diese wird erst im ı9. Jahr- 
hundert von polnischen Juden ins Hebräische übertragen 9%. In 


% Jacob Grimm, Kleinere Schriften VI (1882) S. 84. 

% M. Steinschneider, Über die Volksliteratur der Juden. Archiv für Literatur- 
geschichte II (1872), S. 19; Jeep, Hans Friedrich von Schönberg, der Ver- 
fasser des Schildbürgerbuches. Wolfenbüttel ı890, S. 139. 

%5 Jacob Grimm, Heidelberger Jahrbücher II 222. 

96 M. Steinschneider, Volksliteratur der Juden S. ı8f. 


v 


32 Zeit und Entwicklung 


diesem Zusammenhange sind die Änderungen interessant, die die 
dänische Bearbeitung des deutschen Tristrant von 1792 an dem 
Werke vornimmt: im Kern bleibt der Gang der Handlung ge- 
wahrt, aber am Rankenwerk ist manches umgeformt: die Isolde 
vertritt eine Indiana, Tochter des Großmoguls, und der Morholt 
der Vorlage ist in den Sohn des Kaisers von China Kunchin ver- 
wandelt. Die prüde Zeit gestattet Tristan nur mehr, die Hand sei- 
ner Indiana zu küssen, sie streichelt ihm dafür die Wange ??. 


Was Reformation und Dreißigjähriger Krieg, was selbst die 
Alamodezeit nicht vermögen, die Aufklärung hat es versucht, die 
„bessernde‘‘ Hand an den Kern des Werkes zu legen. Schon die 
letzten Änderungen des dänischen Tristrant legen von diesem 
Bestreben Zeugnis ab; man ist prüde geworden und will dem 
Volke nur „gereinigte‘ Ausgaben in die Hand geben. Und gleich- 
zeitig schwindet der Glaube an den Stoff, der nun im besten 
Falle als kuriose Geschichte, meist aber ın der Absicht, dem Leser 
durch die als ungeheuerlich empfundenen. Wundertaten der alten 
Helden Abscheu vor der Lüge zu erregen, dargeboten wird. So 
hat der Christlich-Meynende (1726) nach eigener Angabe im 
Grunde das Bestreben, durch seine Faustausgabe der galanten 
Welt die Falschheit der alten Historie vor Augen zu führen; un- 
gläubig und skeptisch steht er seinem Stoffe gegenüber; so stellt 
z. B. auch das Neuruppiner Wagnerbuch von 1798 eine ratio- 
nalistische Bearbeitung für die Aufklärung dar?®. Es ist beson- 
. ders die Solbrigksche Buchhandlung in Leipzig, die sich um 
Neuausgaben der Volksbücher im Geiste der Aufklärung be- 
müht?9, aber für sie hat sich kein Mann gefunden, der an ihnen 
tut, was Hebel mit seinem „Rheinischen Hausfreund“ (1808 
bis ı81ı) für die Neubelebung und Hebung des Kalenders 
leistet100: sie verlaufen im Sande, und als dann die Romantik an 


97 W. Golther, Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und der 
neuen Zeit. Leipzig 1907, S. 248ff. 

% Das Wagnervolksbuch im ı8. Jahrhundert. Herausgegeben von J. Fritz. 
Deutsche Literaturdenkmäler des ı8, und ı9. Jahrhunderts. 3. Folge. 30 (1914), 
$S. XXI. | 

%» P. Witkop, Heidelberg und die deutsche Dichtung. Leipzig-Berlin 1916, S. 96. 
100 H.Hettner, Geschichte der deutschen Literatur im ı8. Jahrhundert* (Braun- 
schweig 1893), S. 301. 


Zeit und Entwicklung 33 


sie herangeht, ist es mehr das halbwissenschaftliche Interesse an 
den alten Stoffen und alten Formen, das sie zur Betätigung reizt, 
als das Bestreben, dem Volke zu geben, was es verlangt. Die 
Lücke, die so entsteht, vermögen auch die schwächlichen Kom- 
promißwerke der Schwab, Simrock und Marbach nicht auszu- 
füllen: sie wenden sich viel mehr an die Kinder als an das Volk. 
Seit dem ıg. Jahrhundert fristen die Volksbücher ein Schein- 
dasein; noch Uhland erzählt von Jahrmarktausgaben des Sieg- 
friedsbuches101, und freilich entsprechen diese späten Nachläufer 
alten Verlegergeistes122 dem Geschmack des Volkes mehr als 
‚die halbwissenschaftlichen Erneuerungen. Aber ihre alte Kraft 
ist dahin, langsam siechen sie dahin und machen neuen Volks- 
büchern Platz. 

Wenn Jacob Grimm neben Sprach- und Bildverunstaltung auch 
die Zensurkastrationen als Grund für den Untergang der Volks- 
bücher anspricht10%, kennzeichnet er deutlich den Anteil, den die 
Drucker und Verleger am Fortleben dieser Literaturgattung neh- 
men: solange sie allein Form und Geist bestimmen, blühen die 
Volksbücher; als andere intellektuell oder pädagogisch tendenziös 
gerichtete Männer an sie herangehen, ist ihr Ende nicht mehr . 
fern. Wohl ist ein richtiger Kern in den Görresworten: „Der 
Lebensgeist, der nur im Besten kräftig wohnt, bewahrt auch eben 
das Beste nur vor dem Verderben, wie nur geistreicher Wein den 
Wechsel der Jahre überdauert‘‘ 10%; prägnanter hat W. Stammler 
denselben Gedanken kürzlich ausgesprochen: „Von der dahin- 
sinkenden Generation übernimmt die junge nur das, was ihrem 
Weltgefühl entspricht, und schafft daraus Neues, stofflich, sti- 
listisch, weltanschaulich“ 105; aber das Schwergewicht liegt in 
der Geschichte der Volksbücher beim Verleger, nicht beim Publi- 
kum: nur dadurch, daß er dem Geschmack des Publikums ent- 


101 Uhlands Schriften I (1865), $. 428. 

302 „. d. Hagen (Museum für altdeutsche Literatur und Kunst I 1809, $. 242) 
nennt an typischen Volksbuch-Buchhandlungen: Die Endterische Buchhand- 
lung in Nürnberg, Solbrigk in Leipzig, Zurngibel und Littfas in Berlin; heute 
steht Reutlingen an erster Stelle. 

108 J. Grimm, Kleinere Schriften VI (1882), S. 85. 

1%4 J. Görres, Die teutschen Volksbücher (Heidelberg 1807), S. 266. (Neudruck, 
besorgt von L. Mackensen, Berlin 1925.) 

16 W. Stammler, Die Wurzeln des Meistergesanges S. 529. 


Mackensen, Die deutschen Volksbücher 8 


34 Zeit und Entwicklung 


gegenkommt und dem vorhandenen Stoff die entsprechende Form 
gibt, wird die Lebenskraft dieser Bücher durch die Jahrhunderte 
wachgehalten, und dadurch, daß er an diesem alten Gut beharr- 
lich festhält, beeinflußt er seinerseits den Geschmack des Publi- 
kums, das für diese Lektüre in Betracht kommt. Die Prunkaus- 
gabe, in der Sigismund Feyerabend 1587 unter dem Titel „Buch 
der Liebe“ ı3 Volksbücher vereinigt, wird nie volkstümlich und 
erlebt keine zweite Auflage10%; der letzte Versuch, die Bücher 
einem gebildeten Publikum angenehm zu machen, scheitert so, 
trotz des Erfolges, den das „Buch der Liebe‘ hat. Die wirklichen 
Volksbücher verleugnen nie die Art ihrer Entstehung; sie werden 
hastig und ohne Aufwand gedruckt und auf den Markt geworfen: 
ebenso wie auf die Ausstattung wird auf den Text keine allzu 
große Sorgfalt verwendet. Die ersten zwölf Ausgaben des Bran- 
danbuches z. B. sind wörtliche Abklatsche des Erstdruckes, höch- 
stens, daß Druckfehler hie und da ausgemerzt werden 107, und sinn- 
lose Mißverständnisse unterlaufen oft genug bei der Geschwindig- 
keit und der Achtlosigkeit des Druckes. Nur so ist es verstärd- 
lich, daß Lucidarius, der Titel des ältesten Prosabuches, auf 
späteren Titelblättern als der Verfasser des Werkes angesprochen 
wird, daß man Eusebius, der als Verfasser der lateinischen 
Alexandervorlage gilt, seit 1509 zum Übersetzer des Buches 
stempelt, daß die Herzog Ernst-Ausgabe von ı610 den Titel des 
Ernstliedes völlig sinnlos übernimmt10, Diese Betriebstüchtigkeit 
greift erst im ı6. Jahrhundert um sich, als Stoff und Form 
bereits begonnen haben, sich einzubürgern; Zainer in Ulm z. B. 
hat mit seinen ersten Prosaromanen wenig Glück und stellt von 
1474-1476 seine Tätigkeit in diesem Verlagszweige völlig ab19. 
Hundert Jahre später ist das Bild völlig geändert; 1593 erscheint 
das für die Verlegertüchtigkeit typische Werk, das Wagnerbuch: 
eng nach dem Vorbilde des sechs Jahre älteren Faust gearbeitet, 
zeigt es deutlich den Ehrgeiz, den beispiellosen Erfolg, den jener 
106 Die von Goedeke gebuchte Auflage von 1578 existiert nicht: A. Schmidt, 
Zur Bibliographie der älteren deutschen Literatur. Zentralblatt für Biblio- 


thekwesen X (1893), S. 443. 

107 Brandan, hg. C. Schröder, Erlangen 1871. 

108 Seickelberger, Lied und Volksbuch von Herzog Ernst. Z.d.A. 46 (1902), $. ı02. 
109 H. Wegener, Die Zainer in Ulm. Beiträge zur Bücherkunde des XV. und 
XVI. Jahrhunderts. I. Straßburg 1904. S. 14. 


Zeit und Entwicklung 35 


geerntet, auch für sich einzuheimsen: daher auch seine Scheu, 
die Katholiken zu verletzen, und die kläglichen Versuche, beide 
Konfessionen zur Lektüre heranzulocken: ich hab es also ge- 
macht, damit darinnen nichts gefunden, welches erstlich gott 
und seinem wort zuwider und der römischen kirche zum nach- 
theil, auch aller jugend ein aergernuss seyn möchte!10. Die 
größeren Verleger ziehen sich immer mehr von den Volksbüchern 
zurück; „unbedeutende Buchdrucker, welche ihre feiernden Pressen 
beschäftigen‘ wollen, treten an die Stelle der großen Unterneh- 
mer, die sich mit dergleichen chartequen und leichtfertigen sachen 
nicht abgeben mögen!11, 

Sie gehen denselben Weg, den lange vor ihnen die intellek- 
tuellen Kreise des Publikums beschritten. Als in der zweiten 
Hälfte des ı6. Jahrhunderts bereits die völlige Umwandlung zum 
Volksbuch vollbracht ist, als auch das eigentliche Volksbuch- 
publikum gefunden ist, drucken in Frankfurt noch bedeutende 
Verleger, wie Rabe-Weygand, Feyerabend, Rebart-Hahn, in Straß- 
burg Frölich, in Köln Nettitz, am Ende des Jahrhunderts in 
Leipzig Nerlich, Volksbücherliteratur und finden ihren Vorteil 
dabei. Aber der Versuch Feyerabends, den Lieblingen des kleinen 
Bürgers erneut Aufnahme bei der führenden Schicht zu ver- 
schaffen (1587 Buch der Liebe) mißlingt: Humanismus und 
Reformation haben die Abkehr dieser Kreise vom ritterlichen 
Stoff bedingt; nur solange diese beiden noch nicht in den Kreis 
der Erscheinung getreten sind, ist die Oberschicht Träger der 
Prosaliteratur112. Der Humanismus schafft recht eigentlich den 
Gegensatz von Gebildet und Ungebildet, Gelehrt und Ungelehrt; 
mit der Wertschätzung der antiken Literatur, der lateinischen 
Sprache sinkt die Achtung vor dem heimatlichen Gut, „ihr langes “ 
Rivalisieren, der endliche Sieg der gelehrten Tendenzen, ist das 
Thema der Literaturgeschichte des ı6. Jahrhunderts“ 113. Und . 


110 C, Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig 1894. S. 496. 
111 4. Kirchhoff, Lesefrüchte aus den Akten der kurfürstlich sächsischen Bücher- 
Commission zu Leipzig. Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels 
VIII. (1883). S. 87. 
12 H. Naumann, Grundzüge der deutschen Volkskunde. Wissenschaft und 
Bildung ı8ı. Leipzig ı922, S. 109. Ä 
118 . Brecht, Einführung in das ı6. Jahrhundert. Germanisch-Romanische 
Monatsschrift, III (1911), S. 344, 348. | 
ge 


36 Zeit und Entwicklung 


die Reformation nimmt die Geister auch derer gefangen, die nicht 
an der humanistischen Bewegung teilhaben; Streitschriften, Ten- 
denzlieder, Traktate fliegen hinüber und herüber, und das Inter- 
esse für andere Dinge schwindet. Es ist bezeichnend, daß schon 
die frühen Übersetzer der Prosaromane ihren Stoffen kritisch 
und ungläubig gegenüberstehen; Wilhelm Ziely sagt in seiner 
vorred des vertütschers zu Olwier und Artus: harby wil ich ouch 
ein yetlichen gebeten han, der disz buoch lesen wyrt oder hören 
lesen, das er im sovil glouben geb, als der warheit glichförmig 
syn mag, lisz es für syn wert, dasz man es lesz mit semlichem 
glouben, als man liszt das heilig euangelium, das kan man nit 
thuon, und auch Ringoltingen entschuldigt seinen Stoff in der 
Melusinenvorrede: wiewolen es nun vielen sehr schwer zu glauben 
fället, was dieser geschicht inhalt allhie vorstellet, so ist es doch 
der sonder- und wunderbaren allmacht gottes nicht zu viel oder 
unmüglich. Auch der Bearbeiter der Herzog Ernst-Prosa unter- 
drückt höfische Schilderungen von kürze und ettlicher unglauben 
wegen. Luthers Mahnruf, deutsche Historienbücher zu schaffen: 
o wie manche feyne geschichte und sprüche sollt man itzt haben, 
die ynn deutschen landen geschehen und gangen sind, der wyr 
itzt gar keyns wissen114, bleibt, von wenigen Ausnahmen abge- 
sehen, ungehört und findet keinen Anklang, und Leute wie 
Caspar Scheid und Fischart, die sich mit dem Eulenspiegel 
ernsthaft beschäftigen115, sind eine Seltenheit. Noch im Anfang 
des ı7. Jahrhunderts erhebt sich eine Stimme: Salomon Schweig- 
ger beklagt 1608, daß der Eulenspiegel so gering geschätzt werde, 
darin doch viel mehr kunst und weisheit stecket dann im Al- 
coran!16, aber auch dieser eine Weckruf ist nur ein Zeugnis für 
die Gegnerschaft der oberen Schichten gegen diese Bücher. Der- 
selbe Fischart, der den Eulenspiegel so warm verteidigt, macht 
sich an anderer Stelle11? über die ganze Literaturgattung lustig: 
und ist kein wunder, da sie doch auch durch meine (des Podagras) 
114 M. Luther, An die Radherrn aller stedte Deutsches lands: das sie Christ- 
liche schulen auffrichten vnnd hallten sollen. 1524. 

115 Vgl. Fischart, Vorrede zum „Eulenspiegel Reimensweiß“. 

116 Ein newe ReyB beschraibung auß Teutschland nach Konstantinopel und 
: Jerusalem durch Salomon Schweigger. Nürnberg 1608; vgl. A. Birlinger, Zu 


den Volksbüchern. Germania 15, 101. 
117 Fischart, Podagrammatisch Trostbüchlein. Ausgabe von 1591, K7 ab; 


Zeit und Entwicklung 3 7 


schickung aller völker historien durchlesen, aller poeten fabeln, 
die erdichtet geschichten von kaiser Oktavian, Ritter Galmy, 
Pontus, Wigoleis vom Rad, Trew Eckart, Brissonet, Lewfrid mit 
dem Goldfaden, Peter mit den silberschüsseln, Ritter vom Thurn. 
Melusina, Tristrant, könig Loher und Maller, Hug Schappler. 
Valentin und Vrso, Olivier und Arto, Reinhart und Gabriotto, 
Eurialo und Lucretia, Florio und Biancefora und das ganze 
Heldenbuch sampt dem Centonovella, dass ich jetzt der andern 
schnakenbücher und pantagrualischen affenteurlichkeiten ge- 
schweige. Schon ı544 wird Sturm gelaufen gegen die gemaynnen 
bücher (welche darzu geschriben, das sye vonn müssigen weybe- 
ren vnnd männern gelesen werden) kain andere materi nitt haben, 
dann allein von kriegen vnnd bulschaften!!8, und vier Jahre 
später wettert ein katholischer Pfarrer119: wie wagt ihr denn 
von gottes wort zu reden, als wärs des pfaffen von Kalenberg, 
Markolfus oder eines andern buben wort? Es ist einer der wenigen 
Punkte, in denen Protestanten und Katholiken damals einig sind, 
diese heftige Ablehnung der Volksbücher: 1573 verfaßt Wil- 
helm Sarcerius seinen „Geistlichen Herbarius“ gegen den „schänd- 
lichen Eulenspiegel“ und seinen Anhang, und der Verleger Spieß 
bezeichnet seine Erstausgabe des Faust (1587) als geringen 
meßkram. Nur die Damen der höheren Stände scheinen sich 
auch weiterhin an der alten Lektüre nach Stoff und Form erbaut 
zu haben; Spalatin widmet in seiner Vorrede zur Magelone diese 
geradezu den Frauen (1535): sonst ist es warlich wol ein solche 
schrifft, die alle frawen vnnd junckfrawen zu erlichen kurtz- 
weyl wol on alle ergernuss mögen lesen vnd hören, vnd vil 
erlicher, denn mitler zeyt yederman aussecken oder ergers trey- 
ben, da nicht geringe fahr und beschwerung bey steet; auch Bebel 
weist in der Vorrede zum: dritten Buch seiner Fazetien auf die 
Bedeutung der Frauen im Publikum hin120, und Vives’ Buch 
Von vnderweissung ayner christlichen frauwen (Augsburg 1544. 


118 J, L. Vives, Von vnderweysung ayner Christlichen Frauwen, übersetzt von 
Christophorus Bruno. Augsburg 1544. I, 5. 

119 4. Birlinger, Zeugnisse zu den Volksbüchern. Germania ı7, 92. 

120 Bebel, Fazetien III, Vorrede: nihil etiam nunc acceptavi, quod non a gra- 
pibus viris recitari audivi et maiori ex parte avud matronas, quae res me 
movit, ut et nostris confabulationibus adiungerem. 


38 Zeit und Entwicklung 


übersetzt von Christophorus Bruno) warnt das weibliche Ge- 
schlecht vor solcher Lektüre121. Ä 


Pestiferi libri: so sieht das führende Publikum des ausgehenden 
ı6., des ı7. Jahrhunderts diese Bücher an. Einige, vornehmlich 
der Eulenspiegel122 und die Zauberbücher, die sich an den Faust 
anschließen 123, werden noch ım ı6. Jahrhundert auf den Index 
gesetzt. Es gilt als besonderer Ruhm, diese Literatur für eigene 
Werke nicht zu benutzen 12%. Philander von Sittewald stellt Ritter 
Löw, Tristrant, Peter mit den silbernen schlüsseln und andere 
dergleichen als schimpflich und vntrewlich dar125 und klagt über 
. die Damen, die statt Gebets- und Erbauungsbüchern Eulenspiegel, 
König Löw, Melusina, Ritter Pontus, Herr Tristram, Peter mit 


den silbernen schlüsseln, Albertus Magnus usw. in schönen Ein- 
bänden bei sich tragen126; Moscheroschs Freund Heinrich Schill 


121 J. L. Vives, De institutione foeminae christianae I, 5 (Ausgabe: Hannover 
1614, S. 201): De pestiferis libris, cujusmodi sunt in Hispania Amadisus 
Splandianus, Florisandus, Tirantus, Tristanus: quarum ineptiarum nullus est, 
finis, quotidi prodeunt novae: Celestina laena nequitiarum parens, carcer 
amorum. In Gallia Lancelotus a lacu, Paris et Vienna, Punthus et Sydonia 
Petrus provincialis et Margalona, Melusina, domina inexorabilis.. In hac 
Belgica Florius et Albus flos, Leonella et Canamorus, Curias et Floreta, 
Pyramus et Thisbe. Sunt in vernuculas linguas transfusi, ex Latino quidam, 
velut infacetissimae facetiae Poggii, Euryalus et Lucretia, Centum fabulae 
Boccatii, quos omnes libros conscripserunt ociosi, male feriati, imperiti viciis 
ac spurcitiis dediti, in queis miror quid delectet? nisi tam nobis flagitia 
blandirentur; vgl. A. Reifferscheid, Zur Geschichte der Volksbücher. Zeitschrift 
für Kulturgeschichte. N. F.IV (1875), S. 705. 

122 1,69 wird durch ein Edikt Philipps II. Reynaert de Vos, Ulenspieghel, Vir- 
gilius, Bruder Rausch verboten: E. Pfaff, Arnims Trösteinsamkeit?. Frei- 
burg i. Br. ı890. S. XV; der Antwerpener Index von 1570 untersagt Wlen- 
spieghel, apud Joannem von Ghele, sine privilegio et anno: F. G. Reusch, Die 
Indices Librorum Prohibitorum des ı6. Jahrhunderts, Bibliothek des Liter. 
Vereins Stuttgart ı76, Tübingen ı886, S. 318. Der Index Sixtus’ V. von 1590 
verbietet speculum vitae aulicae: edd., S. 516; schon der Mailänder Index von 
1554 enthält neben Poggio und Bebel Ulenspiegelii facetiae: H. Reusch, Der 
Index der verbotenen Bücher. Bonn ı883. I 223°, 

123 Im Index Sixtus’V. (1590): Libri omnes... divinationum de futuris contin- 
gentibus — prohibentur omnino; vgl. H. Reusch, Die Indices librorum pro- 
hibitorum S. 455. 

124 Vgl. Lazarus Sandrub, Delitiae historicae et poeticae. 1618, S. 7. 

125 Moscherosch, Gesichte Philanders v. Sittewald I. Schergen-Teufel, I. Gesicht. 
126 Moscherosch, ebd., I. Venus Narren, 3. Gesicht. 


Zeit und Entwicklung‘ 


39 


übernimmt die Stelle fast wörtlich in seinen Der Deutschen 
Sprach Ehren-Krantz (1644)127: ein Zeichen, wie notwendig 
solche Klage der Zeit erscheint. Die Volksbücher sind bei den 
geistig Hochstehenden verachtet; schon werden sie als bauren- 
roman!?8 bezeichnet; auch der Bürger wendet sich von ihnen 
ab, und der Landmann tritt an seine Stelle. Es ist bezeichnend, 
daß in der Sprüchwörtersammlung, die fast allen Drucken des 


„Herzog Ernst“ 
Adels häufig werden: . 


angehängt wird, nun auch Schmähungen des 
.. aller adel hat einen misthaufen zum 


vater und die verfäulnis zur mutter, heißt es da z. B.129, 
Das ı8. Jahrhundert bringt dann die systematische Zertrümme- 


127 Joh. Heinrich Schill, Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz. Neben einem 
Namenbuch. Straßburg ı644, S. 304. Die Stelle ist beinahe wörtlich aus 


Moscherosch übernommen: 


Moscherosch. 

vill waren vnder ihnen, welche schöne 
vergülte bücher trugen, andere gantz 
schwarz mit corduan vberzogen, so 
ich dem ansehen nach für horas sacras, 
sacras litanias, rosengärtlein, catechis- 
mus, Jesus Sirach, Psalter, Haber- 
mann, Paradeissgärtlein, Andachten, 
Wasserquelle, Wahres Christenthumb, 
Vbung der Gottseligkeit, Selb-betrug 
etc. achtete, als aber ich sie ein wenig 
auffthate, und das innere besahe, so 
waren es der Amadiss, Schäfferey, Roll- 
wagen, Gartengesellschaft, Schimpf 
vnd Ernst, Eulenspiegel, König Löw, 
Melusina, Ritter Pontus, Herr Tri- 
stram, Peter mit den silbernen schlüs- 
seln, Albertus Magnus, Hebammen- 
buch, Traumbuch, Zirckelbuch, Loss- 
büchlein, Rätzelbuch, und viel der- 
gleichen mehr. 


E. Martin, der die Stelle aus Schill 


Schill. 
dann manche hat schöne mit sammet 
oder schwartz cardoan überzogene 
vergülte bücher mit aller hand ben- 
deln, so ihres liebsten favor, wie sie 
es nennen, gewesen, in ihrer stüben, 
dem ansehen nach meynt einer es 
weren Rosen-Gärtlein, Catechismus- 
Schul, Psalter, Jesus Syrach, Paradiss- 
Gärtlein, Andachten, Wasserquelle, 
Arndts Wahres Christenthumb, der 
Selbst-Betrug, aber wenn man solche 
auffblättert, so find man was sie seynd, 
nemblich der Amadis, Schäfferey, 
Schimpf und Ernst, Fortunatus, Astrea, 
Dianae de monte majore, Ritter Löw, 
Magellona, der Ritter Gallmi, Herr 
Tristram, Albertus Magnus, Melu- 
sina, Octavianus, Eulen Spiegel, Ge- 
fängniss der Lieb, Carcell de Amor. 


abdruckt (Jahrbuch für Geschichte, 


Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens. XIII [1897], S. 222), weist auf 
den Zusammenhang mit Moscherosch nicht hin. 

123 Joh. Chr. Ettner, DeB Getreuen Eckharts unwürdiger Doctor. SAUBENDIE 1697. 
S. 112; vgl, J. Bolte, Warbecks Magelone S. LIV. 

129 K. Sannebarn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Ernst in der altdeutschen 
‚Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914, S. 44. 


ho Zeit und Entwicklung 


rung dessen, über das das 16. ausgehende Jahrhundert gelächelt 
hätte, das ı7. Jahrhundert scharf bekämpft hatte. Noch Gott- 
sched zwar ist duldsam: ‚Der Pöbel muß auch seinen Zeit- 
vertreib haben: und man kann ihm ja denselben nach seiner Art 
gönnen, wenn er ihn nur nicht in Büchern sucht, die ihn noch 
dümmer und lasterhafter machen als sonst schon ist‘‘130, Aber 
als man nun daran geht, die alten Volksbücher durch rationa- 
listische, pädagogische zu ersetzen (vgl. oben!)131, ist die Todes- 
stunde der alten Literatur gekommen, und obrigkeitliche Be- 
fehle132 und Beschlagnahmungen 133? machen ihr vollends den 
Garaus. In die Lücke treten die Schauererzählungen und Ge- 
spenstergeschichten, die Kriminal- und Detektivromane; sie blei- 
ben eine Zeit und verschwinden dann wieder, denn ihnen fehlt 


180 Gottsched, Die vernünftigen Tadlerinnen II, ı3. Stück. Gottschedausgabe 
II, 134. 

181 R. Z. Becker z. B. versuchte in seinem „Not- und Hülfsbüchlein“ (1788) und 
seinem „Mildheimischen Liederbuch“ (1799) neue Volksbücher zu schaffen. 
1322 Vgl. Siegfried und Florigunde. Ganz umgearbeitet, neu aufgelegt und in 
ein heilsames Lesebuch verwandelt. Leipzig, Solbrig (nach ı805), $. 8. (mit 
Bezug auf die Volksbücher): „obgleich der Umlauf dieser albernen Dinge 
durch obrigkeitliche Befehle untersagt ist“. 

188 ‚810 wurden im oberpfälzischen Schwarzhofen „altherkömmliche Volks- 
bücher wie die harmlosen Vier Hairnonskinder den Krämern fortgenommen“; 
vgl. F. Pfaff, Arnims Trösteinsamkeit?, S. XV. Ludwig Tieck gibt in seiner 
„Denkwürdigen Geschichtschronik der Schildbürger in zwanzig lesenswürdigen 
Kapiteln“ (1796, ı. Kap.) ein gutes Bild der damaligen Zustände: „Als ich 
schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, fand ich auf der Straße endlich noch 
einen kleinen, unansehnlichen Buchhändler sitzen, der aber bei aller seiner 
wenigen Fignr die seltensten Werke feil hatte, die man vergebens in den 
größeren Handlungen suchen wird. — Der kleine Kaufmann erzählte mir 
unter Tränen, wie sehr er sich wundere, daß ich desgleichen Bücher kaufte, 
da ich doch wahrscheinlich zu den aufgeklärten Männern gehörte, die jetzt 
dergleichen Bücher so sehr verachteten und ihnen einen so schlimmen Ein- 
fluß auf die Sitten des gemeinen Mannes zuschrieben, daß er bisweilen auf 
den Gedanken gekommen sei, sich für ein verderbliches Mitglied des Staates 
zu halten. Man suche ja zum besten der Menschheit den Till Eulenspiegel, 
die Heymonskinder, den gehörnten Siegfried und dergleichen Bücher, durch 
andere, neuere, ungemein abgeschmackte, zu verdrängen; es stehe, fuhr er 
fort, zu befürchten, daß man ihn nächstens als einen Sittenverderber über 
die Grenze bringen würde, so wie er prophezeite, daß man diese Volks- 
geschichten mit der Zeit den Bauern so gut mit Gewalt wegnehmen würde, 
wie das Schießgewehr.“ 


Zeit und Entwicklung . hı 


das, was den Volksbüchern das Leben gab: die Anteilnahme der 
Besten im Lande an ihrer Entstehung. Von ihrem Auftreten an 
vom Spott der führenden Schichten begleitet, weichen sie dem 
ersten neuen Eindruck, der das Volk gefangen nimmt; die Aktuelli- 
tät ist an die Stelle der alten Überlieferung getreten, und Goethes 
Stoßseufzer bleibt im Grunde unbeherzigt: 


„Und wenn nun eure Kinder dichten, 
bewahre sie ein gut Geschick 
vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.“ 


U v 


: 


Die angrenzenden Literaturgattungen 


(Legenden, Kalender, medizinische und naturwissenschaft- 
liche Bücher, Reisebeschreibungen, Amadis, Los-, Zauber- 
und Hernenbucher) 


A" Eingang der Fühnsrhschkeukiehen Unterhaltungsprosa 
steht die Legendendichtung in ungebundener Rede, die ihrer- 
seits wieder von der franziskusbegeisterten deutschen Predigt 
ihren Ausgang nimmt!. Aus dem gereimten Legendenwerk wächst 
sie heraus; mitten in versgefügten Passionalen finden sich ihre 
Anfänge?, noch im vierzehnten Jahrhundert werden die Stoffe 
von Heiligen Georg, Oswald, Alexius, Kunigunde, Gregorius 
und Philipps Marienleben in Prosa umgesetzt, und am Ende des 
Jahrhunderts entsteht im Wenzelpassional das erste große Sam- 
melwerk (1391-ı4ıg), das freilich erst ı471 zum Druck 
kommt?, in demselben Jahre, in dem auch das berühmte ‚Leben 
der Heiligen“ seinen Weg aus den Buchdruckerpressen ins 
Publikum nimmt, sieben Jahre vor der Sammlung „Der Seelen 
Trost,“ die in Form und Gepräge den Gipfel dieser Legenden- 
literatur darstellt. | 

Was die Legendenprosa mit den Prosaromanen verbindet, ist 
‚nicht ihr Inhalt und nicht ihr Zweck. Ursprünglich nur als Stoff- 
sammlungen für Predigt und. Erbauungsstunde gedacht, gehören 
diese Bücher ganz den Geistlichen an, die sie dann unter steter 
Betonung ihres erzieherischen Wertes dem Publikum übermitteln; 
der Geist der Masse, wie Benz* meint, hat mit ihnen gar nichts 
zu tun5. Als pädagogische Wegweiser für rechte Christen werden 
i Vgl. R. Benz, Die deutschen Volksbücher, S$. ı8ff. 
2 F. Wilhelm, Deutsche Legenden und Legendare. Leipzig 1907, S. 97. 
8 ebders., S. ı74fl. 


* Die deutschen Volksbücher, $. ı8ff. 
5 Das hat Lieve in seinem mehrfach zitierten Buche endgültig erwiesen ($. 63). 


Angrenzende Literaturgattungen h3 


sie ın die Welt gesandt, nur solange keine andere Prosa vorhan- 
den ist, vertreten sie die Stelle einer Unterhaltungsliteratur, ein 
Geist erfüllt sie alle und: erzeugt das Typische, Schablonenhafte, 
das ihnen allen die bestimmende Marke aufdrückt6. Nur die 
Namen der Heiligen wechseln, ihre Taten bleiben dieselben”, 
und Breite und äußerliche Fülle muß die mangelnde Tiefe er- 
setzen; schon die Titel der späteren Drucke geben davon Zeug- 
nis: Der Heilgen Leben ... mit me Heilgen dan vor getruckt 
sein benennt der Straßburger Verleger Grüninger seine Folio- 
ausgabe von ı5ı4. So ist es bezeichnend, daß diese Werke, 
soweit sie als Unterhaltungslektüre gewertet sein wollen, wenig 
Anklang beim Publikum finden: „Wilhelm von Östreich“, auf 
Johann von Würzburg getreulich fußend, kündigt sich zwar 
durch seinen Titel als Roman an: ein schön vnd gantz kurtz- 
weilige historia, von hertzog Wilhelm aus Österreich, und eins 
königstochter aus Zisia, Agley genandt, wie sie nach langer aus- 
gestandener gefahr, durch wunderbarlich ebenthewr zusammen 
vermehlet ... gantz lustig und kurtzweilig zu lesen (ı48ı bei 
A. Sorg in Augsburg); aber er kommt über diesen einen Druck 
nicht hinaus: die Flut der neuen Prosaromane erstickt ihn®. 
Ein ähnliches Geschick hat der „Herzog Ernst‘, der auf latei- 
nischer Vorlage fußend in Ton und Stimmung unter der Hand 
der ins Lateinische und. aus dem Lateinischen übersetzenden 
Geistlichen völligen geistlichen Charakter gewinnt; er wird erst 
nach erneuter Umarbeitung zum eigentlichen Volksbuch®. Die 
meisten dieser Legendenwerke bleiben ungedruckt: schon ihre 
weitschweifige Länge macht sie für Verbreitung ungeeignet. Das 
buch vom heilgen Karl zeigt den typischen. Aufbau: vier Stoffe, 
verschiedenen Vorlagen entstammend, sind unorganisch anein- 
ander gereiht, ohne daß das Verhältnis zu den Quellen besonders 


6 H. Günter, Legendenstudien. Köln ı906, S. VIII; E. Tiedemann, Passional 
und Legenda aurea. Palästra 87 (Berlin 1909), $. 139. 

? Das haben besonders Günters Legendenstudien erwiesen. 

8 F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman. Phil. 
Diss. Greifswald ı915, $. ıo1ff. 

® Vgl. Herzog Ernst, hg. von K. Bartsch, Wien ı869, $. LXXIIff£., X. Sonne- 
born, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Ernst in der altdeutschen Lite- 
ratur. Phil, Diss. Göttingen 1914, $. 34. 


Ah Angrenzende Literaturgattungen 


eng bewahrt bleibt!0; so entsteht ein ungefüges, breites Werk, 
das leicht von den abgerundeten neuen Romanen in den Hinter- 
grund gedrängt wird. 

Die Bedeutung der Legendenliteratur für die Geschichte der 
Volksbücher liegt vielmehr auf formalem Gebiet. Die Prosa hat 
sich an ihnen geschult und gebildet; hier haben die Formeln 
und charakteristischen Satzbildungen ihre Ausbildung und ihren 
Eingang in die Unterhaltungslektüre gefunden, und mit dem 
Stil gleitet das erzieherische Moment, das fromme Ideal in die 
neuen Ritterromane über. Von diesem Gesichtspunkt aus kann 
man die Legenden als Vorläufer der Ritterbücher bezeichnen: 
es gibt hier keinen Helden, der nicht auch durch seine eifrige 
Frömmigkeit, sein tugendsames Leben als Vorbild dienen soll. 

Den Übergang vom Legenden- zum Volksbuch bilden einige 
Werke, die inhaltlich zwar ihre geistliche Herkunft nicht verleug- 
nen, aber durch die Fülle der Abenteuer, die sie bieten, dem 
weltlich gerichteten Geschmack des Publikums entgegenkommen 
und so auf weite Strecken hin die eigentliche religiöse Tendenz 
vergessen lassen; ihre Beliebtheit steht hinter den ritterlichen 
Kreisen entstammenden Romanen nicht zurück. Das Buch vom 
Brandan, das die Bußfahrt des heiligen Abtes mit einer reichen 
Menge von unerhörten Begebenheiten, wie sie ähnlich Herzog 
Ernst erlebte, zum Vorwurf hat, wırd am Ende des ı5. Jahr- 
hunderts in Prosa aufgelöst und erfährt bis ı521 dreizehn 
Auflagen; seine frische lebendige Kürze macht es beliebt1!1. Da- 
durch, daß Geistliche den Stoff in die Hand nehmen, erhält 
auch der Orendel einen Anflug legendarischen Charakters, wie 
ihn Herzog Ernst bekommen hatte; bei der Auffindung des hei- 
ligen Rockes gedruckt (1512 bei Othmar in Augsburg), erhält er 
sich durch anschauliche, kurzgefaßte Erzählerart eine Zeit in der 
Beliebtheit des Publikums12. Zwiespältigen Charakter trägt auch 
das Griseldisbuch: nicht die künstlerisch höherstehende Novelle 
des Boccaz dient ihm als Vorlage, sondern Petrarkas Werk, das 
10 ng. von A. Bachmann und S. Singer, Bibliothek des literarischen Vereins 
Stuttgart CLXXXV, Tübingen 1889, S. ı ff. 

11 Vgl. W. Meyer, Die Überlieferungen der deutschen Brandanbegebenheiten. 
Diss. Gött. 1918. 

12 Vgl. A. E. Berger, Orendel. Ein deutsches Spielmannsgedicht. Bonn ı888, 
S. XIIff. 


Angrenzende Literaturgattungen I) 


sich durch seine moralisierende Tendenz, die einseitige Ideali- 
sierung der Charaktere, seine aufdringliche Darstellung der rein 
didaktischen Geschmacksrichtung des Meißner Klostergeistlichen, 
der als erster die Übersetzung: wagt, mehr empfiehlt als Boccaz: 
seinem Vorgänger folgt dann Steinhöwel, dessen Übertragung 
ı471ı bei Zainer in Augsburg erscheint. Wie man das Buch auf- 
faßt, davon legt der Titel der Ausgabe Zeugnis ab, die Jacob 
Frölich in Straßburg 1554 druckt: zwo liebliche vnd nützliche 
historien, von gehorsam, standt-hafftigkeit, und gedult erbarer 
frommen ehe-frauwen, gegen ihren ehgemaheln, menglich gut und 
nützlich zu lesen. Bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nicht un- 
beliebt, tritt die Griseldis doch erst nach erneuter Umarbeitung 
durch den Diakon Johann Fiedler von Reichenbach (Dresden 
1653) und den Pater Martinus von Cochem (Dillingen 1687) in 
den Kreis der eigentlichen Volksbücher ein: an ihre moderni- 
sierten Werke knüpfen die anonymen Drucke an13. Steinhöwel 
ist vielleicht auch Verfasser der Apolloniusübersetzung nach latei- 
nischer Vorlage (1471), die es bis 1552 zu neun Auflagen 
brachte; es ist interessant, wie mit dem Anwachsen der Literatur 
der Ritterromane diese Werke zurücktreten: von den neun ge- 
nannten Apolloniusausgaben datieren sieben vor 15161%. In diesen 
Kreis gehört endlich noch der Genovefastoff, von einem Jesu- 
iten am Ende des ı7. Jahrhunderts (Dillingen 1685) zum ersten 
Male dem deutschen Publikum vermittelt15, unter anderem Titel 
(„Die geduldige Helene,“ „Hirlande“) bei den Lesern beliebter 


als in seiner ursprünglichen Form: auch hier kontrastiert 


18 Vgl.v. Westenholz, Die Griseldissage in der Literaturgeschichte. Heidel- 
berg ı888, S. 10, 28; G. Widmann, Griseldis in der deutschen Literatur des 
ı9. Jahrhunderts. Euphorion XIII (1906), S. ıff. 

14 Vgl. C. Schröter, Griseldis. Apollonius. Mitteilungen der deutschen Gesell- 
schaft zur Erforschung vaterländischer Geschichte und Altertümer in Leipzig. 
V, 2 (1872), $S. LXXVIfE. 

15 Die Unschuld in Drey unterschidlichen Ständen, mit drey weitläuffigen 
schönen geschichten als mit lebendigen farben abgebildet, Wie sie nemlich 
in der Welt von den Feinden betranget, Von den Menschen erkennet, Und 
von Gott gekrönet wird. In drey Theil abgetheilt. Bey deren jedem etliche 
Red-Verfassungen angefüget seynd von den Ursachen und Würkungen der 
Verleumbdunge, und mit was Mitteln man sich dawider schützen könne. 
Alles nicht weniger annehmlich als nützlich zu lesen. Sönderbar für das 
Hochadelige Frauenzimmer. Dillingen 1685. 


46 Angrenzende Literaturgattungen 


die asketische Idee, die Neigung zur Moral, mit den bunten, aben- 
teuerlichen Geschehnissen, durch die das Buch seine Verbreitung 
gewinnt16. Wo dieser lockende Inhalt ganz fehlt, ist der Weg 
zum Volksbuch für die Legendendichtung verschlossen: sie muß 
andere Wege einschlagen, um ihr Publikum zu suchen, und findet 
schließlich im unterhaltenden Teil der Kalender ihre bescheidene 
Stelle. 

Eine Darstellung deutscher Volksbücher darf an den Kalendern 
nicht vorübergehen, nicht so sehr aus literarhistorischen Grün- 
den — denn ihr ästhetischer und inhaltlicher Wert ist beschei- 
den, und sie haben weniger als andere Literaturgattungen Einfluß 
gewinnen wollen oder können —, als vielmehr aus solchen kultur- 
geschichtlicher Art: das geistesgeschichtliche Bild der Volksklassen, 
die letzte und. bedeutungsvollste Träger der Volksbuchliteratur 
werden, wäre ohne sie nicht voll, und. ihre persönliche, innere 
Note haben sie mit den Volksromanen gemein. Mehr noch: der 
Kalender dringt selbst dahin, wo auch das nur erzählende Volks- 
buch nicht hinlangt; er ist „für Hunderttausende in den breiten 
Volksschichten das einzige weltliche Buch, das ihnen in die 
Hände kommt‘17, So ist er das Volksbuch xar’ 2£oyjv: aus dem 
Bedürfnis des Bauern herausgewachsen, hält er sich durch die 
Jahrhunderte, unbeirrt um jeden Wechsel in Mode und Ge- 
schmack. Die italienischen Bauern vor Cäsar haben bereits kalen- 
darische Merktafeln, die in der Hauptsache alles enthalten, was 
den späteren deutschen Bauernpraktiken eigentümlich ist: Tag- 
und Nachtgleichen, längste Tage und längste Nächte, Wind-, 
Wetter- und Landbauregeln; an sie knüpft Cäsar an18. Der älteste 
germanische Kalender entstammt dem 6. Jahrhundert, er ist 
gotischen Ursprungs, vom ı2. Jahrhundert ab benutzt der Skan- 


16 Vgl. J. Zacher, Die Historie von der Pfalzgräfin Genovefa. Königsberg 
1860, $. 8ff. Der erste, auf dem Dillinger Jesuitenwerke fußende Volks- 
buchdruck (bei Everaerts in Köln, o. J.) reicht nicht über das ı8. Jahrhundert 
hinaus. Der Genovefastoff ist im ı8. Jahrhundert als Puppenspiel und Ballett 
beliebt; vgl. Theaterjournal für Deutschland vom Jahre ı777 (Gotha), Monat 
Jänner, $. 64; ferner C. J. Weber, Dymocritos, Stuttgart 1840. XII 69. 

17 A. Hauffen, Fischart-Studien. Euphorion V (1898), S. 26. 

18 L. Sig, Vorgregorianische Bauernkalender. Ein Beitrag zur christlichen 
Kalenderkunde. Programm des Bischöfl. Gymnasiums zu Straßburg 1905, 
$. 7. Plinius, hist. nat. III, 47 berichtet von diesen Bauernkalendern. 


Angrenzende Literaturgattungen h7 


dinavier seine Runenkalender in Brettchenform, bis ins 19. Jahr- 
hundert hinein bleibt er ihnen treu1?. So sieht der erste deutsche 
gedruckte Kalender, der Münchener Türkenkalender von ı455, 
auf eine lange. Entwicklung; er ist keine Neuschöpfung, vom 
Augenblick seines erstens Auftretens an kann er auf die Gunst des 
Publikums rechnen. Zahlreiche meist einjährige Einblattkalender, 
meist mehrjährige Heftkalender folgen ihm; der deutsche Kalen- 
der Königsbergers (Regiomantus), der ı475 zum ersten Male 
erscheint und 1494 und: ı513 Neubearbeitungen erforderlich 
macht, ist z. B. für drei Mondzirkel zu neunzehnjährigen 
Perioden berechnet. Erst 1564 wird, auch für die Heftkalender 
die einjährige Berechnung Regel?0, außer dem Kalendarium bil- 
den Wetterprognosen, Bauernregeln, medizinische Ratschläge, 
astrologische Weissagungen, Aderlaßvorschriften ihren Inhalt: die 
Bezeichnung lasstafel, lasszettel wird neben dem selteneren alma- 
nach geradezu Kalendername; das Wort kalender selbst wird am 
wenigsten gebraucht?!. Welche Bedeutung schon in den frühen 
Jahren seiner Entwicklung der Kalender im literarischen Leben 
hat, zeigt die Rolle, die er unter den Streitschriften der Refor- 
mationszeit einnimmt; Thomas Murner ist nicht der einzige, der 
sich seiner Form zur Polemik bedient (1527 Kirchendieb- und 
Ketzerkalender) 22. Die Heftform führt zum Kalenderbuch, aus 
diesem entsteht gegen Ende des 16. Jahrhunderts der Schreib- 
kalender, die Vorstufe zum Almanach der späteren Zeiten: so 
geht die Linie aufwärts in das Reich der schönen Literatur. 
Viel früher zweigt sich eine andere Entwicklung vom eigent- 
lichen Kalender ab, die zwar nicht aus den Kreisen des ursprüng- 
lichen Kalenderpublikums hinausführt, aber bedeutungsvoller wird 
als die Almanache: die belehrenden Anhänge werden, italienischem 
Vorbild folgend, am Ausgang des ı5. Jahrhunderts abgetrennt 
und erscheinen als „Prognostikon“ oder „Praktika deutsch“ ge- 
w L, Sig, Vorgregorianische Bauernkalender $S. 33. Ein skandin. Runen- 
kalender aus der 2. Hälfte des ı9. Jahrhunderts befindet sich auf der Gothaer 
Bibliothek. 
20 A. Hauffen, Fischart-Studien, S. 27. 
21 W. Uhl, Unser Kalender in seiner Entwicklung von den ältesten Anfängen 
bis heute. Paderborn 1893, S. 45; 4A. Hauffen, Fischart-Studien, S. 27. Der 


Name kalender seit etwa 1470: Uhl S. 35. 
®2 Uhl S. 75. | 


h8 Angrenzende Literaturgattungen 


sondert, meist in Kleinquart oder Oktav, 6—-ı2 Blätter stark 23. 
Aus dem 16. Jahrhundert sind allein über 500 dieser Büchlein be- 
kannt?*: keine andere Literaturgattung hatte je solche Verbrei- 
tung. Die von ihnen geschiedenen Kalendarien führen ihr Leben 
als „Bauernkalender“ geringsten Umfanges weiter: nach kurzer 
Aufführung der wesentlichsten astronomischen Angaben folgt die 
Tages- und Monatstafel, links gewöhnlich die Leiste mit den 
Monatsbildern, daneben die Tage durch die betreffenden Hei- 
ligensymbole auch dem Nichtlesekundigen verständlich, unter je- 
dem die bekannten Zeichen für Wetter, Gestirne und Landbau- 
regeln: so sind sich diese 2—/ Seiten umfassenden Blätter durch 
die Jahrhunderte gleich geblieben; der 1809 in Brixen erschienene 
Bauernkalender ist z. B. ein fast genaues Ebenbild seines Vor- 
gängers von 1567 (Augsburg, Hofers Erben), und noch in un- 
sern Tagen werden sie in gleicher Form in Steiermark gedruckt. 
Daß der Staat bei Beginn des ı8. Jahrhunderts sie durch Ein- 
führung des Kalenderstempels als Finanzquelle ausbeutet, ist 
allein schon ein bedeutsames Zeichen für ihre Verbreitung 25. Aber 
„Bücher“ sind sie nicht mehr, und: nur als Ausläufer einer gro- 
ßen Bewegung sind sie für uns von Interesse. 

Die Prognostiken dagegen gewinnen gerade durch ihre Tren- 
nung vom Kalendarium einen literarischen Einschlag; während die 
lateinisch geschriebenen den Gelehrten verbleiben, wenden sich 
die Deutschen an das Volk, besonders das Landvolk. ‚In diesem 
biechlein wirt gefunden der pauren pracktik und regel, darauff 
sy das gantz iar ain auffmercken haben.“ Der Titel dieser 1508 
erschienenen Prognostik 26 ist bezeichnend für die ganze Gattung. 
Mit der Christnacht beginnt es gewöhnlich: Die wysen vnd clu- 
gen meister vnd sternseher haben funden wie man in der hei- 
ligen Christnacht mag sehen und mercken an dem wetter, wie das 
gantz iar in würckung sein zukunfft werd thun und spricht 


28 A. Hauffen, Fischart-Studien, S. 28f. 
%4 A. Richel, Astrologische Volksschriften der Aachener Stadtbibliothek. Zeit- 
schrift des Aachener Geschichtsvereins XIX (1897), S. 49ff. 

25 A. Kirchhoff, Kalenderprivilegien. Archiv für Geschichte des deutschen 
Buchhandels. XV (189382). S. ı, 

26 Vgl. G. Hellmann, Repertorium der deutschen Meteorologie. Leipzig 1883, 
S. 551. 


Angrenzende Literaturgattungen 49 


also2?; dann folgen Bemerkungen über die Jahresplaneten, Wetter- 
verkündigungen, besondere Vorgänge am Sternhimmel, Prophe- 
zeiungen allgemeiner Natur, Regeln für das Land und die eigene 
Person, für gesunde und kranke Tage, mit dem unerläßlichen 
Aderlaßmännchen: das ist in groben Zügen der gewöhnliche In- 
halt2®. Hie und da werden Zusätze angehängt, astrologischer 
Art: die Verteilung der Städte und Länder unter die Tierkreise, 
ein Verzeichnis der Glücks- und Unglückstage, belehrend: zoo- 
logische, botanische Mitteilungen oder Kochregeln, oder unter- 
haltender Natur: lehrsame Geschichtchen, Schwänke, Heiligen- 
legenden, das ganze Buch nie ohne ein starkes religiöses Moment, 
nie ohne moralische Absicht: so wird die Einheitlichkeit aller 
Volksbücher gewahrt. Protestantische Kreise übernehmen wie dort 
auch hier die Führung, von ihnen gehen auch die religiösen 
Praktiken aus, die nicht auf Astronomie und Astrologie, sondern 
auf der Heiligen Schrift fußen?9. Literarische Namen wie Pam- 
philus Gengenbach und Grimmelshausen 30 finden sich unter den 
Kalenderverfassern, noch tief im ı9. Jahrhundert erscheinen Bü- 
cher des alten Geistes und der alten Form: „Der untrügliche 
Wetterprophet oder Wetter- und Bauernregeln auf alle Monate 


27 vgl. In diesem Biechlein wirt funden der Pauren Practick vnd Regel, 
darauff sy das gantz iar ein auffmercken haben vnnd halten. Straßburg 
ohne Jahr. 


28 vgl. A. Richel, Astrologische Volksschriften S. 4gff.; einige Titel geben ein 
deutliches Bild des Kalenderinhalts: In disem kalender da findet man gar hüpsche 
vnd gutte lere und vnderwysung der zwölff monaten wie sich die menschen in einem 
‘yeden sollen regieren vnd halten. Nach innhalt vnd lere der zwölff meister. Auch 
von den zwölff zeichen. Umd von den syben planeten, was sy natur vnnd eygen- 
schafft sy dem menschen geben, unnder welchem er geboren ist. Auch wie man sol 
suchen, under welchem planeten vnd zeichen ein mensch geborn sey. Auch wann gut 
sey lassen. Und was alle iar sontag buchstab. Oder wann es ein schalt iar sey. Die 
guldin zal. Und wie lang sey zwischen Wyhennacht vnd der herren faßnacht. Auch 
findet man was man in einem yeden zeichen tryben vnd handtieren sol. Vnd des hat 
ein yedes sein eygne tafel, als daruor geschriben steet. Straßburg, Matthias Hup- 
fuff 1515. In Versen gibt den Inhalt der Kalendarius teutsch Maister Joannis 
Küngspergers (1514). Auch hier zuweilen die Aufforderung zum Kauf im 
Titel: Kauffs, ließ, es wirt wol bessern den guten acker. Practica auffs 
MDxliiij Jar, Straßburg 1543, M. J. Cammerlander. 


29 A. Hauffen, Johann Fischart. Berlin-Leipzig 1921. I, 144. 
80 Des Abenteuerlichen Simplicissimi ewig-währender Calender. Nürnberg 1670. 


Mackensen, Die deutschen Volksbücher 4 


50 Angrenzende Literaturgattungen 


des Jahres“ (Erfurt 1844)31; um größere Handlichkeit zu er- 
zielen, werden späterhin gern Sedezdrucke ausgegeben. 


Gerne wird hier noch die Reimform herangezogen: 
„Dieses Büchlein ist also gemacht, 
Wie das Jahr nach den Monat wirt geacht, 
Auch Natur und Influß der Stern’, 
Auch thut es weiter lern’n, 
Von Speiß, Tranck und Purgieren, 
Baden, Lassen und Regieren, 
Schwanger Frauen, die fruchtbar sind, 
Wie man ziehen soll die Kind, 
Von der Pest sich machen frey, 
Drumb ist es ein Buch der Arczney* — 


so kündigt sich ein dreiundzwanzig Bogen starker Reimkalender 
von ı49ı an32. Besonders für die erteilten Lehren und Regeln 
bleibt der Vers, der Merkreim sein will, beliebt: 


„Du solt nit lassen das glid an dir, 
So yedes zaichen sein ader ryer“ % 
oder: 
„Im Jennar du nicht laß dein blut, 
Doch wer dirs noth, so ists auch gut “% 
Manche solcher Kalenderverse leben heute noch im Andenken des 
Volkes, ernstgemeinte und scherzhafte, 


Die rasche und vollständige Verbreitung der Kalender und 
Praktiken — selbst dem Lucidarius wird seit 1566 der Jacob 
Köbelsche Bauernkompaß angehängt — erzeugt hier denselben 
Vorgang, der die Entwicklung des Prosaromans zu endgültigem 
„Volksbuch“ bedingt: die Abkehr der führenden Schichten von 
dieser durch sie belebten Literatur. Pamphilus Gengenbach, einst 
selbst Praktikenschreiber, klagt über die Kalendersucht: 


O gott wie seer mich wunder nympt 
das all welt ietz und dar vff gründt 
All iar zu wissen künfftig ding, 

was vns der louff des hymels bring 
Vnd nemen der practica war 

Wie es gon soell das künfftig iar“, 


81 Hellmann, Repertorium der deutschen Meteorologie $. 574. 

82 Niedersachsen XXII (1916), S. 104. 

33 Kalendarius Teutsch von Königsberger 1514. 

81 Alt und New Schreib Kalender auffs Schaltjahr, nach der heilsamen geburt 
vnsers Herrn und Heylands Jesu Christi 1632. 


Angrenzende Literaturgattungen 5ı 


und im Simplizissimuskalender (1670) werden die einzelnen Sor- 
ten aufgezählt, nach denen sich das Publikum drängt: „diese 
rieffen, langt mir her den alten: den newen: den schreib: den 
bawerncalender; den gelehrten bawrn; den Welper, den gold- 
und galgenmeyer, den hauptkriegs: friedens: history: artzney 
kräuter: wunder: hauss: ich vnd weiss nit was vor calender‘.35 
Und noch 1726 seufzt Gottsched: „Ich wollte, daß unsere Herren 
Kalendermacher, anstatt anderer Alfanzereyen vom Wetter, Ader- 
lassen, Haarabschneiden, Holzfällen, Purgieren, Kinderentwöhnen. 
zuweilen schreiben möchten: Gebt acht auf den Himmel!‘ 36 Die 
Gegnerschaft setzt hier nur anders ein als beim Prosaroman: 
wollte sie dort erziehen und, bessern, so versucht man hier, durch 
Spott und Satire die verachtete Literatur zu beseitigen. Freilich 
— das Ergebnis ist bei beiden Bemühungen das gleiche: ein 
negatives. 

Die ersten komischen Laßtafeln erscheinen schon vor 1500; 
das älteste uns bekannte Beispiel datiert von 148037: hier setzt 
also die Gegenbewegung viel früher ein als beim Prosavolksbuch. 
Der Grund ist deutlich: die Kalender haben die Stufe der 
Volksbücher eher erreicht. Im Anfang sind diese Satiren noch 
individuell in ihrem Witz; Meister Hans Foltz steht mit seiner 
Practica teutsch mit am Anfang der Bewegung 38. In Luzern wird 
ım ı6. Jahrhundert ein Fastnachtspiel: Bracdica von seltzamen 
geschicht dis jars, calculiert durch doctor Rossschwantz von 
langen Lederbach aufgeführt, schon 1509 war eine Practica doc- 
tor Johanns Rossschwantz erschienen®9. So fußt eine Satire auf 
der andern; neue Gsedanken und Scherze sind nur in den älteren 
Spottkalendern zu finden: Practica teutsch doctor Gril von kytiel- 
perg, gepractiziert inn der hochen schul do dy küe auff steltzen 
geend nennt sich eine Satire aus dem ersten Viertel des 16. Jahr- 
hunderts#0. Männer, die früher selbst Kalender verfaßt haben. 
%5 Des Abenteuerlichen Simplicissimi ewig-währender Calender. Nürnberg 1670, 
S. sk. 

36 a Gesammelte Schriften, hg. E. Reichel, Berlin o. J. II, 88: Die 
vernünftigen Tadlerinnen II 9. 

87 4. Hauffen, Johann Fischart. I 1455 Uhl, Unser Kalender S$. 87. 

88 Goedeke, Pamphilus Gengenbach. Hannover 1856, S. 627. 


39 A. Hauffen, Johann Fischart. I 146. 
40 Goedeke, Gengenbach S. 627. 


4* 


52 Angrenzende Literaturgattungen 


schreiben nun Spottpraktiken, so Pamphilus Gengenbach, so auch 
der Organist des Schottenklosters Johann Rasch, der in den acht- 
ziger Jahren des 16. Jahrhunderts den Typ des satirischen Ka- 
lendergegners darstellt*!. Als Jacob Henrichmann von Sindel- 
fingen 1568 Bebels Fazetien deutsch herausgibt, schickt er ihnen 
ein scherzhaftes Prognostikon voraus, in dem er allerhand, Selbst- 
verständlichkeiten nach hergebrachtem Muster prophezeit: ım 
Schwarzwald werde kein Wein wachsen, Frauen und Jungfrauen 
werden ein schwaches Gedächtnis, aber langes Haar haben usw.*2, 
und neunzig Jahre später beginnt Schupp eine seiner großen 
Selbstverteidigungen mit einer Nachbildung von Hans Steinbergers 
Scherzkalender23: so wird die Kalendersatire zur literarischen 
Kunstform. Aber Erfolg hat auch die Satire nicht: das Volk 
ist konservativ und läßt sich‘ sein Besitztum so leicht nicht neh- 
men, durch Spott am allerwenigsten. 

Eng an die Kalender schließen sich die medizinischen und 
naturgeschichtlichen Büchlein an, wie jene für praktische Be- 
dürfnisse berechnet; ohne gelehrten Apparat, unbeschwert von 
allen langatmigen Reflexionen, bringen sie das, was Bürger und 
: Bauer ın ihnen suchen: Hausmittel für Krankheiten, besonders 
häufig für die beiden Fälle, die den Menschen am meisten er- 
regten: Pest und Geburt, daneben die alten Rezepte zur Erlangung 
von Wunschdingen, wundersame Fähigkeiten von Steinen, Pflan- 
zen und Tieren. Die alten, berühmten Gelehrtennamen finden sich 


4 Nagl-Zeidler,Deutsch-ÖsterreichischeLiteraturgeschichte. Wien-Leipzig 1898, 
I 559. 
“2 vgl. J. Scheible, Das Schaltjahr, welches ist der teutsch Kalender. Stutt- 
gart ı846. I, 8ff. Auch zu künstlichen Spielereien bieten die Gegenpraktiken 
Gelegenheit: so ergeben die Anfangsbuchstaben der Practica Practicarum 
des Frater Joh. Nas (Ingolstadt ı571) das Alphabet. Vgl. zum Gegenstand 
. auch S. Günther, Münchener Erdbeben- und Perdigienliteratur in älterer Zeit. 
Jahrbuch für Münchener Geschichte IV 1890) S. 250. 
#3 Schupp, Streitschriften, hg. von Carl Vogt. Halle ıgı0, S$.33ff. Ein Bild, 
wie die Praktiken vertrieben wurden, gibt ein Kupferstich der stadt-kölnischen 
Sammlungen von ı589, der Kölner Straßenausrufer, darunter auch Praktiken- 
verkäufer darstellt. Darunter der Spruch: 

al manch pracktick und zeitung new 

sind war und vfrecht bei mein trew. 
S. P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben im ersten Viertel des ı6. Jahr- 
hunderts. Viersen 1873. S. 2gff. 


Angrenzende Literaturgattungen | 53 


auf den Titelblättern neben neuen, weniger bekannten, und viele 
sind ganz namenlos. Aber am liebsten greift das Volk zu den Bü- 
chern, die den Namen des Albertus Magnus, des großen Scho- 
lastikers des ı3. Jahrhunderts“, tragen#5 und die in ihrer Art 
kleine Kompendien alles Wissens- und Begehrenswerten aus dem 
Reich der Medizin und Natur sind. Mit Regeln für Schwanger- 
schaft und Geburt heben sie an, kurze, prägnante Ratschläge 
wechseln mit richtigen Rezepten: Das die fraw ir zeyt überkomm. 
Nym viola vnd myrra in ein geschirr usw., und zwischen heil- 
same Lehren wie z.B. die Warnung vor dem Schnüren bei der 
Schwangerschaft, mischen sich ernst gemeinte und treu befolgte 
Hausmittel zur Erreichung großer, unerforschbarer Geheimnisse: 
die Jungfrauenschaft eines Mädchens zu prüfen, die Frauen 
keusch zu machen. In den folgenden Teilen gewinnt dann das 
Wunderbare die Oberhand: sechzehn Kräuter zauberischer Natur 
werden genannt, die Liebe, Unbesiegbarkeit, Fruchtlosigkeit und 
andere Wunschdinge verheißen, Gesteine mit unerhörter Wunder- 
macht werden empfohlen: Magnes ist gut zur Keuschheitsprobe. 
Obtalmius macht unsichtbar, Gena enthüllt die Zukunft, Gurini 
läßt die Menschen im Schlaf ihre Missetaten bekennen. Und 
mannigfache Zauberkraft bergen die Glieder der Tiere: die Füße 
der Turteltaube, an einen Baum gehängt, machen diesen un- 
fruchtbar. So möchten diese Bücher dem Leser die Mittel an die 
Hand geben, zu werden wie die bewunderten Helden seiner Ro- 
mane; was dort theoretisch erzählt wird, wird hier praktisch zu 
erreichen versucht. Eine Beschreibung von Art und Kraft der 
Gestirne darf nicht fehlen: so wird der Zusammenhang mit den 
Kalendern gewahrt. Und mit dem „Pestregiment‘ wird der Schluß 
gemacht: so schließt sich das Ganze, das mit Schwangerschaft und 


4 vgl. H. Langenberg, Aus der Zoologie des Albertus Magnus. Programm 
Elberfeld 1891, S. ı. 

#5 Albertus Magnus, Das buch der versammlung oder das buch der heimlig- 
keiten Magni Alberti, von artzney vnd tugenden der kreuter vnnd edel gestein 
vnd von etlichen wolbekannten thieren. Straßburg, Knoblauch 1516. Den 
typischen Titel der späten Volksbuchausgaben s. bei Görres, Volbsbücher 
$. 27. Der Frankfurter Buchhändler Harder verkauft in der Fastenmesse 1569 
(Meßmemorial des Frankfurter Buchhändlers Michel Harder, hg. v. E. Kelchner 
und R. Wülker 1873) 227 Exemplare des Albertusbüchleins: das meist ver- 
kaufte Volksbuch! \ 


as ee eb 
—- 


54 | Angrenzende Literaturgattungen 


Geburt begann, zum wohlgefügten Ringe. Geburts- und Pestvor- 
schriften werden auch von der Obrigkeit begünstigt und ver- 
breitet; ı5ı2 erteilt Maximilian ein Privileg für ein Regelbuch 
für Schwangere und Hebammen, das große Verbreitung ge- 
winnt46, und der Artzney Büchel zur zeit der Infection zu ge- 
brauchen sind viele. In ihnen zeigt sich gelegentlich auch ein 


‚frommer Einschlag, der den Albertusbüchlein fremd ist; die 


Krankheit kommt über die Menschen, um zorn vnd straff gottes 
anzuzaigen, Himmelserscheinungen verursachen sie und künden sie 
an. Und als letztes Mittel wird empfohlen: wer aber ungeflohen 
bleibt, der soll sich selbst vnd die krancken wol getrösten, und 
erwegen, dass des zeitlichen todis niemands gefreyet noch vber- 
haben sein kan, und sich demnach gott dem allmechtigem vnd 
seinem aingebornen sohn unserm herrn und erlediger Jesu Christo 
ohn vnderlass beuehlen*!. Auch in den kleinen Gelegenheitsregeln 
für Pestzeiten, die, selten über 4—6 Seiten lang, meist noch an- 
dere Rezepte enthalten“, wird am Schluß gern zum Gebet auf- 
gefordert. Andere Büchlein wieder behandeln, stofflich sich enger an 
die Albertushefte anschließend, die wissenswerten Dinge in Frage 
und Antwort; der Bau des menschlichen Körpers wird so durch- 
gesprochen: warum haben wir Nasenlöcher? warum niesen wir? 
warum haben wir einen Rücken? soll ein Hermaphrodit als 
Mann oder Frau heiraten? Mit besonderer Ausführlichkeit wird 
das Sexualleben behandelt: ihm gilt neben den Wunderdingen 
das vornehmliche Interesse der Zeit. Am Schluß wird gern zum 
Kauf anderer Bücher angelockt: wie geschicht die geburt, oder 
wie sol man sich darin halten. Sollichs zu wissen vnd erfaren, 
liss hie von Eucharium Rösslin docior der artzney. der gar ein 
hüpsch biechlin darvon vss hat lassen gon im truck genant Der 
schwangern frawen und hebammen rosengarten%?: so zeigt sich 


# Der Swangern frawen vnd Hebammen Rosegarten. Worms o. J. (1512). 
47 Artzney Büchel Zur Zeit der Infection zu gebrauchen. O. O. 1620, S. ı2. 

# Regiment-weß man sich jtzumt vnd fortan zur zeit der pestilentz mit essen, 
trincken, vnd baden halten sol. Auch findestu hie in mancherley bewerter 
artzneien zu den bösen zeen. Von deß gebranten weins tugenden zven vnd 
zwentzig artickel. O. O. 1531. 

# Ein hüpsch biechlin das durch die natürlichen meister Aristotilem, Aui- 
cennam, Galienum, Albertum vnd anderm natürlichen meistern von mancher- 
ley seltzamen fragen beschribenn vnnd der menschlichen natur gar nutz- 
lichen zu wissen. Propleumata Aristotiles. Straßburg, Hupfuff 1515, am Ende. 


Angrenzende Literaturgattungen 55 


der buchhändlerische Unternehmergeist, der an der Gestaltung 
und Verbreitung der Volksbücher seinen bedeutsamen Anteil hat, 
auch in diesen Werken. 

Neben diesen Gelegenheitslehrbüchern, die kommen und gehen, 
deren Titel mannigfach wechseln, und: an denen nur Inhalt und 
innere Diktion dieselben bleiben, geht, ehrwürdiger und ernster 
in Inhalt und Form, ein Buch durch die Jahrhunderte, das als das 
älteste Volksbuch die längste Lebensdauer von allen bewahrt: der 
Lucidarius50. Von Heinrich dem Löwen als Laienlehrbuch ange- 
regt, wird er um 1200 von einigen Geistlichen aus lateinischen 
Schriften zusammengestellt; seine Form ist von Anfang an die 
‘Prosa. 1479 bei Anton Sorg in Augsburg zum ersten Male ge- 
druckt 51, erlebt er bis 1491 bereits zwanzig Drucke; zwischen 1494 
und ı689 zählen wir achtundfünfzig Ausgaben: keinem an- 
dern Volksbuche ist eine derartige Verbreitung beschieden 52. 
Eine Enzyklopädie auf geistlicher Grundlage, umfaßt der Luci- 
darius alles, was dem Menschen jener Zeit wissenswert erscheint: 
Katechismus, Erdbeschreibung, Naturkunde; der Inhalt wird im 
Lauf der Jahrhunderte oft verstäüämmelt, verringert und erweitert, 
nur der Kern bleibt; schon der älteste Druck hält Lucidarius 
oder, wie manche Handschriften und Drucke schreiben, Eluci- 
darius für den Verfasser, erst das ı7. Jahrhundert verwischt den 
Irrtum, indem es dem Werk einen neuen Namen, „Kleine Cosmo- 
graphia“ (von 1665 ab) gibt; unter diesem läuft es bis ins 
ı9. Jahrhundert. Nach der Reformation wird der Inhalt in prote- 
stantischem Sinne umgebildet; Cammerlander ist der Verfasser 
‚dieser Überarbeitung (1534), an die sich die folgenden Drucke 
nun anschließen: aber auch diese Änderungen halten sich in den 
gewohnten Grenzen, die Grottesdienstordnung, die Ausdeutung der 
Kirchengebräuche, der geistlichen Gewänder usw. fallen fort, 
das andere bleibt zumeist. Charakteristisch für das Werk ist die 
Gesprächsform, die es aus seiner Vorlage, dem Elucidarium des 
50 K. Schorbach, Studien über das deutsche Volksbuch Lucidarius und seine 
Bearbeitungen in fremden Sprachen. QF. 74. Straßburg 1894. 


51 Diß buch heyßet Lucidarius. das spricht zu teütsch also vil als ein er- 
leüchter. 
#2 Im Lager des Frankfurter Buchhändlers Gülfrich nimmt der Lucidarius 


mit ı259 Exemplaren 1568 die erste Stelle ein: H. Pallmann, Sigmund Feyer- 
abend S. ı37ft. 


56 Arigrenzende Literaturgattungen 


Honorius, entlehnt, und die andere Werke besonders medizint- 
scher Natur nachahmen. Es ist ein Zeichen stolzen Selbstver- 
trauens, wenn Seifried Helbling seinen fünfzehn Gedichten den 
Titel dieses weitbeliebten Volkslehrbuches beilegt (‚Der kleine 
Lucidarius“), und zugleich ein Beweis für die Zugkraft dieses 
Namens. 

Der „Ritter vom Turn‘ bezeichnet die äußere Grenze dieser 
lehrhaften Volksbücher, er selbst kein eigentliches Volksbuch 
mehr, aber in Form und Art der Verbreitung jenen doch ähn- 
lich. Ein Ritter erteilt seinem Sohne allerhand Lehren, deren 
manche uns anstößig erscheinen möchten, die aber im Sinne der 
damaligen Zeit nicht eigentlich zotig gedacht sind. Freilich: 
es sind gerade diese Abschnitte des Buches, die es wert und be- 
liebt machen; 1493 erscheint es, von Marquard von Stein aus 
dem Französischen übersetzt, zum ersten Male, bis 1682 wird 
es zwölfmal gedruckt, seine Verbreitung kann sich also mit der 
der meisten Volksbücher nicht messen. Aber als Erziehungsbuch 
zu ritterlichem Wesen erfüllt es eine Aufgabe, parallel etwa den 
Werken, die Regeln und Zaubermittel zur Erlangung ritterlicher 
Kraft und Abenteuerlichkeit darbieten: so hat es seine Bedeutung 
für die ganze Literaturgattung. 

Der lehrhafte Zug der Zeit hat in diesen Werken allen die 
Oberhand gewonnen; das Unterhaltungsmoment steht weit im 
Hintergrunde, namenlose Lehrbücher, Hilfen, die durch ihre Un- 
gelehrtheit das Vertrauen des Ungelehrten erwerben: das sind diese 
Bücher. So sind sie weniger durch ihren Inhalt und die Art, wie 
sie ihn darbieten, als durch ihre Form, die sie in manchen Punkten 
mit den Volksromanen vereinigt, für uns bedeutungsvoll, sie ver- 
vollständigen erst das Kulturbild der ganzen Bewegung. Eine 
Mittelstellung zwischen ihnen und den Prosaromanen nehmen 
die Reisebeschreäbungen ein: von jenen haben sie die Lust am 
Fabulieren, die Freude am Unerhörten, Niedagewesenen, von 
diesen die Lehrhaftigkeit als Prinzip, den Lehrbuchton; man- 
cherlei Legenden zudem finden bei ihnen einen Unterschlupf. So 
sind sie als deutliche Übergangsglieder gekennzeichnet. 

Die Kreuzzüge hatten die Sehnsucht zur Weite bei allen ge- 
weckt; durch Pilger und Kreuzzugteilnehmer waren die ersten 
wunderbaren Berichte von fernen Ländern ins Volk gedrungen. 


Angrenzende Literaturgattungen 57 


So war die schlummernde Empfänglichkeit für solche Geschich- 
ten geweckt, so wurde sie immer von neuem erregt und gesteigert. 
Und nun kommen die Entdeckungen, die niegeahnte Wunder 
erschließen, kommt die gewaltige Ausdehnung der Handelsbe- 
ziehungen: immer von neuem wird die Sehnsucht und Neugierde 
der breiten Schichten aufgewühlt, die gewöhnlichen Abenteuer 
genügen nicht mehr, je unglaublicher, je fabelhafter die Dinge 
sind, die erzählt werden, um so freudiger werden sie aufgegriffen. 
Holt man jetzt doch sogar die Berichte des Altertums über Asien 
neu hervor, um dem Volke Genüge zu tun53. Herzog Ernst, Alex- 
ander, Brandan werden von neuem beliebt, Faust und Eulenspiegel 
sind Wanderer, und erst das Zauberflughütlein vervollständigt 
das Glück des unermeßlich Reichen. Ahasver, der ewige Jude, 
wird in diesem Zeitalter geboren: das ist ein tiefes Symbol. Noch 
im ı8. Jahrhundert heißt „eine allgemeine Reisehistorie“ ‚die 
allerbeliebteste Art von Büchern“.54 

So ist es das abenteuerfrohe, bunte Gewand, das die Reise- 
berichte dem Publikum teuer macht. Von den führenden, volks- 
erziehenden Kreisen, die freilich selbst ıhre Freude an solcher 
Lektüre haben55, wird ıhr Wert anders beurteilt: „Es haben 
aber die Reisen“, heißt es in einer Sammlung des ı8. Jahr- 
hunderts5%, „noch darin vor andern Geschichtsbeschreibungen 
einen ausnehmenden Vorzug, weil sie uns lebhafteste Beispiele 
von der liebreichen und wundervollen Fürsorge Gottes allent- 
halben recht rührend vor Augen stellen“, und. an anderer 
Stelle57: „Es muß dasselbe zur Aufklärung der Wahrheit in den 
Geschichten, zur Richtigkeit in der Erkenntnis aller Dinge, zur 
Weisheit und Klugheit, und, mit einem Wort, zum Unterricht in 
53 A. Bovenschen, Untersuchungen über Johann von Mandeville und die Quelle 
seiner Reisebeschreibung. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 
ı888 (XXXIII) S. 180. 
5 Neue Sammlung der merkwürdigsten AEIBOBPSCHIENtER, VI. Frankfurt- 
Leipzig ı753, Vorbericht. 
55 Besonders beliebt sind die Reisesammlungen von de Bry und Hulsius; vgl. 
M. Böhme, Die großen Reisesammlungen des ı6. Jahrhunderts und ihre Be- 
deutung. Straßburg ı904, $. 132. Diese Sammlungen „Volksbücher“ zu 
nennen ($, ı63), geht nicht wohl an. 
5% Neue Sammlung der merkwürdigsten Reisegeschichten. I. Frankfurt 1749, 


$. XXI. 
57 ebda. VI (1755), Vorbericht. 


58 Angrenzende Literaturgattungen 


Verbesserung des Verstandes und Wollens, für alle Stände unter 
den Menschen dienlich gemacht werden.“ Das ist auch der 
Standpunkt des ı5. und ı6. Jahrhunderts, so kommt es, daß hier 
keine Polemik eingreift wie sonst bei den Volksbüchern. 

Freilich: die großen Beschreibungen der Weltfahrer dringen 
nicht ins Volk; sie sind zu wissenschaftlich, um populär zu wer- 
den, und die Art ihrer Darstellung ist nicht rasch, nicht aben- 
teuerlich genug. Aber ein Werk des ausgehenden Mittelalters er- 
füllt diese Bedingungen; farbenfroh und kurzgedrängt vereinigt es 
eigene bunte Erlebnisse mit alten, wohlbekannten, immer von 
neuem begierig gehörten Wundermären aus dem Alexander, Her- 
zog Ernst, aus dem alten Testament und den Legendarien. Was 
schadet es, daß der geistliche Übersetzer die Namen verdreht, 
daß die gebildete Welt das Buch als größte Aufschneiderei und 
unhaltbare Kompilation mitleidig belächelt! 

Eın Lütticher Arzt Jean de Bourgogne ä la barbe ist sein Ver- 
fasser (f 1372), lange Jahre, die er beim Sultan von Ägypten 
als dessen Arzt verbringt, geben ihm eine lebendige Anschauung 
vom Orient. In der Heimat von schwerer Krankheit genesen, 
geht er an die Zusammenstellung seines Werkes, das er unter 
fingiertem Namen (Johann von Mandeville) seinen französischen 
Landsleuten darbietet. Nur ganz wenige Partien des Buches sind 
sein eigenes geistiges Eigentum: was er vom ägyptischen Sultan 
und dessen Hof erzählt, hat er selbst erlebt. Das andere, die 
Fahrt zum heiligen Grab, nach Persien und Indien und in die 
fernsten Wunderländer, hat er aus Reisewerken und anderen 
Büchern ausgeschrieben58. So trägt dies Werk gleichen Ent- 
stehungscharakter wie Eulenspiegel, Faust und Schildbürger. 
Rasch wird es beliebt: englische, italienische, hoch- und: nieder- 
deutsche, lateinische, spanische, niederländische, dänische, böh- 
mische und irische Übersetzungen erscheinen; Feyerabend nimmt 
es in sein Reyssbuch des heylgen Lands (1609) auf5?, des Ver- 
68 A. Bovenschen, Untersuchungen über Johann von Mandeville, $. 206ff.; Sven 
Martinsson, Itinerarium orientale. Mandevilles Reisebeschreibung in mittel- 
niederdeutscher Übersetzung. Phil. Diss. Lund ı918, S. VIIIff. Die kompi- 
latorische Methode wird schnell verfemt; Rauwolff (Beschreibung der Reyß 
Leonhardi Rauwolffen, Frankfurt ı582) betont in seiner Vorrede ausdrück- 
lich: was andere geschrieben, hab ich in mein büchlein hieher nicht getragen. 

69 A. Bovenschen, S. 194, s. Anm.ı; vgl. auch J. Vogel, Handschriftliche Unter- 


Angrenzende Literaturgattungen 59 


fassers Grab im Wilhelmiterkloster bei Lüttich wird ein Wall- 
fahrtsort wie Eulenspiegels letzte Rulıestätte in Mölln; Püterich 
von Reicherzhausen scheut den Umweg von zwölf Meilen nicht, 
um es zu besuchen, und erzählt im ‚Ehrenbrief‘‘ von Grabstein 
und Wappen. 

Die deutsche Übersetzung schafft ein Metzer Domherr, Otto 
von Demeringen 60, so .erhält das Werk eine noch stärkere geist- 
liche Note als es bereits besaß. Es will berichten von manigen 
wunderbaren sachen, von fremden landen vnd seltzamen thie- 
ren, von fremden leuten vnd von irem glauben, von irem wesen 
vnd von iren kleidern vnd von vil andern wundern, aber zu- 
nächst wird im frommen Eingang die Heilsamkeit und Gottwohl- 
gefälligkeit der Palästinafahrten dargelegt, die heiligen Marterge- 
räte, Kreuz, Rock, Dornenkrone usw. werden erbaulich beschrie- 
ben, Legenden hie und da eingewoben, Jerusalem andächtig ge- 
schildert und: die griechisch-katholische Lehre ablehnend darge- 
stellt. Die Glaubwürdigkeit der mannigfachen Abenteuer wird 
fromm erwiesen: alle Wunder sind glaubhaft, denn Gott kann 
alles. Aber vom zweiten Buch ab tritt der geistliche Ton zurück, 
und Fabellust und Wunder behaupten den Platz: dem Werk ist 
ja durch den ersten Teil seine Daseinsberechtigung gegeben! 
Leicht und unbekümmert ist der Übergang: der die welt gantz 
vmbfaren wil in kauffmanns oder in bilgerins wyse der fint 
in allen landen heilig stet und gross heiligihuz (!), aber der in 
rittier oder herrschaft wyse ziehen will, der sol farn in des 
keisers von Persien land, darnoch in des grossen hunds land und 
yn priester Johans land. Die alten Reisesagen reihen sich anein- 
ander: Menschen mit Hunds- oder Kranichköpfen, mit nur einem 
Bein, Geißmenschen, Wunderfrüchte wie die Paradiesäpfel mit 
den Kreuzen im Kerngehäuse oder die Äpfel, die von Natur an- 
gebissen sind; Märchen mischen sich darein: vom Jungbrunnen, 
von der Drachenjungfrau, die durch einen Kuß, von dem Sper- 
bermädchen, das durch sorgfältige Hütung eines Sperbers er- 


suchungen über die englische Version Mandevilles. Programm Krefeld ı8gı. 
Der „Versuch einer Literatur deutscher Reisebeschreibungen, sowohl Ori- 
ginale als Übersetzungen“ (Prag ı793) nennt Montevilla bereits nicht mehr. 
60 Von der erfarung des strengen ritters Johannes von montaville. Straßburg 
Knoblauch ı507. Der Titel des späten Volksbuches bei Görres, Volks- 
bücher, S. 53. 


60 Angrenzende Literaturgattungen. 


löst werden kann, und Schwankmotive tauchen zwischenhinein 
auf wie das von den Schlangen, die eheliche und uneheliche Kin- 
der voneinander unterscheiden können. Es ist bezeichnend, wie 
gerne bei erotischen Dingen verweilt wird: bei der Beschreibung 
der griechisch-katholischen Lehre wird besonders auf die Be- 
sonderheiten im Sexual- und Eheleben eingegangen, die Viel- 
weiberei des Sultans und des Königs von Calonach, der Weiber- 
kommunismus im indischen Lande Lamori, doppelgeschlechtige 
Wunderwesen, die Abnormität der Amazonen — all das wird 
liebevoll berichtet, und hie und: da finden sich auch obszöne Aus- 
drücke wie das gesellen gelt verdienen: hier zeigt sich mancher- 
lei Verwandtschaft mit den Ritterromanen. So ist das Buch be- 
liebt geworden und hat sich die Jahrhunderte hindurch neu er- 
halten; zu Anfang des ı9. Jahrhunderts nimmt es unter den 
Jahrmarktsdrucken eine hervorragende Stelle ein ®1. 

In die ritterliche Welt gehört der Amadis mehr hinein als 
der Montavilla. Sein äußerer Werdegang ist dem der Volksprosa- 
romane sehr ähnlich: aus Frankreich kommt er 62, sein Auftreten 
erzeugt eine Flut von Fortsetzungen und Nachahmungen, sehr 
rasch wenden sich die eigentlich führenden Schichten von ihm 
ab, für die er doch eigentlich geschaffen ist: die Vorrede der 
Übersetzung des ersten Buches redet alle gelehrte, erfarne män- 
ner, sonderlich alle, die vom adel, und ansehnliche leuth sind, 
an. Und von ihrem Standpunkt aus gesehen steht er in einer 
Reihe mit den Volksbüchern: wo sie jene bekämpfen, wird auch 
sein Name genannt, und Zorn und Hohn gießt sich über ihn wie 
über jene. Und doch ist er kein Volksbuch im eigentlichen Sinne; 
er ist nicht zum Jahrmarktsgut geworden, seine Leser bleiben 
die jungen Söhne, Töchter und Frauen bürgerlicher Kreise, und 
als die Zeit seiner Sensation vorüber ist, tritt er zurück und ver- 
schwindet bald vollständig, um andern Romanen Platz zu machen. 

Die Gründe, die seine Trennung von den eigentlichen Volks- 
büchern verursachen, liegen in seinem Inhalt, in der Art seiner 


61 A. Bovenschen $. 195. 

62 G. Steinhausen (Die Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses 
in Deutschland. Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte und Renais- 
sanceliteratur. N. F. VII, 1894, $S.374) sieht in ihm das bedeutendste Zeichen 
des französischen Kultureinflusses. 


Angrenzende Literaturgattungen 61 


Erzählung. Die volkstümlichen Romane berichten von zumeist 

wohlbekannten Recken der Vergangenheit; aus ihnen baut sich 

der ungelehrte Leser sein Bild vom vergangenen Rittertum auf. 

Der Amadis stellt aber seinen Helden in die Zeit des Lesers, und - 
indem er ungeheuerliche Begebenheiten erzählt, als ob sie gestern 

geschehen seien, erzeugt er bei dem wirklichkeitsfrohen Publikum 

aus dem Volke Unglauben und wird notwendig auf wirklichkeits- 

fremde Elemente (schwärmende Frauen, abenteuersüchtige Jüng- 

linge) beschränkt. Seine Weitschweifigkeit hindert eine rasche 

Verbreitung; hätte sich ein geschickt kürzender Bearbeiter ge-" 
funden, vielleicht, daß er gefallen hätte. Der Umstand vollends, 

daß sich an das erste Buch eine lange, unübersichtliche Reihe 

von Fortsetzungen im selben Stil, mit denselben Abenteuern, im 

gleichen Schema gearbeitet anschließt, macht eine Volkstümlich- 

keit im Sinne der Volksbücher unmöglich 63. 

Die Heimat des Amadis ist Spanien6, wo er, im ı4. Jahr- 
hundert bereits von einheimischen Dichtern erwähnt, 1490 durch 
Garci-Ordoniez de Montalvo seine endgültige Gestaltung erhält; 
1508 erschienen die vier ersten Bücher im Druck; Nachahmungen 
und Erweiterungen (bis zum ı2. Buche) folgen rasch. Das vor- 
nehme, durch seine dämmrige Stille vielsagende Buch erfährt 
dann in Frankreich seine psychologische Vertiefung®5; der Ar- 
tillerieoffizier Seigneur Des Essars Nicolas de Herberay übersetzt 
von 1541-1568 die ersten acht Bände: sein Werk ist die Vor- 
lage, deren Übertragung ins Deutsche Herzog Christoph von 
Württemberg anregt. Der unermüdliche Feyerabend übernimmt 
den Verlag; 1569-1575 erscheinen bei ihm dreizehn Bücher, das 
sechste, von Fischart übersetzt, wird zur Herbstmesse des Jahres 
1572 fertiggestellt ®. Vom Übersetzen geht man zum Nachahmen 
über, so schwillt der Umfang des Amadisromans immer stärker 


63 Schon Uhland (Schriften II [1886], S. 567) stellt fest, daß der Amadis nicht 
geeignet ist, in Deutschland volkstümlich zu werden. 

% vgl. A. Hauffen, Johann Fischart I ı65ff.; H. Morf, Die romanischen Lite- 
raturen (Kultur der Gegenwart I], ıı, ı, 1909) S. 209. 

65 vgl. W. Küchler, Empfindsamkeit und Erzählungskunst im Amadisroman. 
Zeitschrift für französische Sprache und Literatur XXXV (1909), S, ı76ff. 
66 A. Hauffen, Fischart I 47; eine (unvollständige) Bibliographie der Amadis- 
literatur bei Küchler S. ı58f. 


62 Angrenzende Literaturgattungen 


an. 1595 zählt er bereits a4 Bände. Jede neue Fortsetzung ist 
ein Schritt weiter von den Volksbüchern fort. 

Eine Mischung von Abenteuerlust und Empfindsamkeit: das 
ist sein Inhalt; mit dem Amadis hat die „empfindsame‘“ Periode 
begonnen”. Die Liebe der Volksromanhelden ist ein kraftvoll- 
selbstverständliches Siegen auf der Seite des Helden, eine restlose, 
durch die völlige Überlegenheit des Ritters bedingte Hingabe seiner 
Geliebten; hier dagegen wechseln Freud und Leid ständig mit- 
einander, Hemmnisse stellen sich den Liebenden in den Weg, und 


“ die Überwindung dieser Hemmnisse steht im Mittelpunkt der Er- 


zählung. Amadis steigt vom Pferd, um im Grase besser an seine 
liebesmelancholische Stimmung denken zu können: im Volks- 
roman wäre eine solche Szene undenkbar. Das erotische Moment 
ist auch hier besonders liebevoll hervorgehoben: alle Helden sind 
unehelich erzeugt, welch eine pikante Erfindung! Aber das lehr- 
hafte Prinzip wird auch hier nicht vergessen: der Titel der 
ersten Ausgabe” empfiehlt das Buch den Jungen, denen es nütz- 
lich zu lesen sei, und im erziehungsfreudigen Deutschland wird 
das Werk mehr als Regelbuch für ritterlichen Anstand und 
höfische Ausdrucksweise betrachtet denn als Unterhaltungsbuch ; 
so erscheint 1597 eine Sammlung „schöner zierlicher Orationen“, 
die aus den a4 Amadisbüchern zusammengezogen ist®9, und noch 
Lauremberg spottet über einen, dem der Roman Anstandsbuch 
ist: „Do must de halve Amadis em redensarten geven.“ 

Seine Verbreitung im ‚7. Jahrhundert ist außerordentlich 
groß 0, so wird sein Einfluß auf die Literatur bedeutend. Opitz, 
der den Amadis in zwei Gedichten erwähnt, preist im Aristarch 
(1617, 1624) seine deutsche Übersetzung als Musterbeispiel für 
die Zierlichkeit der Muttersprache”?1; der französische Amadis be- 


67 Küchler S. ı58ft. 

68 Neu abgedruckt ist das erste Buch von A. v. Keller in der Bibliothek des 
Literarischen Vereins. 

698 G. Steinhausen, Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses 
S. 374 

70 K. Borinski (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur 
Gegenwart. Stuttgart-Berlin-Leipzig ıg921, I 502) schreibt den Erfolg des 
Amadis seiner verführerischen Hofmacherei und seiner spannenden Verwick- 
lung zu. 

11 Höpfner, Amadis, nicht Bienenkorb. Zeitschrift für deutsche Philologie va 
(1877), S. 467 ff. 


Angrenzende Literaturgattungen 63 


findet sich schon um ı550 in der Privatbibliothek Kurfürsts 
Johann Friedrich des Großmütigen?2. 1577 berichtet der Buch- 
händler Fickler, er verdiene am Amadis mehr als an Luthers 
Postille, vier Jahre später klagt er, wie gemein solch buch worden 
bei weib und mannen, hoch und niedern standes??, und das Lager- 
verzeichnis seines Tübinger Kollegen Gruppenbach führt 1597 
wohl eilf leiste bücher Amadis, aber kein einziges Volksbuch 
auf?*, Es ist diese zeitweilige ungemeine Verbreitung, die den 
Roman an die Grenze der Volksbücher stellt. Wie sehr er in 
seiner Raum- und Zeitlosigkeit die Geschichtsauffassung beein- 
flußt, zeigt der Umstand, daß erst Buchholtz in seinem Christ- 
lichen Teutschen Groß-Fürsten Hercules und der Böhmischen 
Königlichen Fräulein Valiska Wunder-Geschichte (1659) den 
Weg zu einer historischen Geschichtsbetrachtung zurückfindet”5. 
Aber mit dem Augenblick, wo moderne deutsche Romane er- 
scheinen, sinkt seine Bedeutung; langsam: verschwindet er in. der 
Lektüre der breiteren Masse. 

Neben diesen großen, einheitlichen Gattungen von mehr oder 
weniger volkstümlichen Literaturwerken laufen eine Menge weni- 
ger wichtiger Bücher: neben den Praktiken die Losbücher’?$, 
fußend auf griechischen und römischen Orakelwerken, durch die 
im ı2. Jahrhundert eindringende Punktierlehre der Araber neu 
belebt; an die Faustbücher anknüpfend: eine lange Reihe von 
Zauber- und Magieschriften??, die durch ihre genaue Beschrei- 
bung von Beschwörungsriten, strotzend von gelehrt klingenden 
Namen, und durch die Angabe, daß Faust selbst der Verfasser sei, 
die Gunst des Publikums anzulocken versuchen; schließlich die 
wahrhaftigen Historien?®, die sensationelle Ereignisse des täg- 
72 J. Bolte, Magelone S. XXX VIII. 

73 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II (1913), $. 295. 

74 Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels II (1879), S. 244fl. 

75 F. Gotthelf, Das deutsche Altertum in den Anschauungen des ı6. und ı7. Jahr- 
hunderts. Forschungen zur neueren Literaturgeschichte XIII (1900), S. 68. 
76 J. Bolte, Zur Geschichte der Losbücher. In: Georg Wickrams Werke IV 
(Bibliothek des Literarischen Vereins 230, 1913), $. V, S. 276ff., und neuer- 
dings: Zur Geschichte der Punktier- und Losbücher. Jahrbuch für histor. 
Volkskunde I (1925) S. 185 ff. 

77 Scheible hat in seiner „Bibliothek der Zauber-, Geheimnis- und Offenbarungs- 


bücher* (Stuttgart ı84gff.) mehrere herausgegeben. 
78 7. B. Warhafte beschreibung von der Königin in England, warum sie die 


64 Angrenzende Literaturgattungen 


lichen Lebens beschreiben und durch die anspruchslose Aus- 
stattung und ihre Aktuellität rasche Verbreitung finden: eine 
Literatur von Gelegenheitsbüchern, die mit dem Aufkommen 
neuer Sensationen verschwinden. Durch ihren Ton und die Art 
ihrer Entstehung und Verbreitung gewinnen sie volkstümlichen 
Charakter, und wenn sie auch für die eigentliche Gattung der 
Volksbücher bedeutungslos sind, so vervollständigen und ergänzen 
sie doch das Bild: was sie beliebt macht, haben sie mit jenen 
gemeinsam, denen sie parallel laufen. So erwächst aus ihrer 
Betrachtung ein tieferes Verständnis für die Dinge, durch die die 
Volksbücher ihre Verbreitung und ihre Zugkraft erhalten haben. 


Königin von Schottland hat ermorden lassen. Geschehen im Jahr 1587 am 
ı0. Febr. Sehr lieblich. aber doch erbärmlich zu lesen, jedermänniglich zu 
einem exempel. Aus englischer sprach in teütsch vertiert. Köln 1587, 49. — 
Wahrhaftige historia von Johann Pfefferkorn, einem getauften Juden, welcher 
zu Hall in Sachsen seinen überaus großen und erschrecklichen missethaten 
halber lebendig verbrannt ist worden. Ursell 1606, 4°. — Leben und tod 
des berüchtigen Juden Joseph Süß Oppenheimers aus Heidelberg oder kurze 
und zuverlässige nachrichten von dessen herkunft, geschwinder erhebung, 
lasterhaftem leben und plötzlichem fall. Nebst einem vorbericht, wie die 
bisher heraus gekommenen nachrichten von diesem juden mit unterschied 
zu lesen sind. Frankfurt-Leipzig ı738, 4°. | 


IH 


Volksroman und volkstümlicher Roman: 
Gemeinsames in Stil und Begriffswelt 


E ersten Kapitel ist versucht worden, den Unterschied anzu- 
deuten, der zwischen den aus fremden Ländern nach Deutsch- 
land gekommenen Prosabüchern und: den im Lande selbst ent- 
standenen Volksromanen besteht: die Art ihrer verschiedenen 
Entstehung legt diese Trennung nahe. Daß die zunächst nur 
äußerliche Scheidung auch innere Verschiedenheiten bedingt, die 
eine Gegenüberstellung von „Volksroman“ und „volkstümlichem 
Roman“ rechtfertigt, das zu zeigen wird Aufgabe eines späteren 
Absatzes sein; hier genüge es, die Trennung noch einmal fest- 
zustellen: sie ist vorhanden, aber sie ist nicht so groß, daß die 
Werke beider Gattungen nicht so viele gemeinsame Punkte hätten, 
daß beide zusammen ein einheitliches Bild ergeben, das Bild der 
deutschen Volksliteratur. 

Das Publikum selbst trennt die einen Werke nicht von den 
andern, seine Gunst oder Ungunst verschenkt es nicht nach 
stilkritischen Gesichtspunkten. Als die ersten Prosaromane nach 
Deutschland kommen, haben die französischen Ritterbücher ihnen 
den Weg bereits geebnet, und im ersten Jahrhundert laufen beide 
nebeneinander: in der Bibliothek Johann Friedrichs des Groß- 
mütigen stehen die französischen Bücher der Haymonskinder, von 
Tristan, Pontus, Melusine, Ogier u. a. m.i. Und als dann mit 
Fortunat und Eulenspiegel die einheimischen Stoffe dem Leser- 
kreis angeboten werden, reihen sie sich leicht in die schon vor- 
handenen deutschen Romane ein; als etwas prinzipiell Neues 
werden sie nicht empfunden. Hans Sachs besitzt den Eulenspiegel 
neben dem Herzog Ernst, die Melusina neben dem Brandan?, 
in alten Bücherlagern sind Werke beider Gattungen zahlenmäßig 


1 Bolte, Magelone, S. XXXVIII. 
2 R. Genee, Hans Sachs und seine Zeit. Leipzig 1894, $. 464.ff. 


Mackensen, Die deutschen Volksbücher 5 


66 Stil und Begriffswelt 


annähernd gleich vertreten, ein Straßburger Glasermeister stellt 
um ı625 in seiner Bücherei den Ritter Puntus zu Friedrich Bar- 
baross, Eylenspiegel zum Hertzog Ernsten, die History des Ritters 
vom Radt zur Mellusina®. Die heftige Abwehr der führenden 
Stände wendet sich gegen beide Arten volkstümlichen Lesestoffes 
in gleicher Weise, so bei Moscherosch, so bei den andern allen, 
und Tiecks Peter Leberecht hört in seiner Kindheit Ahasver 
neben Siegfried und den Haymonskindern, ohne einen Unterschied 
zu empfinden. s 

Beliebt wird, was in kurzer, prägnanter Form die größtmög- 
liche Fülle des Abenteuerlichen bietet. Das Brandanbüchlein, das 
diese Vorzüge in hervorragender Weise in sich vereint, erlebt in 
den ersten zwanzig Jahren seines Bestehens 6 Auflagen, bis 
ı525 treten 7 weitere hinzu®: für diese Zeit ein Zeichen ganz 
ausnahmsweiser Beliebtheit; sehr wahrscheinlich ist es schon ein 
Einfluß des kleinen deutschen Werkes, wenn Eulenspiegel sich 
gerade Brandans Haupt aussucht, um damit die Menge zu äffen”. 
In späteren Jahrzehnten treten andere Bücher an seine Stelle: 
Fortunat wird vornehmlich beliebt®, neben ihm ragen die Mage- 


3 In dem Inventar z. B., das 1568 über Gülfferichs Nachlaß aufgenommen 
wird, werden 995 Exemplare vom Herzog Ernst, 953 vom Eulenspiegel, 981 
vom Pontus verzeichnet: H. Pallmann, Sigmund Feyerabend, S. 145. 

* E. Martin, Beiträge zur elsässischen Philologie. Jahrbuch für Geschichte, 
Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens XIII (1897), S. 219. Unter 77 Büchern 
im ganzen besitzt dieser Glaser (Lorenz Fritsch) ı2 Volksbücher. 

6 Moscherosch, Gesichte Philanders von Sittewald I, Venus Narren, 3. Ge- 
sicht; Joh. Heinr. Schill, Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz (Straßburg 1644), 
S. 304. | 

6 Sanct Brandan, hg. von C. Schröder, Erlangen ı87ı. 

7 Ulenspiegel ı515, hg. von Knust, Hist. zı. 

8 In Michel Harders Meßmemorial von 1569 (hg. von E. Kelchner und R. Wülcker 
Frankfurt-Paris 1873) nimmt der Fortunat mit ı96 verkauften Exemplaren 
unter den Romanen die erste Stelle ein, obwohl sein Preis (14!/, Schilling) 
nicht besonders gering ist (der Markolph kostet z, Appollonius 8, eine Bauern- 
praktik 61/, Schilling). Sigmund Feyerabend (Pallmann S. 156ff.) setzt in der 
Fastenmesse 1568 von ihm 224, in der Herbstmesse desselben Jahres ı68 Stück 
ab, im ersten Falle ist er das dritthäufigste, im zweiten das zweithäufigste 
verkaufte Volksbuch. Im .Gülfferichschen Nachlaß (Pallmann $S. 137 ff.) steht 
er unter den Romanen an fünfter Stelle (510 Exemplare); der Leipziger 
Buchhändler Simon Huter bestellt sich 1568 von ihm 50 Exemplare, nur vom 
Eulenspiegel und Oktavian fordert er mehr an (Pallmann $. ı61ff.). Der 


Stil und Begriffswelt 67 


lone?, mehr die Melusine10 und der Eulenspiegel!!, zeitweilig 
auch der Ritter Pontus!?2, Loher und Maller!3, Oktavian14 und 


Leipziger Sortimenter Andreas Hoffmann hat im Jahre 1600 von ihm drei 
Exemplare am Lager, nur vom Fierabas hat er mehr (4. Kirchhoff, Sorti- 
ments-Meßlager in Leipzig. Archiv für Geschichte des Deutschen Buch- 
handels XVII, 1904, S. 53 ff.). 

9 Der Absatz der Magelone hält sich in bescheideneren Grenzen: 1568 setzt 
Feyerabend ı42 Exemplare in der Fasten-, ı26 in der Herbstmesse ab, 
Gülfferich hat im selben Jahre 477 Exemplare am Lager (sechste Stelle unter 
den Romanen), Huter fordert nur ı2 Exemplare an: nur von Tristrant und 
Wigoleis wünscht er weniger. Dagegen verkauft Harder ein Jahr später 
ı76 Exemplare: in seinem Meßmemorial kommt die Magelone gleich nach 
dem Fortunat. Im Lager Hoffmanns fehlt sie ı600 ganz. 

10 Mit ı92 Exemplaren steht die Melusina unter den zur Fastenmesse 1568 
von Feyerabend verkauften Romanen an vierter Stelle, wird jedoch bei der 
Herbstmesse (113 Exemplare) von der Magelona, Pontus und Tristrant über- 
flügelt. In Gülfferichs Bücherlager behauptet sie mit gı2 Exemplaren den 
dritten Platz, steht dagegen in Huters Bestellungen (1568) hinter Eulenspiegel, 
Oktavian, Fortunat, Hug Schepler und Lucidarius weit zurück (22 Exemplare). 
Harder setzt (1569) von ihr die drittmeisten Exemplare (158) ab. 

11 Für die Beliebtheit Eulenspiegels zeugen schon seine vielen Auflagen. 
Feyerabend verkauft ihn auf beiden Messen des Jahres ı568 am häufigsten 
(481 und 270 Stück); während er bei Gülfferich nur einen bescheidenen Platz 
(mit 386 Stück an ıi. Stelle) einnimmt, fordert Huter im gleichen Jahre von 
ihm fast doppelt soviel wie vom Oktavian, der in seiner Liste an zweiter 
Stelle steht (117 gegen 60 Exemplare). Seltsam ist es, daß Harder im Jahre 
darauf nur 77 Stück absetzt (10. Stelle unter den Romanen), auch in Hoff- 
manns Lager tritt er zurück. 

12 Unter den wenigen Romanen, die der Leipziger Sortimenter Christoph 
Ziehenaus ı563 am Lager hat, befindet sich auch der „Ritter Pontus“ (ein 
Exemplar): A. Kirchhoff, Das Sortimentslager von Christoph Ziehenaus in 
Leipzig. Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels. XVII (1904), 
S. ızff. Feyerabend verkauft in der Fastenmesse ı518 nur 68 Stück, in der 
Herbstmesse dagegen ı32; diese Steigerung ist um so auffälliger, als in der 
Fastenzeit das Geschäft zurückzugehen pflegte. Auch in Gülfferichs Lager 
hält sich Pontus mit 403 Exemplaren etwa in der Mitte, Huter fordert 
ihn überhaupt nicht an. Dagegen setzt Harder ihn nach Fortunat, Magelone 
und Melusine am häufigsten ab (147 Stück). 

18 „Loher und Maller“ spielt im allgemeinen im Buchhandel eine mittlere 
Rolle (77 bzw. 64 Exemplare bei Feyerabend 1564, 37 bei Harder 1569, 
sonst selten erwähnt), dagegen nimmt er in Gülfferichs Lager mit 1249 Exem- 
plaren bei weitem die erste Stelle unter den Romanen ein. 

14 Oktavian wird von Feyerabend sehr häufig verkauft (260 bzw. ı40 Stück); 
in Fasten- und Herbstmesse behauptet er zwischen Eulenspiegel und For- 


5% 


68 Stil und Begriffswelt 


Fierebras15 hervor. Faust, der zur Herbstmesse des Jahres 1587 
erscheint (die Dedikationsschrift datiert vom September), erlebt 
im selben Jahre noch 4 Nachdrucke und eine Überarbeitung, 
die ebenfalls im gleichen Jahre nachgedruckt wird, wird schon 
1588 gereimt und ins Niederdeutsche, 1592 ins Niederlän- 
dische und Flämische übersetzt16. Von dem durchschlagenden 
Erfolg des Buches legt ein Brief Zeugnis ab, den der Braun- 
schweiger Sangmeister Ludolf Lüders am 30. Oktober 1587 — 
also kurz nach dem Erscheinen — an Wolff Ernst Grafen zu 
Stolberg schreibt: schicke E. G. den Platinam, vndt weill die 
negste Franckfurter messe doctoris Johannis Fausti historia erst- 
lich auss gangen, deren exemplaria dieser buchfurer bey ein 50 
mitgebracht, aber ehe ichs bin gewar worden all auffgekaufft, 
aussgenommen diess eine!!. Das Ahasverbuch, 1601 zum ersten 
Male aufgetaucht, erlebt im Jahre 1602 nicht weniger als neun 
Auflagen, davon vier bei demselben Verleger (Suchnach in 
Bautzen) 18. Diese Ziffern reden eine deutliche Sprache. Ver- 
gleicht man vollends, daß ein rühriger Buchhändler wie Sigmund 
Feyerabend auf der Fastenmesse 1568 von Wickram Rollwagen- 
büchlein nur ein Exemplar, vom: Hugschapler dagegen 158, vom 


tunat seinen Platz. Simon Huter wünscht von ihm 60 Exemplare (gegen 
ı27 Eulenspiegel, 50 Fortunat), in Harders Memorial steht er an siebenter Stelle 
(135 Exemplare, ebensoviel werden von einer weniger beliebten Ausgabe des 
Albertus Magnus abgesetzt). In Hoffmanns Lager ist er (1600) zweimal ver- 
treten. 

15 Fierrabras Historia ist der einzige Roman, der 1564 in David Zepffels Nach- 
laß gefunden wird (36 Exemplare gegen 754 epistolae obscurorum vivorum, 
466 Virgilius teutsch): Pallmann S. ı52ff. Ziehenaus besitzt ihn dreimal. 
Während Feyerabend nur ein mittelmäßiges Geschäft mit ihm macht (8ı 
bzw. 57 Stück), steht er in Gülfferichs Lager an fünfter Stelle (685 Exem- 
plare); Huter fordert ihn nur in 20o Exemplaren an (ebensooft wie den wenig 
beliebten Barbarossa). Auch Harder hat mit ihm keinen Erfolg; mit 37 Exem- 
plaren steht er bei ihm an fünftletzter Stelle. Dagegen ist er in Hoffmanns 
Lager mit fünf Exemplaren verhältnismäßig reich vertreten. 

16 Das Volksbuch vom Doktor Faust; hg. von Zarncke und Braune (Neudrucke 7/8, 
1878), S. IVfk. 

17 K. Engel, Zusammenstellung der Faustschriften vom ı6. Jahrhundert bis 
Mitte ı884. Oldenburg ı885, S. 61. Der Brief ist in der Zeitschrift des 
Harzvereins VII (1874), S. 362 abgedruckt. 

18 Neubaur, Bibliographie der Sage vom ewigen Juden. Zentralblatt für Bi- 
bliothekswesen X (1893), S. 249ff. 


Stil und Begriffswelt 69 


Eulenspiegel sogar 481 Stück absetzt, oder daß im gleichen Jahr 
ein Leipziger Händler (Simon Huter) von dem beliebten Narren- 
schiff des Seb. Brant ı5, vom Fortunat dagegen 50, vom 
Eulenspiegel »ı7 Stück anfordert, so ermißt man, welche Be- 
deutung diese Bücher für das Publikum haben. Der Frankfurter 
Buchhändler Harder verkauft in der Fastenmesse von ı569 das 
Heldenbuch nur vier-, den Fortunat hundertsechsundneunzigmal: 
es läßt sich angesichts dieser Tatsachen nicht begreifen, wie es 
ausgesprochen werden konnte, daß das große Publikum für 
Eulenspiegel, Schildbürger usw. kein Verständnis gehabt habe!9. 


Es ist bezeichnend, daß zwei einheimische, im Gang ihrer 
Erzählung von fremden Einfluß unberührte Romane zugleich 
auch die beliebtesten sind: Fortunat und Eulenspiegel. Der For- 
tunat ist das erste der Bücher, die es wagen, sich den aus frem- 
den Ländern kommenden an die Seite zu stellen; weil er keine 
Vorgänger hat, war man lange Zeit bemüht, ihm eine Heimat 
außerhalb Deutschlands zu suchen: Görres wollte ihn den Eng- 
ländern oder Nordfranzosen 20, andere dem byzantischen Kultur- 
kreise21 zuschreiben; erst junge Forschung hat gezeigt, daß wir 
hier ein Werk vor uns haben, das aus Märchen- und Sagenmotiven 
und viel Erlebnissen des täglichen Hansestadtlebens die Geschichte 
seines Helden aufbaut: ein Augsburger Bürger, jedenfalls ein 
Binnenländer, ist sein Verfasser22. So wird. es zum hohen Liede 
des Kaufmannsstandes, ein bedeutsames Zeichen dafür, wie hoch 
der Handelsberuf trotz aller zeitgenössischer Satiren und Sprich- 
wörter, trotz der Polemik der Kirche und der führenden Geister 
in der Wertschätzung des Jahrhunderts steht23; seine Beliebtheit 
ist mit dadurch bedingt. Die Gestalt des Fortunat wird sehr rasch 


19 F. Pfaff, Arnims Trösteinsamkeit, 2. Freiburg ı890, $. X. 

% Görres, Volksbücher, S. zı ff. 

21 F. Bobertag, Geschichte des Romans und der ihm verwandten Dichtungs- 
gattungen in Deutschland, I. Breslau ı876, S. 83f.; nach ihm H. Rauße, 
Geschichte des deutschen Romans bis 1800. Kempfen-München 1914, S. 22. 
Die Auflage von ı480, die Bobertag anführt, besteht nicht. 

22 H. Günther, Zur Herkunft des Volksbuches von Fortunatus und seinen 
Söhnen. Diss. Freiburg 1914. 

% Das übersieht M. R. Kaufmann, Der Kaufmannstand in der deutschen Lite- 
ratur bis zum Ausgang des ı7. Jahrhunderts. Grenzboten XL (1910), IV, ı14[ff. 


70 Stil und Begriffswelt 


volkstümlich, und sie bleibt es lange Zeit; gelegentliche Erwäh- 
nungen geben davon genug Zeugnis ®%. 

Der Eulenspiegel, dessen älteste und bekannte Ausgabe von 
ı515 datiert, ist sehr wahrscheinlich viel älter; schon ı4gı 
spielt die Braunschweiger Chronik (II 256, a1) auf einen seiner 
- Streiche an, und ı520 finden wir in einem Ausgabenregister 
des Klosters Ilsenburg zwei Eintragungen, die vom Ankauf eines 
Büchleins quod intitulatur Ulenspegel berichten 26, vielleicht ist 
hier der niederdeutsche Ureulenspiegel gemeint. Im selben Jahre 
radiert Lucas van Leyden den Volkshelden; zwei Jahre später 
fügt Johann Pauli in seine Sammlung „Schimpf und Ernst“ elf 
Eulenspiegelhistorien ein2?: auch dies ein Beispiel für die Be- 
liebtheit der Schwänke. Luther ist wohl mit ihnen vertraut 28; 
in Büchertiteln wird Eulenspiegels Name häufig??, zu Meister- 
liedern 3° und Komödien 31 werden seine Historien benutzt, am 
eifrigsten von Hans Sachs, der manchen Geschichten gar doppelte 
Gestalt gibt32. Für Schalksnarren anderer Länder wird er Vorbild 
und Quelle, so für den polnischen Piotr Jatorski (1591)3%, auch 
ins Jüdisch-Deutsche wird er im 17. Jahrhundert übertragen 3%. 


%4 So in Schweiggers Werk ein Newe reyssbeschraibung auss Teutschland nach 
Konstantinopel und Jerusalem. Nürnberg 1608, $. 74; s. A. Birlinger, Zu den 
Volksbüchern. Germania XV, ı00f. 

23 Auf Hist. 73 (Schalksäen): dar me hen na Aken gheyt, villichte is der schelke 
dar ok beseyt. 

28 vgl. E. Schröder, Faksimiledruck des Ulenspiegels von ı515. Inselverlag 
ıg11, $. 4. 

%7 Es sind dies die Historien 6 (bei Pauli Nr. 651), ı2 (652), 34 (347), 38 
(650), 45 (642), 49 (658), 63 (514), 68 (632), 70 (644), 79 (373), 80 (48), 
83 (653). 

28 vgl. Randglossen zu Jesus Sirach (1533) XIX 5; Auslegung viel schöner 
Sprüche aus der h, Schrift (1546), Ev. $. Joh. 1. 

2 vgl. Der Barfüßer Mönche Eulenspiegel und Alcoran. Wittenberg 1542; 
Das ander Teyl des buchs Schimpff und Ernst, welches nit weniger Kurtz- 
weiliger denn ... Eulenspiegel etc. 1544 usf. 

% vgl. Lappenberg, Dr. Thomas Murners Eulenspiegel S. 282. 

81 Makropedius fußt z. B. in seiner Komödie „Aluta“ auf Eulenspiegel Hist. 36. 
32 Die Eulenspiegeldichtungen des H. Sachs hat R. Köhler zusammengestellt; 
Ergänzungen bietet R. Bechstein, Germania VII, 304. 

88 A. Brückner, Archiv für slawische Philologie XI, 468 ff. 

3% M. Steinschneider, Über die Volksliteratur der Juden, Archiv’ f, Literatur- 
geschichte II, ı9. 


Stil und Begriffswelt 71 


Noch am Ende des ı8. Jahrhunderts bekennt Flögel vom Eulen- 
spiegelbuch 35: „So mag es mir denn wohl auch keine Schande 
sein, wenn ich gestehe, daß es mein erstes Lesebuch war, aus dem 
ich das Lesen fast ganz allein erlernet‘; auch heute steht das Buch 
noch in hoher Gunst bei allen Volksschichten. 

Die Melusine bringt es im ı5. Jahrhundert zu so vielen Auf- 
lagen, daß sie in der ‚Reihe der beliebtesten Volksbücher mit an 
erster Stelle zu nennen ist. Von Jehan d’Arras Ende des 1/4. Jahr- 
hunderts zuerst niedergeschrieben, setzte Couldrette die Sage 1401 
in Verse; auf ihm fußt Ringoltingens Übersetzung (1456 voll- 
endet, erster Druck 1474) 36. Luther nennt sie einmal in einer seinen 
Tischreden als Beispiel für einen succubus oder teufel??, Jacob 
Ayrer schafft auf der Grundlage des Volksbuchs ein Doppeldrama 
Von der schönen Melusina?®. Der Faustbearbeiter Widmann er- 
wähnt ihre Historie als allgemein bekannt, und unter den Stük- 
ken, die Peter Squenz mit seinen Handwerkern agieren will, ist 
auch sie neben der Magelone und dem Ritter Pontus vertreten 4°. 
Kornmanns De linea amoris commentarius (1629) führt sie als 
bezeichnendstes Beispiel für die volkstümlichen historiae amatoriae 
auf, durch deren Lektüre der angehende Liebhaber ad colloguium 
sese praeparet. Auch späterin bleiben Stoff und Buch beliebt. 
1777 bearbeitet Zachariä die schöne Melusine, und August Wil- 
helm Schlegel findet in seinen Vorlesungen warme und begei- 
sternde Worte: „Die Hauptmomente der Geschichte sind... groß 
gedacht und dargestellt, der Eindruck des Ganzen ein tiefes Grau- 


8 Flögel, Geschichte der Hofnarren. Liegnitz-Leipzig 1789. 

3% M. Nowack, Die Melusinensage, ihr mythischer Hintergrund, ihre Verwandt- 
schaft mit anderen Sagenkreisen und ihre Stellung in der deutschen Lite- 
ratur. Phil. Diss. Zürich ı886; HM. Frölicher, Thüring von Ringoltingens 
„Melusine*, Wilhelm Zielys „Olivier und Artus“ und „Valentin und Orsus“ 
und das Berner Cleomadus-Fragment mit ihren französischen Quellen ver- 
glichen. Phil. Diss. Zürich 1889. J. Kohler, Der Ursprung der Melusinensage 
(Leipzig ı895) nennt das Volksbuch nicht. 

37 Tischreden 2992f. 

8 W.Wodick, Jacob Ayrers Dramen in ihren Verhältnis zur einheimischen 
Literatur und zum Schauspiel der englischen Komödianten. Phil. Diss. Bres- 
lau ıgı2, $. 20, 

39 G. R. Widmann, Fausts Leben. Hg. von A.v. Keller. Bibliothek des lit. Ver- 
eins Nr. 146, S. 630. 

40 Hg. von Tistmann, Deutsche Dichter des ı7. Jahrhunderts IV. 1870, S. 175. 


72 Stil und Begriffswelt 


sen, wozu auch ganz besonders die unaufgelösten Verzauberungen 
am Schlusse gehören, worin sich alles wie im nächtlichen unter- 
irdischen Strom verliert.‘“#1 Schwind nimmt die Melusine zum 
Vorwurf für eines seiner märchenhaften Gemälde, Uhland denkt 
„bei jedem Bronnen an die Melusina“ #2, um 1820 findet man das 
Volksbuch „in jeder Buchbinderbude, auf Wochen- und Jahr- 
märkten neben den schönen neuen Liedern‘‘.43 

Die Haymonskinder # finden erst verhältnismäßig spät die Form, 
die ihnen den Weg zu den breiten Massen öffnet. Der Ver- 
such Jheronimus Rodlers, eine Übersetzung des französischen 
Romans in Deutschland einzuführen, scheitert an dem kostspie- 
hgen Aufwand, mit dem Rodler das Werk ausstattet (1535); erst 
die bescheidenere Ausgabe, die Paul von der Aelst, Buchhändler 
in Deventer, auf Grund des niederländischen Romans bearbeitet, 
wird volkstümlich (1604). Das Buch, das in Italien, Frankreich, 
Spanien, den Niederlanden, auch England weit verbreitet ist, ge- 
winnt nun auch ın Deutschland rasch Freunde; am stärksten von 
allen Werken seiner Gattung trägt es den männlichen Charakter 
des Kriegsbuches; die starke, herbe Kraft, die es ausströmt, mag 
ıhm viele Leser gewonnen haben. Görres vergleicht es einem 
Eichbaume und findet Parallelen zur Ilias, die indes dem Ver- 
fasser wie dem Übersetzer kaum vorgeschwebt haben werden #5; 
dennoch ist der Vergleich lehrreich und gut. So erhalten auch 
die vielen Wiederholungen in Kampf- und Abenteuerszenen, die 
dem Werke vor anderen eigentümlich sind, so auch seine weit- 
gespannte Breite ihre Bedeutung als Kennzeichen einer volkstüm- 
lich-epischen Stilkunst, die dem Leserkreise durchaus selbstver- 
ständlich ist: mögen sie auf uns auch den Eindruck d’une mor- 
telle etendue*8 machen, das eigentliche Publikum des Volksbuches 


4 A..W.Schlegels Vorlesungen über Schöne Literatur und Kunst III (1803/04). 
Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ı9. Jahrhunderts. Nr. ı9 (1884), 
S. 146f. Schiegel sah in der Melusine eine nicht recht durchgeführte Natur- 
allegorie. 

#2 Werke, hg. von L. Fränkel I, 478. 

4 G. Klemm, Vor fünfzig Jahren. Kulturgeschichtliche Briefe II (1865), 284. 
#4 Das Deutsche Volssbuch von den Heymonskindern. Hg. von F. Pfaff, 
Freiburg ı887. 

45 Görres, Volkshücher, $. ggff. 

# Ch. Nisard, Histoire des Livres Populaires ou de la litterature du colpor- 
tage?, II. Paris 1364, $. 449. 


Stil und Begriffswelt 73 


findet in ihnen die vertraute Spannung, die es verlangt. Indessen 
kann sich die Verbreitung, die die Haymonskinder in Deutschland 
erfahren, mit seiner Beliebtheit in Frankreich nicht messen *?. 


In demselben Jahre, in dem Rodler seine Übersetzung der 
französischen Haymonskinder ausgehen läßt, erscheint auch Veit 
Warbecks Magelone#®, von einem Empfehlungsschreiben Spalatins 
begleitet: vielleicht trägt auch dieser Umstand zu dem Mißlingen 
des Rodlerschen Planes bei. Uns erscheint dieses Werk als der 
Gipfel der volkstümlichen Ritterromane, ein lyrisches, zarteres 
Gegenstück zu den männlichen Haymonskindern, vermeidet es 
dessen grelle Effekte, nie steht bei ihm die Wundersucht so im 
Vordergrunde wie bei der Melusine, und die Abenteuer, die freilich 
nicht fehlen dürfen 9, sind nicht so breit und beherrschend aus- 
geführt wie im Fortunat. Mehr noch: seine Sprache fließt an- 
mutig und leicht dahin, man spürt den an Luthers Bibel geschul- 
ten Meisterübersetzer, und als einziges von allen Werken seiner 
Art findet es bei der Darstellung der Liebe Peters zur Magelone 
wahr ermyfundene, warme Töne, die auch zu unseren Herzen spre- 
chen 50%. So will es fast wunderbar erscheinen, daß auch dieses 
Buch in der Form, die ihm Warbeck gibt, in breitesten Schichten 
beliebt wird: schon 1539 dramatisiert ein Leipziger Student den 
Stoff, Hans Sachs behandelt ihn in drei verschiedenen Werken, 
Valentin Schumann bearbeitet ihn für seine Schwanksammlungen: 
daß er auch in diese Aufnahme findet, wie bezeichnend ist der 
Umstand für seine Beliebtheit, die in Deutschland kaum geringer 
ıst als in Frankreich51. Als Tieck 1796 das seer lustig und lieb- 
lich büchlein, wie Spalatin es in seiner Vorrede nennt, erneuert, 
liegt ihm einer der billigen Jahrmarktsdrucke vor: so ist das zarte, 


47 ebda. S. 448: les Quatre fils Aymon, le plus populaire des romans de Huon. 
# Die schöne Magelone, aus dem Französischen übersetzt von Veit War- 
beck. Hg. von J. Bolte, Bibliothek älterer Übersetzungen I. 

49 F. Bobertag (Geschichte des Romans I, 74) meint freilich, die Liebes- 
geschichte sei von Abenteuern frei. 

50 A. W. Schlegel (Vorlesungen über Schöne Literatur und Kunst III, 148) 
sagt über die Magelone: „So ist bey der strengen sittlichen Bedeutung nir- 
gend etwas Herbes oder Hartes, und das Heilige wird dem Gemüt durch 
süße Zärtlichkeit gleichsam angeschmeichelt.“ 

51 Der erste frz. Druck datiert von 1490, die erste Redaktion wohl von 1450: 
Nisard, Histoire des livres populaires II 4ııff. 


7 [A Stil und Begriffswelt 


poetische Gebilde die Jahrhunderte über vom Volke gelıütet und 
bewahrt worden. | 

Es ist für die Stellungnahme des Publikums von bezeichnender 
Bedeutung, daß das deutsche Alexanderbuch an Beliebtheit ver- 
liert, als die Masse der mittelalterlichen Ritterromane auf den Plan 
tritt. Alexander wird neben jenen doch nicht als ebenbürtiger 
Held empfunden, und nur die Fülle seiner Erlebnisse und: Aben- 
teuer sichert ihm einen bescheidenen Platz in der großen Gattung. 
Auf Leos Historia de preliis fußend, erscheint das buch der 
geschicht des grossen Alexanders52 ı472 als Fürstenspiegel; Jo- 
hann Hartlieb hatte es um die Mitte des Jahrhunderts auf Wunsch 
Albrechts von Bayern und dessen Gemahlin Anna von Braun- 
schweig übertragen. In den ersten einundzwanzig Jahren seines 
Bestehens in Buchform erlebt es zehn Auflagen: nur wenig andere 
der frühen Romane können mit ihm wetteifern.. Aber dann ver- 
ringert sich die Nachfrage: bis ı5ı4 erscheinen nur fünf weitere 
Ausgaben, die dann bis 1670 nur noch um fünf vermehrt wer- 
den, dann bricht die Überlieferung gänzlich ab. So erlebt der 
Stoff in dieser Zeit ein ähnliches Schicksal wie schon drei- 
hundert Jahre zuvor: der Typus des höfischen Recken drängt 
den antiken Helden zurück. 

Der Leser verlangt bei all seiner Vorliebe für Abenteuer und 
Wundergeschichten doch Menschen, die ihm und seiner Zeit 
nahestehen: nur dadurch, daß Faust ganz und gar Kind: seines 
Jahrhunderts ist, erringt er so leicht und mühelos seine beispiel- 
lose Verbreitung, hinter der nun selbst der Eulenspiegel zurück- 
treten muß. Ein anderes kommt hinzu: seit den Tagen des Erz- 
zauberers, der als historische Persönlichkeit vielleicht ein Char- 
latan, sicher ein Genie gewesen ist, knüpft die volkstümliche 
Überlieferung an ihn an und arbeitet dem Buche vor. Es ist 
nicht unmöglich, daß schon vor der Spießschen Ausgabe von 
ı587 ein Faustbuch besteht: um 1530 findet sich in einem 
Metzer Bücherverzeichnis ung livre de maistre Foust aufgeführt 53, 
aber weitere Verbreitung hat dieses Werk, wenn es je bestanden, 


62 S, Hirsch, Das Alexanderbuch Johann Hartliebs. Palästra 82 (Berlin 1909), 
dazu neuerdings Poppen im Münchener Museum, sowie Drescher im Eupho- 
rion 26. 


58 L. Ehlen, Ein Faustbuch von etwa ı530. Euphorion XVI (1909), ı ff. 


Stil und Begriffswelt 7 > 


nicht erfahren5*; wird doch in der Zimmernschen Chronik der 
Wunsch geäußert, daß darvon auch ain besonderer tractat ge- 
macht werden möge55. Als das Buch dann zur Herbstmesse 1587 
erscheint, erlebt es so viele und rasche Nachdrucke und Über- 
arbeitungen wie keines vor ihm5°; schon im Jahr darauf (am 
ı. VI. 1588) wählt sich ein Nürnberger Meistersinger, Friedrich 
Beer, eine seiner Historien (Nr. 4ı) zum Vorwurf für ein Mei- 
sterlied57, und im April des gleichen Jahres sitzt der Tübinger 
Senat zu Gericht über Verfasser und Verleger der gereimten 
Überarbeitung des Volksbuches 58. Die scharfe, herbe Kritik, die 
Lercheimer zehn Jahre nach dem Ersterscheinen des Faust an ihm 
und seinem Verfasser übt, den er einen lecker, er sey wer er 
wolle, heißt59, vermag dem Werke keinen Einhalt mehr zu tun. 
Früh wie kein anderes Volksbuch erregt es Aufmerksamkeit und 
Bearbeitung der Gelehrten: bereits ı621 erkennt der Tübinger 
Theologe Wilhelm Schickard den Stoff als Sage; zweiund- 
siebzig Jahre später verfaßt Johann Georg Neumann seine dis- 
quisitio historica de Fausto praestigiatore, vulgo von Doctor 
Faust, die erste wissenschaftliche Abhandlung über einen Stoff, 
den seitdem das Interesse der Wissenschaftler nicht mehr ver- 
lassen hat. Von dem ungemeinen Eindruck, den das Faustbuch auf 
das ganze Volk macht, zeugen auch die mannigfaltigen Bearbei- 
tungen, die es erfahren hat: bereits 1599 schwellt Widmann 
durch gelehrte und gelehrt scheinende Zusätze das Volksbuch zum 
unhandlichen Wälzer auf und sucht seinen erzieherischen Cha- 
rakter durch zuweilen recht ungeschickte und unkünstlerische 


54 Auch die Anklänge, die der Fortunat an Faust bietet (der doctor in der 
nigromancia in dem Gespräch zwischen Andolosia und Agrippina, die Ähn- 
lichkeit zwischen Zauberhut und Zaubermantel, zwischen der Fopperei des 
Papsts durch Faust, des Sultans durch Fortunat), wird man kaum in diesem 
Sinne auswerten dürfen. 

68 vgl. C. Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig ı893, 
S. 56. 

66 vgl. K. Engel, Zusammenstellung der Faustschriften vom ı6. Jahrhundert 
bs Mitte 1884. Oldenburg 1885, S. 59. 

67 J. Bolte, Ein Meisterlied von Doktor Faust. Euphorion I (1894), S. 787- 
68 W.Creizenach, Versuch einer Geschichte des Volksschauspiels vom Doctor 
Faust. Halle 1878, S. 35. ff. 

69 A. Lercheimer, Christlich Bedencken und Erinnerung von Zauberei, 3, 1597: 
60 H. Düntzer, Die Sage von Dr. Johann Faust. Scheibles Kloster V (1847), S. ı. 


76 Stil und Begriffswelt 


Änderungen €! zu verstärken; auch die antikatholische Tendenz 
möchte er mildern, so wenn er (Kap. I ı2, ı) Faust den Wunsch 
äußern läßt, Mephisto möchte statt seiner Mönchskutte lieber 
Landsknechtkleidung anlegen — freilich bleibt alles beim Alten. 
Neumann zeigt ein feines Verständnis für die tiefere Wesensart 
des eigentlichen Volksbuches, wenn er Widmann als vir obscu- 
rissimi nominis bezeichnet und hinzufügt (Kap. I, $ 3): ia hic 
forsan nec rudis omnino fuit, sic enim nihil scripsisset, nec eru- 
ditus, secus forte molitus esset meliore. 

Fünfundsiebenzig Jahre nach Widmann versucht Pfitzer 
(1674), seine im erzieherischen Sinne guten Anregungen von dem 
beschwerenden Ballast der Anmerkungen und Aufschwellungen 
zu reinigen und so zu retten; er benutzt auch den Nachdruck der 
ersten Spieß-Ausgabe von 158762 und erzielt so eine wirkliche 
Verbesserung; auf ihm fußt die Fülle der späteren Volksbücher, 
auf ihm auch Goethes Urfaust®63. Neben Pfitzer gewinnt auch die 
Bearbeitung im Sinne der Aufklärung, die dem Faustbuch nicht 
erspart bleibt, nur nebengeordnete Bedeutung: im Faustbuch des 
Christlich-Meynenden (1725) 6%, das mittelbar auf Neumanns An- 
regungen zurückgeht, ist die Naivität einer überlegen lächelnden 
Skepsis gewichen, der Held ist nicht mehr ideal aufgefaßt; so 
trägt das Buch, das im Grunde nur einen z. T. sogar wörtlichen 
Auszug aus Pfitzer darstellt, doch einen ganz anderen Grund- 
charakter als jenes. Aber indem es die langatmigen Disputationen 
streicht und sich in der Hauptsache auf die Zauberstücke be- 
schränkt, kommt es unbewußt dem Geschmack des Publikums ent- 
gegen und sichert sich sein Fortleben. 

Dem Faustbuch gegenüber bedeutet das Wagnerbuch nicht nur 
inhaltlich, sondern auch seinem Erfolge nach einen bedeutenden 
Rückschritt. Der unerhörte Siegeszug jenes Werkes läßt Autoren 
und Verleger nicht zur Ruhe kommen; sie möchten denselben Er- 
folg auch einer eigenen Schöpfung bereiten: da bilden sie das be- 


61 J. Dumcke, Die deutschen Faustbücher. Phil. Diss. Leipzig ı89ı, S. 35. 

62 ebda., S. 64ff. 

68 OÖ. Pniower, Pfitzers Faustbuch als Quelle Goethes. Z. d. A. 57 (1919), 
S. 248 ff. 

64 Das Faustbuch des Christlich Meynenden (1725). Hg. von S. Szarnatolski. 
Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ıg9. Jahrhunderts 39 (Straßburg ı89ı). 


Stil und Begriffswelt 77 


wunderte und beliebte Faustbuch bis in kleine Einzelheiten nach, 
setzen einen Helden, der dem Publikum aus jenem Werke her 
bekannt ist, in den Mittelpunkt der Handlung und erreichen so 
eine schwächliche, unselbständige Kompilation, deren Unwert auch 
der gewiß nicht wählerische Volksbuchleser fühlt und so heber 
zum Vorbild, als zur Nachahmung greift. Den Gedanken, ein 
solches Machwerk zu schreiben, hat bereits Widmann 5; ausge- 
führt wird er erst zu Anfang des ı8. Jahrhunderts (1712), viel- 
leicht ist der bekannte Thomasiusgegner Marperger der Heraus- 
geber 66, 

Den Erfolg, den Faust hat, kann nur noch ein anderes Volks- 
buch in jenen Jahren annähernd erreichen: Ahasver. Auch er fin- 
det schon den Boden vorbereitet, als er, verhältnismäßig spät, 
in Buchform erscheint6?. ı505 heißt es zum ersten Male, daß 
der ewige Jude gesehen worden sei — in Königinhof (Böhmen) 
soll er aufgetaucht sein —; 1547 berichtet die erste newe Zei- 
fung von einem jüden von Jerusalem, Ahasverus genannt, welcher 
die creutzigung vnsers HErrnn Jesu Christi gesehen, und noch 
am leben ist, aus Dantzig an einem guten freunde geschrieben. 
Solche kurze Berichte werden häufig; noch 1601 erscheint in 
Bautzen eine kurze beurtheilung und erzehlung von einem juden 
mit namen Ahasverus. Ein Jahr später kommt das Volksbuch 
heraus; die Gemüter sind durch die vielen Prophezeihungen von 
Weltuntergang und Antichrist geängstigt und nehmen so be- 
gierig die angebotene Lektüre an: neun Auflagen erscheinen im 
gleichen Jahr, sechsundvierzig werden bis 1793 gezählt. Die 
kurze, plastische Darstellung trägt ihren bedeutenden Anteil an 
dieser Verbreitung. Bereits 1647 wird eine Dissertation über den 
Stoff verfaßt: Relation oder kurtzer bericht von zweyen zeugen 
des leydens vnsers geliebten heilandes Jesu Christi, deren einer 
ein heyde, der ander ein jude dasselbe zur zeit da der herr ge- 
kreutziget worden, angesehen vnd alle beyde noch heutigen ta- 


65 in seinem Faustbuch, Erinnerung II, 5. 

66 O. F. Walzel, Der Herausgeber des Wagnervolksbuches von ı712. Viertel- 
jahrsschrift für Literaturgeschichte VI (1893), ı15 ff. 

67 vgl. Grässe, Der Tannhäuser und Ewige Jude?, Dresden ı861, S. Boff. 

6 L. Neubaur, Bibliographie der Sage vom ewigen Juden. Zentralblatt für 
Bibliothekswesen X (1893), S. 249ff. 


78 Stil und Begriffswelt 


ges im leben seyn sollen (Amsterdam 1647); eine zweite, latei- 
nische folgt 166869; andere (1685 von Joh. Paschius, 1694 
usw.) schließen sich an?®. So gewinnt die im Orient ausgebildete 
Legendensage in Deutschland Heimatrecht; hier wird sie zum 
Volksbuch: als äußerstes Glied reiht sie sich an Fortunat, Eulen- 
spiegel, Faust und Schildbürger an. 

Diesen beliebtesten Werken steht nun eine ganze Reihe von Bü- 
chern gegenüber, denen es nicht gelang, die Gunst des Publikums 
in so hohem Maße zu erlangen und die darum nur bedingt 
„Volksbücher‘‘ genannt werden können. Es ist bezeichnend, daß es 
zumeist Prosaauflösungen deutscher Werke sind, die dies Ge- 
schick trifft: die Stoffe sind seit Jahrhunderten im Bewußtsein 
des Volkes, sie haben sich überlebt, nun verlangt es nach neuen 
Geschichten. So fristet z. B. der Wigoleis ein bescheidenes Da- 
sein?l; ı472 ziemlich verständnislos in Prosa aufgelöst, erscheint 
er 1493 bei Schönsperger in Augsburg zum ersten Male, erlebt 
aber bis ı699 nur zehn Auflagen, auch die Tatsache, daß er 
1699 ins Jüdisch-Deutsche übertragen wird, darf nicht über die 
Tatsache seiner geringen Beliebtheit hinwegtäuschen: Simon Hu- 
ter fordert 1568 nur zwei Exemplare von ihm an (neben ı2 von 
der Magelone, 25 vom Hug Schapler, ı17 vom Eulenspiegel), 
und auch im Harderschen Meßmemorial vom gleichen Jahr spielt 
er eine bescheidene Rolle. Auch der Tristrant?? steht hinter den 
andern Werken zurück; von 1484-1664 wird er freilich drei- 
zehnmal aufgelegt (also häufiger als der Wigoleis, aber doch viel 
seltener als andere Volksbücher), aber die Nachfrage nach ihm 
ist doch gering: zwar verkauft ihn Feyerabend auf den Messen 


69 S. Miemann und M, Dröscher, Dissertatio theologica de duobus testibus vivis 
passionis dominicae. Jena 1668. 

%0 vgl. G. Paris, Juif Errant. Legendes de moyen age. Paris 1903, $. 147ff.; 
L. Neubaur, Zur Geschichte und Bibliographie des Volksbuchs von Ahasverus. 
Zeitschrift für Bücherfreunde. N. F. V (1913), 2ı1ff. 

71 vgl. O. Weidenmüller, Das Volksbuch von Wigoleis vom Rade. Phil. Diss. 
Göttingen ıg910, S. 24; F. Bobertag, Geschichte des Romans I, 59f.; F. Schnei- 
der, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman: Phil. Diss. 
Greifswald ı915, S. 4. 

72 F. Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde. Breslau, 
Habil.-Schrift 1877, S. 4ff.; W. Golther, Tristan und Isolde in den Dichtungen 
des Mittelalters und der neuen Zeit. Leipzig 1907, S. 244. 


Stil und Begriffswelt 79 


des Jahres 1568 noch häufiger als die Magelone, aber Huter be- 
stellt ihn im gleichen Jahre nur in drei Exemplaren, und Harder 
macht ein Jahr später mit ihm nur ein dürftiges Geschäft. Am 
wenigsten beliebt ist der Herzog Ernst; sein rhetorisch-gelehrtes 
Gewand, das den Ursprung aus dem Lateinischen nicht verleugnen 
kann, seine breiten frommen Reden, nicht zuletzt seine kostbare 
Ausstattung machen ihm eine größere Verbreitung unmöglich. 
So steht er in Katalogen und Memorialen jener Zeit fast regel- 
mäßig an letzter Stelle?3, oder er fehlt ganz’®. Erst nach seiner 
Umarbeitung am Ende des ı6. Jahrhunderts gewinnt er an Ver- 
breitung. 

Das Barbarossabüchlein 75 teilt sein Schicksal: kurz zwar und 
von anspruchsloser Form, fehlt ihm das unterhaltende Moment 
der Spannung und Abenteuerlichkeiten: ein fast wissenschaftlich- 
trockener Bericht, in dem sich vier verschiedene Sagen ohne tie- 
feren inneren Zusammenhang vereinigen, mehr ist es nicht. 1519 
erscheint es zum ersten Male?6 und erlebt bis 1543 sechs Auf- 
lagen, die letzte sogar in Folioformat, dann verschwindet es lang- 
sam vom Büchermarkt: weder bei Feyerabend noch bei Harder 
spielt es eine nennenswerte Rolle, und auch die Tatsache, daß Hu- 
ter es in 20 Exemplaren bestellt, kann das Bild nicht wesentlich 
ändern. Doch fristet es sein Leben immerhin solange; schmerz- 
lich bedauern wir, daß sich kein geschickter Autor, kein ge- 
wandter Verleger findet, der dem heimischen Stoff die Form gibt, 


78 So bei Harder 1569 mit acht Exemplaren (gegen ı96 von Fortunatus) und 
in Gülfferichs Lager ı568 mit 84 Exemplaren (gegen ı257 von Olvier und 
Artus). 

7* So ı600 im Lager des Leipziger Buchhändlers Andreas Hoffmann; vgl. 
zum „Herzog Ernst“ K,. Sonneborn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog 
Ernst. Phil. Diss. Göttingen 1914, $. 36ff. 

75% Veröffentlicht von Pfeiffer, ZDA. V (1845), 250ffl. Die Ausgaben vgl. 
bei Goedeke, Grundriß I, 343. Uhland gab in seinem Kolleg (Schriften I, 1865, 
$. 499 ff.) nur eine Inhaltsangabe des Volksbuches. Eine Erneuerung, ver- 
mehrt um andere Barbarossasagen, gibt neuerdings Erna Barnick in der 
„Deutschen Volkheit‘ (Jena 1925). 

76 Ein warhafftige history von dem Kayser Friderich der erst seines namens, 
mit einem langen rotten bart, den die Walhen nenten Barbarossa, derselb 
gewan Jerusalem, vnd durch den babst Alexander den dritten verkuntschafft 
ward dem Soldanischen künig, der in gefencklich hielt etlich zeyt, und wie 
der bundtschuh auf ist khomen in Baiern. Landshut, Weyßenburger 1519, 4. 


80 Stil und Begriffswelt 


in der es einzig geschickt ist, die Jahrhunderte zu überdauern. 
Sein rechter Platz wäre bei Eulenspiegel und Faust. 

Wilhelm von Österreich, fast bis ans Ende wortgetreu fest- 
haltend an der weitschweifigen höfischen Vorlage, bringt es zu 
zwei Drucken ??, Philoconio und Eugenia (1515)8 und Neithard 
Fuchs”? zu ebenso vielen, Florio und Biancheffora, an Bokkaz’ Fili- 
kopo getreu angelehnt und von einem Unbekannten, vielleicht 
einem Juristen, nicht eben kenntnisreich übersetzt8, erlebt eine 
Auflage mehr: kaum noch verdienen diese Werke den Titel von 
Volksbüchern. Den beiden letzten mag ihr ausländischer Name 
vornehmlich geschadet haben, das erste trägt zu stark den from- 
men, erzieherischen Charakter der Legende. Dem Empfinden des 
Volkes sind sie alle drei fern geblieben. 

So scheidet das Publikum selbst nicht zwischen Volksroman und 
volkstümlichem Romane; Vertreter beider Gattungen werden hoch- 
berühmt und ringen miteinander um die Vorherrschaft beim 
Leserkreis, und Vertreter beider Gattungen auch bleiben unbeachtet 
und wenig beliebt. Diese Tatsache legt die Vermutung nahe, daß 
einige Momente in beiden großen Kreisen vorhanden sein müssen, 
gemeinsame Eigenschaften, die den Volksbuchcharakter erzeugen; 
da das Entscheidende beim Volksbuch aber, wie die beiden ersten 
Abschnitte zeigten, nicht in der Stoffwahl, sondern in der Form 
liegt, werden diese gemeinsamen Merkmale vornehmlich formaler 
Natur sein. Andrerseits wachsen die Volksbücher aus ihrer Zeit 
heraus: so werden sie in Anschauung und Gepräge Kinder der 
Zeit sein, die sie gebar, und wiederum muß dieses ein Gemein- 
sames für alle Volksbücher bilden. Indem sich so ein ein- 
heitlicher Hintergrund zusammenfügt, werden die charakteristi- 
schen Unterscheidungsmerkmale um so deutlicher und stärker 
hervorgehoben. 

Es ist die Zeit des derben Lebensgenusses; man liebt stark 


77 vgl. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, $. 56; H. Suchier, Wolframs 
Willehalm als Volksbuch. Germania ı7, 355ff. 

78 H. Ullmann, Das Volksbuch von Phyloconio und Eugenia. Euphorion XIV 
(1907), S. 68gff. 

79 Die eine Ausgabe erschien vor 1500 0. O. u. J., die andere 1566 bei Fuchs 
in Frankfurt aM. 

80 vgl. H. Herzog, Die beiden Sagenkreise von Flore und Blanscheflur. Ger- 
mania 29, 2ı6ff.; Bobertag, Geschichte des Romans I], 61. 


Stil und Begriffswelt &ı 


gewürzte Speisen, und die gesteigerte Trinklust erzeugt den Sport 
des Vollsaufens; in Nürnberg wird von Amts wegen ein Wagen 
gehalten, der die Betrunkenen von der Straße aufliest und heim- 
bringt®l, und an die Stelle höfischer Anstaltslehren tritt die Fülle 
‚der Tischzuchten 82; nicht mehr die Dame, sondern die tüchtige 
Hausfrau wird zum Frauenideal®®. In Jörg Wickrams Werken 
läßt sich von Roman zu Roman beobachten, wie die Vorliebe für 
gutes Essen und Trinken sich steigert8*; immer wieder verweilt 
auch das Volksbuch mit behaglicher Breite bei solchen Schilde- 
rungen. So werden in der Melusine die Tafelfreuden der Hochzeit 
eingehend und liebevoll geschildert: da gibt es u. a. köstliche 
Weine, mit denen man ohne einige sparsamkeit so vertraulich um- 
ginge, als ob es bloses bier wäre, auch die knechte und bediente 
sogar hatten nichts anders, als solche weine zu trinken, darinnen 
sie sich vergnüglich abweyden kunten. In den Haymonskindern 
wird berichtet, daß die Stadt Muntabant für 600 Bürger und 500 
Handwerksleute 50 Wirtshäuser unterhielt; sehr ausführlich be- 
schreibt das Herzog-Ernst-Buch, wie herzog Ernst in eine stadt 
kam, und niemand darinnen war, da trugen sie aus des koenigs 
hof speis in ihr schiff, dass sie ein halb jahr genug hatten; ein 
Holzschnitt erläutert die Szene85. Faust bewirtet den Grafen von 
Anhalt mit einer endlos langen Speisefolge: 67 Getränke und 
Gänge nennt der Bearbeiter, die er mühsam aus Wörterbüchern 
zusammengelesen hat (Hist. 44). Und wenn der Teufelskünstler 
Weın hervorzaubert, tut er’s nicht unter vier verschiedenen Sorten. 
Andolosia, Fortunats Sohn, sendet nach Candia um ein schiff mitt 
malmasier und muscatel, das schanckt er auff die hochtzeit, der 
ward getrunken, als ob es haldenwein von Kelhaym gewesen wär, 
wann sein was genug vnd da was gar kain mangel so lang und 
lenger dann die hochtzeit. Eine noch größere Rolle als Speise und 
Trank spielt das Geld im Volksbuch. Ist es doch die Zeit, da Ehen 


91 F,v. Bezold, Geschichte der deutschen Reformation. Berlin ı890, S. 37 ff. 
82 G. Steinhausen, Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter. Wissen- 
nn und Bildung Nr. 88 (1922), $. 122. 

8 ebda. 
%4 G. Fauth, Jörg Wickrams Romane. Straßburg 1916. Binse.schritten zur 
els. Geistes- und Kulturgeschichte, II S. 122. 
85 K.Sonneborn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Erna in der  altdeutschen 
Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914, S. 45. | 


Mackensen, Die deutschen Volksblüicher 6 


82 Stil und Begriffswelt 


fast nur nach materiellen Gesichtspunkten geschlossen werden 86, 
da Gelderwerb und Reichtum oberste Ziele weitester Volksmassen 
sind. So gilt es als besonders ruhm- und ehrenvoll für den 
Helden, Geld zu besitzen oder auszugeben; rühmend wird von 
Haymon hervorgehoben, daß er lang gegen die heyden gestritten, 
auff seinen eignen beutel; im Barbarossabüchlein erhalten die 
Franziskaner nach der ‚Einnahme von Jerusalem tausend Gulden 
vom Kaiser; ein Vater im Lalebuch kauft seinem Sohne für die 
Schule ein par schuh, darumb er achtzehn batzen gegeben. 
Faust erhält als Rente vom Teufel fünfundzwanzig Kronen, und 
der Graf von Anhalt verehrt ihm etlich hundert thaler für seine 
Kunststücke; in seinem Testament gibt der Zauberer alle Ver- 
mächtnisse in Geldwert an. Im ungedruckten Buch vom heiligen 
Karl wird der König gebeten, von Blanscheflurs Ermordung ab- 
zustehen, der im tussint marck goldes het geben, das er sy me het 
gehan, er hätt es nit geihan. Im Fortunat findet diese Geldfreude 
und Geldsucht ihren Gipfel; schon A. W. Schlegel bemerkte diesen 
Grundzug des Buches: „Das Wunschhütlein ist in der Tat nur 
ein anderer Ausdruck von der schnellen Macht des Geldes, alle 
Wünsche zu realisieren, und die Hörner mögen wohl die Meinung 
der Welt bedeuten, welche in ihrer Wandelbarkeit von denselben 
Mächten abhängig ist.‘ 8” Nach der Trauung mit Cassandra rüstet 
der Held seinen alten Diener aus und. gab ym bar tausent ducaten, 
das er die soldt der gräfin in iren schoss schütten, unnd ir sagen: 
ir tochtermann der schancke ir die, das sy fröhlich auff die 
hochzeit käm. Zum Sultan spricht er, wa es ym nit ain miß- 
fallen wäre, woltie er yedem mamelucken zehen dules geben, 
das sind guldin pfennig, ist ainer als gut als dreü orti von ainem 
reinischen guldin. Für Turniere setzt er, der materiellen Sitte 
seiner Zeit folgend, Geldpreise von unerhörter Höhe aus (600, 
100, 200 Dukaten), auch der Siegfried des späten Volksbuches 
erhält ein köstliches kleinod von sehr grossen werth als Turnier- 
preis. Krieg ist, so haißt es im Fortunat, zu mißraten, denn er 
bringt große Kosten. 

Daß dieser stark hervortretende materielle Geist kein Ausfluß 


8 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, II? (1913), S. 83. 
87 4. W. Schlegels Vorlesungen über Schöne Literatur und Kunst, III, S. ı5ı 
(Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ıg. Jahrhunderts, Nr. 19). 


Stil und Begriffswelt 83 


gesteigerten Wohlstandes, sondern lediglich Begleiterscheinung 
einer allgemeinen Sucht zu glänzen ist88, zeigt die Vorliebe der 
Volksbücher für Kleinode und ihre Beschreibung. Im Brandan- 
gedicht heißt es (v. A5gff.): 


der insulen grunt der was guldin. 
daz da griez solde sin, 

daz wären edele steine. 

clär unde reine 

wären die und nicht tunkel, 


die Prosaauflösung erzählt dasselbe mit folgenden Worten: und 
was der grund eitel gulden und edelgestains, carfunkel saphir 
jochant schmarag adamast amadist und ander edelgestain: der 
Sınn für die Schönheit des Bildes ist verloren gegangen, Prunk- 
sucht ist an seine Stelle getreten. Peter mit den silbernen 
Schlüsseln gibt der Amme Magelones der drey ringe einen, die 
jme sein mutter in seinem hinwegziehen mit geben hett, die eins 
grossen gelts wert geachtet waren; im Alexanderbuch werden die 
glänzenden Kleinode ausführlich beschrieben. Herzog Ernst läßt 
in Rom seine wunderliche leute alle tag auf der gassen herum- 
führen, damit sie jedermann mit allem fleiss möchte besehen, 
und obwohl er in Nürnberg nicht erkannt sein möchte, umgibt 
er sich doch mit seinen Wunderleuten. Gern werden auch Kleider 
und Aufzüge beschrieben: so findet in der Melusine das Trauer- 
habit seine liebevolle Schilderung, so erzählt das Buch von den 
 Haymonskindern breit den Pomp der Krönung. Im Lalebuch 
selbst wird gern von gold, silber, edelgesteyn, unnd andern köst- 
lichen sachen und kleynotien geschwärmt. 

Mit diesem materiellen Geist steht anscheinend eine unersätt- 
liche Wundersucht in Widerspruch; aber bei genauerem Zusehen 
zeigt es sich, daß auch sie nur dem unersättlich frohen Sinn 
der Zeit entspringt, der ins Übersinnliche greift, wo das Sinn- 
liche ihm nicht mehr Genüge tut. Daß Menschen mehr können, 
als menschlicher Kraft gegeben ist, daß ihnen Mittel und Wege 
offen stehen, alle Schätze Himmels und der Erden zu erreichen: 
wie bezeichnend ist es, daß dieser Zauberglaube gerade in dieser 
Zeit seine eigentliche Ausbildung erfährt! So wächst bei Katho- 


88 G. Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes, II. Berlin ı89ı, S. 3. 
6* 


81 Stil und Begriffswelt 


lıiken wie Protestanten eine Wunder- und Schauerliteratur empor, 


und der Hexenwahn treibt seine wunderlichen Blüten 89. 

Im Herpin (1514) begegnet zum ersten Male in deutscher Lite- 
ratur Geisterspuk: der Geist des Ritters, den Herpin befreite, be- 
gleitet ständig dessen Sohn. Die andern Werke begnügen sich 
mit bloßen Wundern: als die Räte König Johanns beschließen, 
das Haymonskind Rengnold zu verraten, färbt sich die weiße 
Stube schwarz, bei der Krönung Ludwigs im selben Buche (Aus- 
gabe von 1604) bringen Tauben Öl und Kerzen. Kämpfe mit 
Riesen, Zwergen, Drachen, wilden Männern und Weibern werden 
beliebt, vornehmlich ist der Wigoleis ihrer voll, und das Wunder- 
bare, Außergewöhnliche wird gern vom Verfasser hervorgehoben: 
da werdet ihr nun wunder hören, wie er sich dazu angelassen 
hat, heißt es im Siegfried des öftern. Reisen geben oft den er- 
wünschten Anlaß, Wunderdinge zu berichten; Fortunat reist durch 
Persien, Indien, das Pfefferland Lumbeck, zum Sinai, nach Palä- 
stina und Nordafrika, und sein Sohn Andolosia unternimmt gleich 
ihm weite Fahrten; Fortunats Wunschhütlein, Fausts Zauber- 
mantel werden so zum Symbol der Zeit. Den Gipfel bildet hier 
der Faust (wie der Fortunat den Gipfel der materiellgerichteten 
Erzählung darstellte); in seinen drei Teilen umfaßt er alles, 
worum die Gedanken der wundersüchtigten Menge kreisen : Fragen 
des Himmels und der Hölle, Reisen weit über die Erde und — 
diesem Teile verdankt er vorzüglich seine Beliebtheit — die bunten 
Zauberanekdoten, in denen er dartut, was der Mensch vollbringen 
kann, dem die Geisterwelt vertraut ist. 

Diesen Gemeinsamkeiten innerlicher Formgebung steht eine 
weit größere und wichtigere Reihe von äußeren Übereinstimmungen 
gegenüber, die ın ihrer Gesamtheit den Volksbüchern die cha- 
rakteristische Note verleihen. Das Moment der Kürze steht bei 
ihnen allem obenan; wir sahen, wieviel beim Erfolge des ein- 
zelnen Werkes davon abhängt, ob es handlich und nicht er- 
müdend ist, wie viele Werke, denen diese Vorzüge abgingen, 
nicht den Weg ins Volk finden oder sich nicht lange in seiner 


Gunst halten. Die älteren Werke sind hier noch nicht auf der 


Höhe; im Herpin z. B. kürzt die Übersetzerin erst am Ende 


größere Partien, als sie den Wunsch hat, ihre Arbeit ab- 


8 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, II?2, S. 198, 237. 


Stil und Begriffswelt 85 


zuschließen 90, erst spätere Ne der Verleger greift. 
hier energischer ein?l. 

Das Bestreben, kurz zu sein, tut sich in mancherlei Wen- 
dungen kund: was soll ich nun mer sagen! heißt es im Siegfried 
oder in der Melusine: allein wir lassen solches alles um kürze 
willen beyseit, und an anderer ‚Stelle: was für eine innerliche 
freud-erregniss nun in diesen vätter-- und mütterlichen beyden 
herzen zweiffels frey entstanden sey, scheinet besser zu gedenken, 
weder es mit der feder kan oder mag beschrieben werden. Das 
Stilmittel der Aposiopese ist auch im Alexanderbuch häufig, 
das ist unsäglich, heißt es hier, und der Verfasser des Siegfrieds- 
‚buches versichert: wir seyn geflissen, diese historie auf das aller- 
kürtzeste zu beschreiben; ständig entschuldigt er sich, daß er 
genauere Schilderungen der kürtze wegen unterläßt. Der Be- 
arbeiter des Lalebuches findet manches unnötig (als ich erachte) 
mit lengeren worten ausszuführen oder tut Erwähnung von sehr 
hohen und wichtigen sachen, welche hie zu erzellen viel zulang, 
darumb ich sie dann für vber gehn vnd nur etliche eynführen 
wil. Einige weitere Beispiele mögen angereiht sein: im Herzog 
Ernst: davone ich von kürze und ettlicher unglauben hie nicht 
schreiben will; doch von kürz wegen hie nicht gesetzt noch 
beschriben ist; doch wolln wir das verlengrung wegen — un- 
derwegen lassen; im Fortunat: wie es yn ergieng, da wär lang 
von zuschreyben; was wunder, abentür vnd sitten in den landen 
ist, wär ain sonder vnd gross buch von zuschreiben. Wellicher 
aber das geren wissen welle, der less das buch Johannem de 
Montevilla unnd andere mer bücher deren, die solch land durch- 
tzogen sind9?: wär lang zuschreyben, was er an yedes künigs 
hoff volbracht mit stechen, mit aller hoflichhayt vnnd yn sonder- 
hait milt grosser kostlichait, so er verbrachtie mitt hoff 
halttenn; in der Magelone: jedoch auff das kurtzesth dauon zu 
reden; vnd das jchs kurtzs mache, alle ritter, die noch vor- 


% Liepe, Elisabeth, S. ı17fl. 


9 Liepe ebda., S. 80 sieht die Kürzungen als Ausfluß der Druckerfaulheit und 
verlegerischen Geschäftstüchtigkeit; der Wunsch des Leserkreises ist aber 
doch wohl der maßgebendste Faktor. | 
%2 Ähnliche Verweise auf andere Bücher finden sich im Siegfriedbuch des 
öfteren. 


86 Stil und Begriffswelt 


handen waren, stieße der ritter mit den schlüsseln herab — fast 
jede Seite bringt solche Belege. 

Interessant ist es, bei Werken, die auf einer Vorlage fußen, 
zu beobachten, in welchem Sinne sie kürzen. Das Buch von 
Phyloconio und Eugenia streicht gelehrte Anspielungen, blumen- 
reiche Wendungen, Erörterungen, die für den italienischen Leser 
bestimmt sind?3; im Herzog Ernst wird das philosophische Ge- 
bet der Vorlage zum großen Teil fortgelassen; der Wigoleis 
unterdrückt ı31ı oft seitenlange Stellen des Gredichtes, meist 
Reden oder ritterliche Schilderungen. Der Tristrantbearbeiter 
übergeht das Begräbnis der Mutter, das Eilhard in sechzehn Versen 
(v. 103— 119) schildert; die Rüstung Tristants durch Marke, deren 
Beschreibung bei Eilhard einunddreißig Verse füllt (v. 743 bis 
774), wird hier nur kurz abgetan: als nun der gesetzt tag kam, 
hiess Künig Marche für in bringen daz aller besst harnasch, 
so er het, wapnet seynen öhem selbst darein mit fleiss, und gab 
im ein schwert, wahin daz mit krafft ward geschlagen, mocht 
kein stahel vor im besten. Die erbauliche Rede Markes ba Tri- 
strants Abschied (Eilhard v. 781-789) ist wieder gestrichen. 
Bezeichnend sind die Kürzungen des Brandan: die Einleitung 
fällt ganz fort, Gebete werden stark beschnitten; die Worte Sand 
Brandon bat unsern herren, das er in wolt in seiner huet haben, 
so wolt er gern sein gebot volbringen müssen sieben Verse er- 
setzen (v.78—-84); das Gebet nach dem Tischabenteuer, das 
siebenundzwanzig Verse (v.200—226) füllt, wird mit einem 
Sätzchen abgetan: da baten sie unsern herren, das er in etwenn 
zw land hülf; die Messe, die am Ende der Welt gelesen wird, er- 
wähnt das Prosabüchlein nur kurz: do empfiengen sy in mit 
grosser wirdigkeit und sungen ein herlich mess mit grosser an- 
dacht und empfiengen all das heilig sacrament, während das Ge- 
dicht die Szene breit ausmalt (v. 1586—-ı611). Erbauliche Ge- 


% Ullmann, Das Volksbuch von Phyloconia und Eugenia. Euphorion XIV 
(1907), 68gff. 
% Die Fälle, in denen das Volksbuch stofflich breiter ist als die Vorlage, 
sind selten: so malt das Alexanderbuch die Andeutungen hie und da aus. 
Die Disputationen Fausts mit Mephisto gehören zum Stoff, und die langen 
Erörterungen des Lalebuches, daß weder die männer ohne die weyber, noch hergegen 
die weyber ohne die männer, können haushalten, bringt eine nur zu beliebte pikante 
Nuance in die Erzählung, 


Stil und Begriffswelt 87 


schichten werden kurzer Hand fortgelassen: so die Lebens- 
geschichte des Klausners auf dem Stein (v. 383—408), und des 
Johannes (v. 1647-1682); pointelose Berichte, die kein größe- 
res Erlebnis erhalten, fehlen (v. 427-454, 807-849); als ed 
zum Schluß geht, werden die letzten Wunder übergangen. Der 
breit ausladenden, bildhaften Vorlage gegenüber bewahrt die 
Prosa ihren wirklichkeitsfrohen, derben Sinn; den Versen (v. 
Auf£f.) 

er enwolde noch enmochte 

des iht geloubic wesen, 

wie er ez heite gelesen, 

er ensehez mit den ougen sin. 

daz tet im got darnach wol schin. 

vor zorne brante er daz büch 

und tet dem tichter einen vlüch 


entspricht ein kurzer Satz: Des wolt er nit gelauben, und nam 
das puch und verprant es. 

Dieser Betrachtung scheint eine oft zu beobachtende Redesucht 
entgegenzustehen?d. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch bei 
den vielen und langen Reden, die in den Volksbüchern gehalten 
werden, um etwas ganz anders, als die Reden der Epen oder 
lateinischen und französischen Vorlagen bezwecken: während sie 
dort zur breiteren Ausmalung der Handlung dienen, sollen sie 
hier dem Leser zeigen, wie man in eleganter und gebildeter Weise 
seinad Gedanken zu Sätzen formt, wie man sich zierlich und 
höfisch unterhält, wie man reden muß, wenn man dem Helden- 
ideal gleichkommen will. Das ist der Hauptgrund, weshalb die 
Romane als „nützlich für die Jugend“ empfunden werden; Spa- 
latin weist in seiner Vorrede zur Magelone besonders auf diesen 
Punkt hin und empfiehlt das Werk darum den Mädchen und 
Frauen; aus dem Amadis gar wird eine Sammlung der hüb- 
. schesten Reden, gleichsam als Nachschlagewerk für den prak- 
tischen Gebrauch, zusammengestellt. Es ist nie der Inhalt der 
Reden, der wichtig ist, sondern die Form; ständig wird diese 
verändert, verbessert, dem Zeitgeschmack angepaßt. In einer der 
ersten Ausgaben der Melusine (1491) klagt Reymund: ach Me- 


% s, vorherg. Note, 


88 Stil und Begriffswelt 


lusina soll ich dich ferlieren, so wil ich doch durch dy wyste 
faren vnd mich gantz. von der welte zihen vnd ein einsidel wer- 
den, noch mich der welt gar nit mer onderzihen; im späten 
Druck des ı8.Jahrhunderts heißt es statt dessen: Melusina, 
mein .engel, mein einziges ergötzen und muihkühlung auf dieser 
erden! du wolthäterin und erheberin meines glücks! mit dir, wann 
ich dich verliere, so verlieret sich auch meine freude, soll ich 
aber ohne dich also einsam leben, so will ich lieber seyn gar der 
einöde ergeben, dann der einsiedler stand soll heissen meine 
freud, bis auch mein leben sich schliesst in der einsamkeit. So 
erhalten die langen Reden Sinn und Bedeutung, die sich durch 
alle Volksbücher hindurchziehen; ein Muster feiner Redekunst 
ist die Ansprache, die der Bote des Haymonskindes Reinold vor 
Kaiser Karl hält: jetzt will ich meine Botschaft anfangen, gne- 
digster herr gott geb erstlich E. M. ein .langes leben usw. Ehe 
sich Herzog Ernst zu seiner Kreuzfahrt angeschickt, hält er 
eine Rede: mit kurzer vorrede sprach er, behauptet der Erzähler, 
aber die Länge des Sermons straft ihn Lügen. Als Peter von Arra- 
gonien seine Eltern um ‚Urlaub bittet, tut er dies in zierlichen 
Sätzen, seine beiden Eltern antworten ıhm im selben Stile; der 
nach dem gestohlenen Wunschhütchen vom Sultan ausgesandte 
Marcholando entledigt sich seines Auftrages vor Fortunat ın 
ausführlicher : Ansprache; Melusine hält in der Brautnacht eine 
lange Rede, und Faust und Mephisto haben miteinander viele 
endlose, im Sinne der Zeit schön gedrechselte Disputationen ; 
selbst der todkranke König von Zypern ermannt sich noch (in 
der Melusine) zu einer ausgedehnten. Ansprache. Im Lalebuch 
bieten die Ratsverhandlungen und der Empfang des Königs schöne 
Gelegenheit zur Entfaltung der Redegabe. Besonders beliebt sind 
Klage-, Abschieds- und Gebetssermone; Raimunds und Melusinens 
Wehrufe, die Trauerrede Fortunats über den Tod seiner Cassan- 
dra, die Klagen Peters, als die Ringe seiner Magelone vom Vogel 
geraubt und ins Meer geworfen sind und die der Magelone, als 
sie den Peter nicht findet, Fausts Weherufe vor seinem ‚Ende, 
ferner Melusinens lange Abschiedsrede, Fortunats Scheideworte 
an seine Söhne, schließlich das Gebet der Magelone in Rom, die 
häufigen Gebete Herzog Ernsts mögen als Beispiele dienen. 
Mit dieser Freude am Reden hängt die große Vorliebe für die 


Stil und Begriffswelt 89 


direkte Rede zusammen, die wir in allen Volksbüchern antreffen. 
Roethe spricht einmal von der „dramatischen Neigung der Re- 
formationszeit‘ 96; ihr begegnen wir auf Schritt und Tritt. Das 
wird besonders deutlich in den häufigen Fällen, in denen ein in- 
direkt begonnener Satz in direkter Form weitergeführt wird (oder 
umgekehrt); so heißt es in den Haymonskindern: die frow sagt, 
sy wusste nut von im, min her oder: daz der gros kopff 
für Anses gstelt würde, den ich zu Reıns gwann oder: so will 
er jhren alle jhre missthat — verzeihen, vnd da er sich dessen 
verweigert, so wirt es jhme vbel ergehen werden, dann so will 
ich mil meiner macht kommen vnnd verhergen das landt. Schon 
bei Ulrich v. d. Türlin finden sich ähnliche Übergänge von in- 
direkter zu direkter Rede und ebenso in der Legendendichtung’?”, 
aber zum charakteristischen Stilmittel werden sie erst in der 
Romanliteratur. So zeigen sie sich häufig im Wigoleis, der sonst 
keine besondere Vorliebe für die direkte Rede hat?8; vornehmlich 
ist es der Eulenspiegel, der eine Fülle von Beispielen bietet: sie 
sprach: herr wann ir den leckerschen schalck woelt lenger be- 
halten für ein knecht, so wolt sie von im lauffen (Hist. 9); dz 
ym befolhen wer — bei seinem leben kein opffer nemen solte von 
keiner frauwen, die ein eebrecherin wer, vnd welch solche frauwen 
seind, die sollen stil ston, dann so sie mir etwas opffern wer- 
den, so sie schuldig seind in dem eebruch ich nim das nit 
(Hist. 31); sprach, wa har zu dem teuffel, dz sie so lang ge- 
wesen weren, vnd kamen so spat in die herberg (Hist. 78); ge- 
dacht Vlenspiegel wz im da zu thun wer, dahin kemen frembd 
heren, die lassen mich vnbegabt nil (Hist. 63) dz dester bass 
mercken möcht warauff er genaturt wer, wan ich wolt euch 
gern etwz geben ee das ir schlaffen giengen (Hist. 15) usw. So 
oft wie hier wechseln direkte und indirekte Rede in keinem andern 
Buche, obwohl der Beispiele auch dort viele sind; so gibt der 
Tristrant die direkte Rede seiner Vorlage von 1505— 1518 anfangs 
indirekt wieder, um dann fortzufahren: und ist kein zweifel, wir 


% G. Roethe, D. Martin Luthers Bedeutung für die deutsche Literatur. Ber- 
lin ıgı18, S. 24. 
97 E. Tiedemann, Passional und Legenda aurea. Palästra 87 (1909), S. gz5fl. 


% O. Weadenmüller, Das Volksbuch von Wigoleiß vom Rade. Phil. Diss. Göt- 
tingen ıgıo, $. 27f. 


90 Stil und Begriffswelt 


_ miessen all hie sterben, so heißt es z. B. im heiligen Karl: der 
wirt sprach das ist unmugklich, daz das beschechen kön. Und 
zuweilen zeigt sich auch in der indirekten Rede, daß dem Ver- 
fasser beim Niederschreiben das gesprochene Wort im Ohre 
klang, etwa im Fortunat: graff Nimian dancket seinen küngk- 
lichen gnaden (die Erzählung verlangte eigentlich: dem künig) 
vnd sprach, was sein künigkliche genad schaffte, woelt er thun. 
Wenn in den Haymonskindern oder im Alexander ganze Seiten 
dialogisiert sind, wenn im Fortunat immer wieder die direkte 
Rede, oft durch Ausrufe oder kurze Bemerkungen, die Erzäh- 
lung durchbricht und anschaulich macht, wenn Eulenspiegels Ge- 
danken zumeist in direkter Rede wiedergegeben werden: also zoch 
Vlenspiegel mit dem vffgenomnen gelt hinweg vnd gedacht, 
sol tu die esel zu Erdifurt all weiss machen, das würd vil leibs 
bruchen (Hist. 29), so erkennen wir in dieser Stiltechnik ein 
Mittel zur Verlebendigung der Erzählung, das auch der franzö- 
sische Übersetzer des Amadis wohl kennt und anwendet®?, und 
dem Wickram in seinen ersten Romanen durchaus huldigt, er 
sicher unter dem Einfluß der Volksbücher stehend 100. 

Daß im Gegenteil auch Reden der Vorlage im Volksbuch durch 
Erzählung wiedergegeben werden, tritt neben dieser Fülle der 
Beobachtungen zurück, wenn auch z. B. in der Melusine101 und 
im Tristrant102 solche Fälle nicht zu den Seltenheiten gehören. 
Es geschieht dies nicht aus der Unlust zur direkten Rede — das 
‘beweisen die auch in diesen Büchern häufigen Ansprachen und 
Sermone —, sondern aus Kürzungsbestrebungen und seltener 
aus Gründen der inneren Einheitlichkeit. Jedenfalls stehen diese 
Fälle nicht zu den Ergebnissen unserer Beobachtung im Gegen- 
satz. | 

Die Freude am gesprochenen Wort, die sich in häufiger An- 
wendung der direkten Rede auslöst, kommt der Gesamtdar- 
%® W. Küchler, Empfindsamkeit und Erzählungskunst in Amadisroman. Zeit- 
schrift für französische Sprache und Literatur. XXXV (1909), S. ı79. 

100 G. Fauth, Jörg Wickrams Romane, S.75. 

101 Die betreffenden Stellen führt M. Nowack in ihrer oben angeführten 
Dissertation auf. 

102 Z.B. Eilhard v. 190—ı99: Riwalins Ermahnungen an Tristan beim Ab- 
schied; v. 226f.: Riwalins Worte an Tristan; v. 293— 297: Tristan spricht zu 
Marke usw. 


Stil und Begriffswelt 91 


stellung zugute, indem sie sie anschaulich und lebendig macht; 
bewußt indessen, wie der französische Übersetzer des Amadis, 
haben die deutschen Volksbuchbearbeiter dies Stilmittel kaum 
angewandt. Sie erzählen den Stoff auf dem Papier, wie sie ihn 
etwa abends im Freundeskreise vortragen würden; ihre Erzäh- 
lungstechnik ist die des stilistisch ungebildeten und unverbildeten 
Menschen. Das zeigt sich besonders an ihrer starken Subjektivi- 
tät, die sie ihrem Stoff gegenüber einnehmen, wenn sie mitten 
aus der Erzählung heraus den Leser oder Hörer anreden, wenn 
sie eigene Bemerkungen an die Schilderung anknüpfen oder gar 
_ höchst persönlich ihre Freude oder ihre Unlust über Taten und 
Geschicke ihrer Helden äußern. Wir wissen, daß ein solcher 
Verkehr zwischen Verfasser und Publikum überall da statt- 
findet, wo die Ausübung der Kunst noch nicht durch Kunst- 
theorien gebunden und eingeengt ist103; wir begegnen ihm von 
Homer ab, der etwa seinen Odysseus am Phäakenhofe seine Aben- 
teuer selbst erzählen läßt, bis tief ins ı9. Jahrhundert hinein; 
jedes Märchen bringt uns Beispiele. Der lehrhafte Geist, der 
alle Volksbuchbearbeiter beseelt, unterstreicht diese Neigung noch 
beträchtlich; so entsteht beim Leser durchaus das Gefühl, als 
ob er die Geschichte höre, auch dies wieder ein Beleg für die 
„dramatische Neigung‘ der Zeit. 

Daß der Verfasser seine Teilnahme am Ergehen des Helden 
bekundet, ist häufig, besonders auffällig vielleicht im Alexander. 
Als Isolde mit den weißen Händen Tristrant die Lügenbotschaft 
vom schwarzen Segel überbringt, ruft der Bearbeiter aus: ach 
waffen! des grossen mordes, den die fraw do unwissenlich mit 
unwarheit begieng, das ir doch hynach yemerlich leid ward; im 
Siegfriedbuch heißt es: ich glaube gäntzlich, solte das fünffte 
jahr auch hingeschlichen seyn, es würde mit der jungfrau. nicht 
zum besten abgelaufen seyn, in den Haymonskindern; ich kan 


mich nit gnuog verwundern, das er so lang uss ist, von siner bot- 


schafft oder: ach gott, hettend sy gewusst, wie die sach stuond, 
sy hettentz nut. Der Verfasser des Fortunats hat Mitleid mit seinem 
Helden: o Andolosia, wie was das so ain ongeleicher wechssel! 
und der des Lalebuches freut sich über die Tafellust seiner 
Schildbürger: were ich darbey gewesen, ich heite gewisslich 
108 E. Ermatinger, Das dichterische Kunstwerk. Leipzig-Berlin 1921, $. 337 ff. 


92 Stil und’ Begriffswelt 


auch mit geessen: und du gauch gewisslich auch, hetiest ehe zu 
beyden backen eyngeschoben, damit du deiner rechnung zukämest 
und dein gut geld nicht vergebens aussgebest. Solch persönliches 
Hervortreten zeigt sich zuweilen in Wendungen, die auf spätere 
Ereignisse der Handlung hinweisen, etwa im Fortunat, wo es von 
den Wunschseckel heißt: wann so bald es ain mensch jnnen wurd, 
so kämen sy darumb, das auch laider beschehen ist. Oder dem 
Bearbeiter entfährt einmal ein ungeduldiges Wort, wie z. B. im 
Herzog Ernst: da huob die fraw an, ich enwaiss von was haim- 
licher offenbarung, als ob sie künftige ding weste1%%. 

Die Gewohnheit, den Leser mitten in der Erzählung anzureden, 
wird in dieser Zeit durch die Lehr- und Erziehungsfreudigkeit 
gesteigert; Ausrufe wie: nun mügen ir hören, wie es Anndolosia 
gangen ist (Fortunat) oder: nun wyll ich uch sagen wie das 
schloss gesetzt was (Haymonskinder), geben der Schilderung einen 
würdigen lehrhaften Ton, sie erhöht aber auch die Spannung 
auf das nun Kommende. Wenn es in den Haymonskindern heißt: 
hörend das gros glück, wie gott Rengnolden und sine bruoderen 
behuot oder: nun gsächend, waz übels Rengnolden und Magis 
begegnet oder: ich will uch von dem ertzbischoff Turpin sagen, 
der beliben was das lager bewaren, so wird die Aufmerksamkeit 
des Lesers auf das Folgende gespannt und diesem erhöhte Be- 
deutung verliehen. Seltener ist die Frage an den Leser zur Er- 
reichung des gleichen Zieles: wie meint jr dz es gangen sye? (Lale- 
buch); sie unterbricht die Erzählung stärker als die bloße Er- 
mahnung und mag darum weniger beliebt gewesen sein. 

In Wendungen wie: nu hörend oder wussend das tritt das 
lehrhafte Element stärker in den Vordergrund, das nun in einigen 
weiteren Fällen sich deutlich zeigt: der Verfasser knüpft an die 
Darstellung der Begebenheiten persönliche Bemerkungen und 
Betrachtungen an, die den Sinn der Handlung erklären und den 
Leser erbauen sollen. So heißt es etwa im Orendel105: nun möcht 
man fragen, wie dise ding alle allso möchten geschehen sein. — 
hierrauff zu antworten; dann folgt die Betrachtung. Oder ein 
Beispiel aus dem Lalebuch 106: nachdem der Rathausbau erzählt 


1% Ähnlich in der Magelone: ich weyB die helfften nicht zu erzelen der freuden, 
so sie hetten. 105 vgl. A. E. Berger, Orendel. Bonn ı888, S. XXVII. 
106 vgl. E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. Wolfenbüttel 1890, S. 52. 


Stil und Begriffswelt 93 


ist, fährt der. Verfasser fort: welches dann noch nit so gar 
ongereijmt gewesen. oh wie hab ich so vbel geförchtet, man 
nemme mich auch dareyn, und gebe mir ein narrn ampt. Im 
Fortunat werden die Gründe erörtert, warumb nit mer leüt auss 
teütschen landen auch dahin ziehen vmb die kostlichait der 
herren, auch der edlen frücht wilen, auch .des grossen reich- 
tumb, so in den landen ıst oder warumb die auss India vnnd auss 
andern landen nicht herauss kämen in vnsere lannd? In höchst 
subjektiver Weise sucht der Tristrantbearbeiter seinen Helden 
zu entschuldigen: hauwet aber Tristran über die schnure es ist 
ym ye nach meinem versteen nit zu argem auff zenemen noch 
nit darumb zestraffen, dann wo mir so vil gewaltes würd ge- 
geben über das, das ich lieb het, ich kört auch ye allen meinen 
fleiss für, dar mit ich mich des möchte gebrauchen nach allen 
leiblichen begirden, und auch nicht under wegen lassen, dann 
was ich nit tun möchte. 

Zu dem subjektiven Gut, das Verfasser und Bearbeiter in 
die Volksbücher hineingetragen haben, gehören auch die häu- 
figen Übertreibungen, die Steigerung ins Maßlose, die beim 
Leser das Gefühl für Schlichtheit‘ und stilles Heldentum ertöten 
und eine immer stärker werdende Abstumpfung Ungeheuerlich- 
keiten gegenüber erzeugen; um zu wirken, müssen immer neue 
Unglaublichkeiten erfunden, immer höhere Zahlen angegeben wer- 
den. In Eilhards Epos107 verlangt Moralt je das dritte Kind unter 
ı5 Jahren als Tribut, im Volksbuch alle menschen die da bei 
 fünfzehen jahren alt waren; dort verproviantiert Riol die Haupt- 
stadt von Karahes für m& danne sechs wochen, hier für mer denn 
VI monat; aus zwelf wochen, acht mann, drihundert helmen 
werden ein gantzes jar, hundert gewapenter man, dreu tausent; 
natürlich müssen sich die Heldentaten proportional steigern. In 
den Haymonskindern ist die Rede von einem Brunnen für zechen 
tussend mentschen, und Malegys schein vber zwey hundert jahr 
alt zu sein. Als Eulenspiegel dem Geizhalse den Hühnerstreich 
spielt (Hist. 8), heißt es: und stünden also mer dann zweihun- 
dert huner ye ains gegen dem andern zewürgen, vnd zugen das 
luder. Die willkürlich gewählte Zahl ersetzt den Begriff „un- 
107 vgl. F. Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde, 
$. 33. 


94 Stil und Begriffswelt 


glaublich viel‘; sie kann nicht hoch genug gegriffen werden, 
um den Helden in das rechte Licht zu setzen. 

Mit diesem individuellen Erzählerton steht die Formelhaftig- 
keit, die sich, wie über die ganze Literatur, so auch über die 
Volksbücher ım Zeitalter ihres Entstehens ausbreitet, schein- 
bar in Mißklang. Aber auch nur scheinbar: wo der Ver- 
fasser seine eigene Persönlichkeit in die Geschichte einschiebt, 
ist es der Stoff oder der Zweck, den er müt der Darstellung: 
des Stoffes verknüpft, der ihn dazu veranlaßt; der Stil ist gleich- 
gültig, über ihn wird nicht viel nachgedacht, so bedient man 
sich hier überlieferter und allgemein geübter Regeln und Me- 
thoden, die bald starr und unbeweglich werden. Sahen wir doch 
auch, wie ursprünglich subjektiv gedachte Wendungen: nu höret, 
wisset u. a. formelhafte Stilbestandteile werden. Es ist die Zeit 
der Herrschaft der Regel: die Namengebung wird immer dürf- 
tiger, immer dieselben Vornamen werden gewählt, und der 
geometrische Renaissancegarten wird Formideal10. „Was erst 
eine Befreiung aus Tumbheit und Stummheit war, wurde im Ver- 
lauf eines Jahrhunderts hurtiger Betrieb... Die schöne Rede, ur- 
sprünglich Ausdruck des schönheitswilligen und -gläubigen Eigen- 
geistes, erstarrte zur leeren Zier.‘ 109 

Das Formelhafte, Typische tritt bereits bei Konrad von Würz- 
burg vor den inneren Gehalt1!0: durch die ausdrucksehnsüchtige 
Mystik wird die Freude an der Häufung von gleichbedeutenden 
Wörtern noch gesteigert. Noch ist diese Häufung oft beabsich- 
tigt; Heinrich von Nördlingen schreibt einmal in einem Briefe: 
eial mein und aller liebstz, übersich mir disü wort, wan si er- 
frowen mein hertz, do ich sie schraib111. Aber bald werden sie 
Stilmittel, ohne das man nicht mehr auszukommen glaubt; selbst 
Luther kann sich nicht von dem formalen Zwange frei machen 112. 
Wie bezeichnend ist es, daß das Wörtlein „subtil” Lieblingswort 
dieser Zeit wird 113. 

100 F. Gundolf, Martin Opitz. München-Leipzig 1923, S. ı. 

110 F, Karg, Die Wandlungen des höfischen Epos in Deutschland vom ı3. zum 
14. Jahrhundert. Germanisch-Romanische Monatsschrift XI (1923), S. 323. 
111 G, Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. Berlin 1889. I ı7. 


42 G, Roethe, D. Martin Luthers Bedeutung für die deutsche Literatur. Ber- 
lin ıgı8, $. 22. 118 W. Uhl, Unser Kalender. S. 64. 


Stil und Begriffswelt 95 


So sind es die Synonymall#, die auch den Volksbüchern 
ihr bezeichnendes äußeres Gewand verleihen; kaum eine Zeile 
gibt es, die ohne Synonymen ist. Zumeist werden zwei gleiche 
Begriffe nebeneinander gestellt, so im Tristrant: gebrüfen noch 
gemercken, helffen und vertigen, geoffenbart u. erkennt, acht u. 
sorgfältigkeit, tugent u. frümkeit, gelobt und gebreist; wo Eil- 
hard (v. 2142) gehönet hat, setzt das Volksbuch ungehönt und 
ungeschumpffiret; statt des einfachen owe der Vorlage (v. 
2398) heißt es hier ach und owee. Oder in der Melusine: ver- 
nünflig u. weise, geehret u. werth gehalten, lieb u. freund- 
schaft, umschliessen oder einfassen; im Faust: sternseher vunnd 
himmelgucker, nach gutem wohn vnd gütdünken, christlich ge- 
bett u. wandel, gestalt und gesichte, affenwerk und gaukkel- 
spil usw., statt dein geist auwerhan heißt es hier einmal: dein geist 
und auwerhan. Häufig wird durch das zweite Wort das erste, das ein 
Fremdwort ist, erklärt: approbiert oder gutgeheissen (Lalebuch), 
nymphen oder jungfrauen (Melusine), celebrirt u. begangen (ebda.), 
vestüngen und castellen (Haymonskinder), fontein oder springender 
brunnen (ebda.), oder ein Provinzialismus wird durch ein allgemein 
gültiges Wort umschrieben: reyss oder pilgramfahrt (Faust), füsse 
.oder beyne (Lalebuch). Auch drei- und mehrgliedriger Parallelismus 
‘ist nicht selten: gsehen, erfaren u. erlernen (Tristant), besessen, 
verstockt, verblendi und gefangen (Faust), frey, queyt, ledig 
v. los (Magelone); in diesem letzten und in manchen andern 
mögen Rechtsformen nachklingen, so findet sich ım Tristrant 
zu willen und dienst, glübt und trew, in der Melusine gelobt, ge- 


114 Über die Synonymensucht der Zeit vgl. L. Mackensen, Der Zasiusübersetzer 
Lauterbeck, Germanisch-Romanische Monatsschrift XI (1923), $. 30g9ff., wo 
Literatur verzeichnet ist. Vgl. ferner: G. Steinhausen, Geschichte des deutschen 
Briefes I 6of., 88, 58, zgff., 22ff., 109; Liepe, Elisabeth von Nassau-Saar- 
brücken. S.79; J. Lefftz, Die volkstümlichen Stilelemente in Murners Satiren. 
Einzelschriften zur elsässischen Geistes- und Kulturgeschichte. I. Straßburg 
1916, S. 23; F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosa- 
roman. $. 83; E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. S. 43ff.; Hirsch, Das 
Alexanderbuch. S. ı20. Den Grund für diese starke formale Bindung erkennt 
G. Roethe (Von deutscher Art und Kultur. Berlin ı915, S. 22f.) in der Ab- 
neigung, die der Deutsche gegen alles Formale hat. Immer von neuem, das 
lehrt uns die Geschichte, bedürfen wir kraftvoller formaler Anregungen. 
Ähnlich auch H. Thode, Luther und die deutsche Kultur. München-Leipzig 
1914, S. 80. 


96 Stil und Begriffswelt 


schworen u. versprochen. Endlich können auch ganze Sätze _ 
zueinander ın Parallele gestellt werden: ob er sein bedörfft und 
yn zu eim diener haben wölte (Tristrant), solches bracht jhnen 
ersi ein rechtes lob bey yeder meniglichen, und schöpffet jhnen 
einen grossen namen durch die gantze welt (Lalebuch), mit weysen 
reden, welche susser und lieblicher als honig, vnd bey einer mahl- 
zeit schönerr als gold vnd silber stehen (ebda.); oder es werden 
Satzglieder nebeneinander gestellt: in schweren gedanken und 
einer heftigen alteration (Melusine). Im Lauf der Zeit werden 
die Synonyma weniger häufiger — der Wigoleisdruck von ı61ı1 
weist eine bedeutend geringere Zahl als der von ı5o/ auf —, um 
im Zeitalter des Rokoko wieder eine erneute Blüte zu erleben: 
die Jahrmarktsmelusine des ı8. Jahrhunderts hat weit mehr 
 Tautologien, als die Ausgabe von ı474. Daß dieses Stilmittel 
wenigstens im Anfang bewußt angewandt wird, beweist eine 
Stelle aus dem Tristrant 115. 

Ähnlich wie den Synonymen ergeht es den Sprichwörtern: an- 
fänglich zum bewußten Schmuck behutsam dem Werke einge- 
fügt, werden sie sehr bald zum formalen Stilmittel, ohne das 
eine Erzählung nicht mehr gedacht werden kann. Eine Prozeß- 
kautel des ı5. Jahrhunderts spricht die Rücksichtnahme, die 
man durch Anwendung volkstümlicher Redewendungen und. 
Sprüche aufs Volk nimmt, deutlich aus: wo du kannst ein sprich- 
wort anhengen, iu es, denn nach sprichwörtern pflegen die 
' bauren gern zu richten. Zweihundert Jahre später erkennt Schot- 
tel sie als integrierenden Bestandteil eines guten Stiles an: die 
sprichwörter recht und wol beygebracht sind in der rede gleich 
wie specerey im essen und gold und perlen auf einem schönen 
kleide116. Im 16. Jahrhundert läßt sich das langsame Einwurzeln 
der Sitte von Stufe zu Stufe verfolgen; in Wickrams Romanen 
werden die Sprichwörter immer häufiger!17, Luther bedient sich 
ihrer gern in Abhandlung und Brief118: in der Teufelsliteratur 


115 wann die mann allwegen vil hübscher und geblümtre wort künden, dann die 
frawen, und darumb was sein klag auch sovil mer und größer, dann die ir. 


116 J. G. Schottel, Von der teutschen hauptsprache. Braunschweig 1663, S. 1111. 
117 G, Fauth, Jörg Wickrams Romane, S., 104ft. 


118 G. Roethe, D. Martin Luthers Bedeutung für die deutsche Literatur. S, 23; 
G. Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. I ıı6. 


Stil und Begriffswelt 97 


nehmen sie einen großen Raum ein119, So läßt sich auch in den 
Volksbüchern ihre wachsende Bedeutung als Stilmittel beobachten ; 
die frühen Romane enthalten weniger Sprichwörter als diespäten, 
die Volksromane mehr als die volkstümlichen Romane. Gern 
wird darauf hingewiesen, daß die angebrachte Wendung ein 
Sprichwort ist: wann es ist ein gmeines sprichwort: yamer lernt 
weinen (Tristrant), dem sprichwort nach: viel hirten übel ge- 
hütet (Melusine), man spricht inn einem gmeinnen spruchwort, 
es sig weger ein schaden entpfangen dann zwenn (Haymons- 
kinder), als man gemainklich spricht: gleich vnd gleich gesellet 
sich gern (Fortunat), es ist ein altes aber gemeines sprichwort, das 
man sagt (Lalebuch). Wird das Sprichwort oder die volkstümliche 
Redensart mit einem Satze verbunden oder organisch mit der Er- 
zählung verbunden, so fällt dieser Hinweis fort: er ist nicht recht 
weisz, der die leüt helt als er sy sicht (Orendel), sy wolten den 
fuchss nit beysen (Fortunat), nach dem bart greifen (Lalebuch), 
man muss dir ein wurst braten, die dir treu mal vumbs maul geht 
(ebda.), er meynet der teuffel wer nit so schwartz, als man jhn 
mahlet, noch die hell so heiss, wie man davon sagte (Faust); 
bei Redensarten ist die Bemerkung sehr selten: nach der holiz- 
schär, wie man sagt, vmbzujagen, heißt einmal im Lalebuch. 
Mephisto reiht in einer höhnischen Rede einunddraißig Sprich- 
wörter aneinander, die der Bearbeiter aus verschiedenen Quellen 
abschreibt; auch das Rätselkapitel des Lalebuches gehört im 
weiteren Sinne hierher, wie denn überhaupt Faust, Eulenspiegel 
und Lalebuch eine reiche Ausbeute volkstümlichen Sprachgutes 
bergen. 

Die Reimprosa, die an vielen Stellen den Gang der Erzählung 
unterbricht, wird für die Volksbücher gern auf die Lässigkeit 
der Übertrager zurückgeführt, die Reimworte ihrer Vorlage un- 
verändert übernehmen oder ängstlich bemüht sind, die Verse 
der Vorlage in irgendeiner Weise anklingen zu lassen, wenn diese 
in fremder Sprache abgefaßt ist120. Genauer besehen, gewinnt 


119 M. Osborn, Die Teufelsliteratur des ı6. Jahrhunderts. Acta Germanica 
III, 3. Berlin 1893, S. 182. 


120 So W. Golther, Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und ' 


der neuen Zeit. Leipzig 1907, $. 247. Ä. Sonneborn, Die Gestaltung der Sage 
vom Herzog Ernst in der altdeutschen Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914, 
S. 348. 

Mackensen, Die deutschen Volksbücher 7 


BE 


98 Stil und Begriffswelt 


der Sachverhalt doch ein anderes Aussehen. In den Mystiker- 
briefen treffen wir häufig Reimprosa an, ohne daß hier irgend- 
eine Vorlage Erklärung und Entschuldigung bieten könntel?1, 
bei Luther findet sie sich, in der Teufelsliteratur ist sie nicht 
selten 122. So bemerken wir sie auch in den Volksbüchern, die 
gar keine oder doch keine gereimte Vorlage haben, des öfteren: 
im Eulenspiegel, im Faust, im Lalebuch, hier ganz besonders 
häufig und oft zu ganzen Sprüchen erweitert und in Gedichtform 
gedruckt. Die jüdisch-deutsche Ausgabe des Schildbürgerbuches 
ist gar von einer direkten Reimwut befallen (1637). Die Leipziger 
Griseldis (15. Jahrhundert) beginnt mit einem Vers: 


Verne in walschen landen, alze ich laß, 
ein lustlich fruchtbar lant gelegen waß. 
fruchtbar warn berg unde thael, 

stete, börgen, dorfere ane czael. 


In den späteren Ausgaben der Volksbücher werden die Reime 
häufiger; .der Jahrmarktsdruck der Melusine vom ı8. Jahr- 
hundert ist ganz mit Reimen durchsetzt; gerne schließt das 
Kapitel auf einen Vers: | 


diss war ein rath aus weiber-list, 
der nicht allzeit verwerflich ist, 
folg, wann du es für klug ermisst, 


und Raimund klagt gar in Reimen: 


dann der einsiedler-stand soll heissen meine freud, 
bis auch mein leben sich schliesst in der einsamkeit. 


Man hat nun versucht, aus den im Eulenspiegel anklingenden 
Versen den Schluß zu ziehen, daß einmal ein gereimter Ulen- 
spiegel bestanden habe, aus dem unser Volksbuch aufgelöst sei; 
mit demselben Recht könnte man das gleiche von Faust behaupten, 
dem der Teufel in Versen antwortet. Wenn wir also bemerken, 
daß z. B. im Orendel ein Viertel aller Reimpaare der Vorlage be- 
wahrt bleiben 123, oder daß der Bearbeiter des Herzog Ernst sich 


121 G, Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. I, 18. 
122 M,..Osborn, Die Teufelsliteratur des ı6. Jahrhunderts, S. 185. 
123 4. E, Berger, Orendel, S. XIII£. 


Stil und Begriffswelt | 99 


bemüht, die antiken Verse des. lateinischen Textes schlecht und 
recht wiederzugeben, so werden wir dies weniger auf eine Lässig- 
keit des Verfassers als vielmehr darauf zurückzuführen, daß 
man Versanklänge oder ganze Reime in der Prosa gern hörte 
und also willig übernahm bzw. nachahmte, ein Verfahren, das 
sich einbürgerte und schließlich formales Stilmittel wurde. Die 
Volksbücher, die nach ı55o gedruckt werden, vermehren ihre 
Reimwörter ständig, so wird die Prosaerzählung oft auf halbe 
Seiten hinaus von Versen unterbrochen; das Lalebuch mag hier- 
für als augenfälligster Beweis dienen. 

Am stärksten zeigt sich die formale Bindung der Zeit, die wir 
bei Synonymen, Sprichwörtern und Reimprosa beobachten, im Ge- 
brauch der Fremdwörter, die wıe eine Welle Deutschland über- 
schwemmen und ohne die vom ı7. Jahrhundert ab kaum ein 
Satz mehr gedacht werden kann. Um ı55o ist eine beträcht-. 
liche Aufnahme französischer Wörter im deutschen Sprachschatz 
noch nicht zu spüren, 1571 erscheint bereits das erste Fremd- 
wörterbuch von Simon Rothe, um 1580 werden die ersten Mahn- 
rufe gegen die fremdgeistige und -sprachliche Bewegung laut 12. 
So ist in den frühen Büchern kaum ein fremdsprachlicher Ein- 
fluß zu bemerken, der Tristrant übernimmt zwar das geiemperöt 
der Vorlage (v. 2298) als geiemperirt, fühlt sich aber doch ge- 
nötigt, garzun (v.7127) durch ein deutsches Wort näher zu 
erläutern: einen gartzen oder lauffenden botten. Im Lalebuch, 
das die Kreise gelehrter Welt kaum streift, finden sich nur sehr 
wenige Frremdwörter; neben dem unerläßlichen subtil zeugen 
Wörter wie losament, losieren von der neuen Bewegung. Anders 
im Faust; hier wird mit ausländischen Wörtern und Wendungen 
geprunkt, das lateinische Sprachgut hat jedoch vor dem fran- 
zösischen noch unbedingt den Vorzug, und ungewohnte Fremd- 
wörter werden durch gleichbedeutende deutsche verständlich ge- 
macht. Errst vom ı7. Jahrhundert ab wird das französische 
Fremdwort bestimmend für die ganze Stilbildung; wie der 
Büchernarr, von dem Christian Weise erzählt125, sich nur durch 
ausländische Bücher imponieren läßt, so vermochte eine schlichte 
14 4. Hauffen, Johann Fischart. Leipzig-Berliu 1921, 162. 

125 Christian Weise, Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. 1673. 


Kap. III. Hg. von Braune, Halle 1878, S. 28. 
7* 


100 Stil und Begriffswelt 


deutsche Prosa nicht mehr auf die Leser zu wirken; noch tief 
im ı8. Jahrhundert klagt Rabener: „Deutsch ist ein Schimpf- 
wort. 126 So stellt sich das Siegfriedbuch als typisches Er- 
zeugnis seiner Zeit dar: der Held ist ein cavalier, es ist die Rede 
von ausmundiren, comitat, salvieren, consens, und in die Melu- 
sine des ı8. Jahrhunderts haben sich französische Bestandteile 
wie banquet, salviren, incurabel, adjeu, messieurs eingeschlichen. 
Für diese späte Zeit ist das Fremdwort conditio sine qua non, 
und die Volksbücher, die sich aus früheren Jahrhunderten ın 
sie herüber retten, müssen es sich gefallen lassen, daß Stil 
und Formgebung im Geist der neuen Zeit abgeändert werden. 
Diese formale Gebundenheit127 der Volksbücher ist nur aus 
dem ungemeinen Autoritätsgefühl der Zeit verständlich: ent- 
stammt doch auch dieser Epoche Nürnbergs „schöner Brunnen“, 
der die Bildnisse je der drei frömmsten Christen, Juden und 
Heiden zeigt, neben denen die sieben Kurfürsten stehen, daz es 
war sei. So erhalten die vielen Verweise auf die Quellen und 
Vorlagen, wirkliche und erdichtete, ihre eigene Bedeutung: einmal 
in den Text gebracht, um den Leser im sicheren Glauben zu 
wiegen, erben sie sich von Auflage zu Auflage fort und bilden 
schließlich auch für den Neubearbeiter Beruhigung und Rechtferti- 
gung. Randnotizen wie als man in kroniken findet, als man das in 
seiner legende und andern cronicken vindet (Herzog Ernst) sind 
nicht selten; den fabelhaftesten Teil von Fausts magischen Er- 
lebnissen, seine Reise zu den Gestirnen und durch den Himmel, 
gibt der Bearbeiter in einem fingierten Briefe Fausts zum Besten, 
und am Ende der Höllenfahrt heißt es (Hist. 24): diese histo- 
riam vnd geschicht, was er in der helle und verblendung gesehen, 
hat er, doct. Faustus, selbs auffgeschrieben, und ist nach seinem 
todt solch schreiben in einem zettel seiner eigener handtschrifft, 
unnd in einem. buch verschlossen liegendi, hinder jn gefunden 


126 G, W. Rabener, Satiren. 2. Aufl., II. Leipzig 1755, S. 159. 

127 Die andern Stileigentümlichkeiten, die sich bei dem einen oder andern 
Volksbuch zeigen, sind nicht so allgemein, daß sie in einer Charakteristik 
des Volksbuchstiles ihren Platz finden dürften. So sind z. B. in der Melu- 
sine Partizipia häufig: Reymund solches vernehmend, schwur, nebst ihren bey sich 
habenden volk, nach unserm vor augen schwebenden Lande, der sultan dies hoerende: 
im Fortunat, Faust, Eulenspiegel, der Magelone findet sich diese Unart so 
gut wie gar nicht. 


Stil und Begriffswelt IOI 


worden; ein anderes Kapitel beginnt: diese geschicht hat man auch 
bey jm funden (Hist. 25). Montevillas Reisebuch hätte kaum die 
große Verbreitung gefunden, wenn es sich nicht als eigenes Er- 
lebniswerk dargestellt hätte, und der Name des Albertus Magnus 
wird immer wieder auf die Titel medizinischer und naturwissen- 
licher Volksbücher gesetzt. 

Der Gedanke mag nicht fern liegen, daß solche Betonung un- 
umstößlicher Autorität letzten Endes mit dem oft erwähnten 
lehrhaften Geist zusammen hängt, der, abgesehen von dem ein- 
zigen Eulenspiegel, in allen Volksbüchern heimisch ist: so wird 
der Leser doppelt geneigt sein, die sich ergebenden guten Regeln 
zu befolgen. Wenn der Verfasser immer wieder sich unterbricht, 
um zu sagen, was er nun erzählen wird: nun lassent wir herr 
Tristrant em ruwen, und sagen von den flüchtigen zagen, die 
herr Tristrant vor gesehen het oder: damit wir aber wieder auf 
unsere historia kommen (Siegfried), so ist dies zwar einesteils 
ein Beweis für die Subjektivität des Erzählers, für den Leser 
aber wird es ein Mittel zur Spannung und Erhöhung der Auf- 
merksamkeit. Zuweilen wird geradezu die Form der Aufforderung 
gewählt: hie hört wie fraw Isald ir rede mit Brangel anfieng! 
(Tristrant), hört wie ein schentliche und unbescheidene bot- 
schaf das von eim künig was, daz er sich billig geschembt het 
zu bedenken, denn das er es überlaut liess ausrufen (Tristrant). 

So entsteht ein moralischer Ton, der sich über das Ganze 
breitet. Nie wird eine Gelegenheit verabsäumt, zu belehren und 
zu erklären; am Schluß des Faust wird die ethische Folgerung 
gezogen: daraus jeder christ zu lernen, sonderlich aber, die eines 
hoffärtigen, stolzen, fürwitzigen und trotzigen sinnes und kopfs 
sind, gott zu fürchten: ähnlich heißt es am Ende des Fortunat: 
bey diser historia ist tzu vermerken: folgt die lange Moral. Als 
Olivier den Fierabras wappnet, benutzt der Bearbeiter die Gelegen- 
heit, zur Duldsamkeit zu ermahnen: man soll billig acht haben der 
im glauben geschiedenen, die doch allda waren, einander tödlich 
zu bekriegen, dass dieselben einander dienstbar wären... ich 
glaube, es wäre gott sehr gefällig, wenn solche treue unter den 
christen gefunden würde. Der Verräter Johann in den Haymons- 
kindern hält sich selbst lange Moralreden, Fausts erbauliche Be- 
trachtungen über seine eigenen Sünden in seiner Todesnacht füllen 


1023 | Stil und Begriffswelt 


ganze Seiten. Im: .Tristrant wird immer wieder das schöne Bei- 
spiel hervorgehoben: sehent, was wunders würket die liebel. 
seht, wie ein getreüwer diener das was! wer hat ye seins gleichen 
gesehen? Der kleine Ammon, Rengnoldens Sohn, hält viele alt- 
kluge Reden (Haymonskinder), im Fortunat finden sich lehrreiche 
 Exkurse, etwa über die kaiserliche Macht oder über die üppigen 
Bürgerhochzeiten. Allgemein gültige Lebensregeln werden gern 
eingefügt: auch noch ein ytlicher der dem teufel vesticlichen 
widerstat mit ainen ganzen gelauben, der gesigt ime an und 
macht ine fluochtig (Brandan) oder ein qguot hertz mag nut 
liegen wenn die nott kumpt (Haymonskinder). Oder es wird die 
Trefflichkeit des Helden und seiner Welt in wirksamen Gegen- 
satz zur augenblicklichen Zeit gestellt: so treumeinend ist die 
heutige welt nicht gesinnet (Melusine) oder: ich lass mich aber 
wol beduncken: solten yeiz zwey liebhabende menschen nun. 
zwen monat in solcher grosser kumernuss, hunger und armut 
seine, sy möchten das nit erleiden, noch on den tod hykumen. 
Auch ist zu vörchten, ob sich in der welt eines umb des anderen 
willen in solche grosse not gebe, als dise zwey geton haben 
(Tristrant) oder: sie warend nicht so gemein, wie sie (die Weisen) 
jetzunder sind vnter uns, da jder, und gemeinlich die grösten 
thoren vnd narren, wil weyse sein, vnd für klug gehalten werden 
(ebda.). Die Erzählungen der ‚Sieben weisen Meister“ geben sich 
als Lehrbeispiele, und der Brandan führt die guten Werke des 
Judas, die in allen poetischen Bearbeitungen fehlen, den latei- 
nischen Andeutungen folgend, breit aus. Nur zweimal schiebt 
der Bearbeiter des Wigoleis längere Betrachtungen in den Stoff, 
den ihm Wirnt v. Grafenberg darbietet, ein: beide Male handelt 
es sich um lehrhafte Erörterungen über die Frauen, die gegen das 
Urteil, in dem sie bei der höheren Gesellschaft stehen, und 
gegen den Vorwurf der Wandelbarkeit in Schutz genommen 
werden 128, Ähnlich beschränken sich die Hinzufügungen, durch die 
Phyloconio und Eugenia129 die Vorlage erweitern, auf Erklä- 
rungen, und Alexanderbuch wie Tristrant weisen gelehrte Zu- 
sätze auf. Wo der Verfasser seine Belesenheit und sein Wissen 


128 O. Weidenmüller, Das Volksbuch von Wigoleis vom Rade. S. 39. 
129 H. Ullmann, Das Volksbuch von Phyloconio und Eugenia. Euphorion XIV 
(1907), $. 58gfl. 


Stil und Begriffswelt 103 


anbringen kann, da tut er es gerne; im Barbarossabüchlein 
heißt es von Eckart: und seiner nachkomen ligt ainer zuo Strau- 
bing im Frawenprudercloster begraben, es folgen dann nähere 
Berichte über die Herzöge von Baiern, Anekdoten über sie u. a., 
das gar nicht zum Stoffe gehört; die Vorrede der Melusine be- 
ginnt mit ‚Aristoteles. Solche Lehrhaftigkeit liegt in der Zeit: auch _ 
in Frankreich schwillt der Roman im ı5. Jahrhundert zum end- 
losen Lehrbuch an130, und Sebastian Frank hängt an sein 
Germaniae Chronicon (1531) moralisierende Anmerkungen an13l. 
Der fromme Schlußsatz, der zum Gebet auffordert und den 
Segen des Himmels für Autor und Leser erfleht, ist vielen 
Volksbüchern gemeinsam. 

Daß in solchem Umkreis ritterliches Wesen keine Heimstatt 
finden kann, liegt auf der Hand. Im Fortunat erhält der Held 
vom König die Erlaubnis, die Hochzeit in seinem eigenen Hause 
abzuhalten, mit der Begründung: ich wolt es darumb thun, das 
graff Nimian vnnd dir desterminder kosten: so wird höfische 
Sitte und Regel nach bürgerlichem Geldstandpunkt gemessen 
und bewertet. Es ist nicht nebensächlich, daß zur gleichen Zeit 
die Naturwissenschaft die Führung unter den Wissenschaften 
übernimmt132: der tiefere Sinn für Poesie und Wunderwelt 
geht verloren, Faust muß seinen Traubenzauber (Hist. 43) in 
breiter, lehrhafter Darstellung naturwissenschaftlich erklären. 
Wenn es in der Melusine heißt: das ist kriegsgwonheit: einest 
gat es eim ubel, anderst wol, so zeigt der Bearbeiter in diesen 
Worten den gleichen bürgerlich-unkriegerischen Geist wie etwa 
der Prosaist des Tristrant, der ausruft: ach waffen des grossen 
morts! mir tuts selb wee, das er so gar mortlich verraten ist 
worden. Ä 

Der Begriff der mäze ist längst verschwunden. Wie mit dem 
Schwinden der höheren gesellschaftlichen Bildung und ästhe- 
tischen Lebensgestaltung die Geselligkeit ihren bezeichnenden 


180 H. Morf, Die romanische Literatur. Kultur der Gegenwart I, ıı, ı (1909), 
S. 160. 

131 F. Gotthelf, Das deutsche Altertum in den Anschauungen des ı6. und 
ı7. Jahrhunderts. Forschungen zur neueren Literaturgeschichte, XIII (Berlin 
1910), S. 17. 

182 H. Thode, Luther und die deutsche Kultur. München ı914, S$. 5ı. 


ıoh Stil und Begriffswelt 


Massencharakter gewinnt133, wie die materielle Stadtkultur ihre 
höchsten Ziele in Kleider- und Speiseluxus sieht134, so werden 
Worte wie onmassen, über die massen geradezu charakteri- 
stisch für die Volksbücher. Wendungen wie über die massen 
ritterlich (Melusine), erschrack über die massen (Siegfried), 
ergrimmel... auss der massen sehr (Haymonskinder), dies 
währte an vier wochen, daß die von der tafelrunde also 
niedergelegt würden, daß es über die massen war (Wigoleis), er- 
schracken sie abermaln bey sich selbest hefftig, mehr dann 
vber alle massen gantz grausam sehr (Lalebuch) wären im ritter- 
lichen Epos undenkbar. Im Herzog Ernst ist von einem über- 
hüpschen son, einer wol gezierten Mauer, einem übermaisterlich 
grossen marbelstainen sal, der unaussprechlichen gezieret ist, die 
Rede; wo im Brandangedicht aie Verse stehen (v. 631 {f.): 


die griefen an den kielen 
uf die töden vielen 
aldä sie lagen scharaft, 


gibt der Roman die Stelle mit den Worten wieder: fieln dy 
greiffen on zale in die kiel und namen und furten dy leüt hin- 
wegk und assen sy. 

Mit dem Verfall der Burgen geht der Verfall des Rittertums 
Hand in Hand: der Adel residiert in der Stadt135, und die Tur- 
niere sind schon gegen Ende des ı5. Jahrhunderts kaum mehr 
als gesellige Zusammenkünfte des Adels. Maximilian versucht 
zwar, sie neu zu beleben, aber mehr als Geschicklichkeitskämpfe, 
für die er Preise ın barem Gelde als „Dank‘‘ aussetzt, kann auch 
er nicht aus ihnen machen136. Der Narr spielt bei solchen 
Kampfspielen eine große Rolle137, hält doch auch der Adel 
Turnierscherze, sogenannte „Schimpfrennen“ ab133; in einem 
188 G, Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur. II2, S. 99. . 
184 G. Steinhausen, Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter. Wissen- 
schaft und Bildung 88 (1921), S. 128. 

185 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur. II? S. 5. 

186 4. Schulz, Das häusliche Leben der europäischen Kulturvölker vom Mittel- 
alter bis zur zweiten Hälfte des ı8. Jahrhunderts. München-Berlin 1903, 
S. 348. 

187 ji Nick, Die Hofnarren, Lustigmacher, Possenreißer und Volksnarren. 
Stuttgart 1861, I 76. 

188 R. Gende, Hans Sachs und seine Zeit. Leipzig 1894, S. 115. 


Stil und Begriffswelt 105 


seiner Schwänke spricht Hans Sachs von der vollen brüder thur- 
nier; es ist nur noch ein Schritt bis zu den Festmaskeraden, als 
die uns die ritterlichen Kampfspiele im ı6. Jahrhundert ent- 
gegentreten. Die bürgerliche Geschmacks- und Interessenwelt 
schlägt auch den Adel in ihren Bann — so heißt es in der 
Zımmernschen Chronik: iczunder so lassen wir unsere berg- 
heuser abgeen, bewonnen die nicht, sondern vilmehr befleissen 
uns in der ebne zu wonnen, damit wir nahe zum badt haben —, 
damit haben ritterlicher Geist und Lebensform ihre Hauptstütze 
verloren. 

So ist die Welt, die uns die Ritterromane vorführen, um nichts 
erfüllter von ritterlichem Wesen als die der Volksromane, die 
sich ganz auf die Darstellung bürgerlicher Kreise beschränken: 
Fortunat, Eulenspiegel, Faust, Schildbürger, Ahasver. Von der 
Vorliebe für die „Ohnmasse‘“‘ war schon die Rede; die mannig- 
fachen Übertreibungen gehören zum gleichen Kapitel, so, wenn 
es im „Heiligen Karl“ heißt: und kam so vil volkes, das etlich stet 
gar ler würdent, oder wenn in den Haymonskindern die Helden vor 
Schmerz, Zorn, Freude ständig unsinnig werden; Haymon umarmt 
seinen Sohn Reinhold so zärtlich, daß diesem die Nase blutet; 
um Reinholds Größe anschaulich zu steigern, läßt das Volks- 
buch den Vater Haymon beim Ritterschlag auf ein Bänkchen 
steigen, weil er sonst zu klein wäre; als Florigunda sich vor den 
dreizehn Mördern fürchtet, beruhigt sie Siegfried mit den 
Worten: seyd zufrieden, allerliebste, die beissen uns nicht — das 
sind Ansätze zum Scherz, aber wie unritterlich fallen sie aus! 
Beim Drachenkampf schwitzt Siegfried furchtbar, bei einer an- 
deren Gelegenheit fürchtet sich Florigunda so, daß ihr der 
angsischweiss übers gesichte lieff. Der Kaiser Karl der Haymons- 
kinder wird gantz rott von zorn und schwartz wie ein koll, und 
im gleichen Buch hat einer so gros leyd im hertzen, das er 
schier ab sinem pfert fiel. Bei Eilhard v. Oberge heißt es 
(v. 2345£.): 


her lüz on im reichin, 
daz was ein bose zeichin, 


daraus macht das Volksbuch: und gieng darmit do das verflucht 
unselig getranck stonde... bracht ym das; in der Melusine bringen 
die Diener ihren herrn den grafen todi mit sich, welches sehr 


106 Stil und Begriffswelt 


erbärmlich aussahe; Siegfrieds Kraft wird dadurch erläutert, 
daß erzählt wird, wie er die erschlagenen Löwen und Bären auf 
Bäume hängt, dann das war sein gebrauch. Haymon ergriff in 
der eyl einen bengel, vnnd schlug den verräter, dass er starb; 
als im Fierabas Kaiser Karl den Roland auffordert, mit dem 
Titelhelden zu streiten, wird Roland grob, darauf schlägt Karl 
ihm den goldbeschlagenen Handschuh über die Nase, daß sie . 
blutet. Bezeichnend ist es auch, daß im Wigoleis Gawan von 
Flores nicht durch Ritterlichkeit, sondern durch kraft der steine 
und zauberei überwunden wird. Als in den Haymonskindern Jo- 
hanns Schwester den Verräter umarmen will, schützt dieser Zahn- 
weh vor, um der Liebkosung zu entgehen; wie unritterlich ıst das 
alles gedacht! Hierher gehört auch die Freude an derben Schimpf- 
wörtern: ir sind nit einer puschlen strow wertt, sagt Haymon zu 
Reinold, ein andermal heißt es: sy thettend als die affen, die 
da singend das jar, so sy sterben sond; Wörter wie hurensohn 
und lecker sind besonders beliebt. Andolosia, Fortunats Sohn, 
kam also zu hauss mit liebe beladen fester dann ain kämelthyr 
das pfeffer auss India gen Alkeyro tragen muss, denen man 
tzumal schwär sam auff legt, und Magelone sagt zu ihrem Ge- 
liebten: ach edelster Peter — fürwar jr seyt der greulichste 
mensch auff erden, der je von einer mutter geporen ward. In 
der Melusine ist die Rede von einer schweinsbestia, und die Sie- 
gesfreude gediehe ihnen (den Türken), wie dem hund das gras- 
fressen; das Siegfriedbuch liebt schnarcher als Scheltwort. In 
den Haymonskindern sagt Haymon zu Reinold: far hin, du essel, 
gott verflueche dich, und ein französischer Ritter äußert zum 
Helden des öftern: du byst ein nar. Hält man schließlich noch 
dazu, wie verächtlich die Frauen dargestellt und behandelt 
werden — das Lalebuch spricht vom geschnatter und geschwetz 
der Weiber; als Haymon dise redt hörde von seiner haussfrawen, 
schlug er sie ins angesicht, dass sie dar nider fiell; im Faust ist 
die Frau nur Geschlechtswesen — so ermißt man vollends, wie weit 
die Welt der Volksbücher vom ritterlichen Ideenkreise entfernt ist. 
Daß Bearbeiter und Verfasser die höfische Literatur nur sehr 
ungenau kennen, ist eine Beobachtung, die gut zu den bisherigen 
Feststellungen stimmt; nur so ist es möglich, daß im Wigoleis 
der Dichter der Vorlage als Grafcuperg, im Tristrant als Filhart 


Stil und Begriffswelt ' 107 


von Obret angegeben werden kann. Schreibt doch in jener Zeit 
(nach ı4ı12) Johannes Rothe seinen gereimten Ritterspiegel ohne 
Kenntnis der höfischen Dichterwerke; was Wunders, daß ihm 
das höfische Ethos abgeht139. 

So läßt sich in den Volksbüchern zweierlei beobachten: einmal 
die Neigung, ritterliche Schilderungen zu übergehen — im 
Tristrant heißt es: aber was soll ich sagen von den kleidern und 
kostlicher getzierde oder kleinet oder auch yegkliches besunder 
nennen. man weiss wol, das an der künig höffen sind geziert und 
kostlichkeit, die uns gar fremde zu nennen und unglaublich 
sind — andernfalls aber eine Lust an der Darstellung von Auf- 
zügen und Gepränge, die wiederum nur der bürgerlichen Sucht 
zu glänzen entspricht. Wie die Städter in jener Zeit in ihren 
„Gesellenstechen“ die adligen Turniere mit stumpfen Lanzen 
nachahmen #0, so zeigen diese Bücher alle ein ängstliches Be- 
streben, im Zeremoniell nichts zu versäumen; es ist dasselbe 
Jahrhundert, in dem Titel und Anrede zu den wichtigsten Dingen 
des Briefes gehören!#!1, in dem die Grenzen zwischen „Du“ 
und „Ihr“ genau festgelegt und die vertraulichen Kreise des 
„Du“ stark eingeschränkt werden!#2, Die Beschreibungen der 
Kinder, Waffen, Wohnungen, an denen das Epos seine Lust 
hatte, werden gern beschnitten oder gekürzt — Tristrant und 
Wigoleis mögen als Beispiel dienen —, die Darstellungen von 
Festen, Aufzügen, Schaustellungen erfahren im Gegenteil eine 
Verbreiterung und Ausmalung. So entsteht ein gewisser Typ 
des prunkvollen Festes, das der Faust nicht anders schildert 
als die Melusine, der Fortunat nicht bürgerlicher als der Fierabas; 
wir fühlen uns an die gleichförmige Darstellung der gleichen _ 
Dinge im Volksepos erinnert und sehen mit Friedrich Panzer 
ın den sich bei solchen Gelegenheiten ständig wiederholenden 
Holzschnitten gern eine wesensgleiche Parallele143. Die Erzählung 
erhält auf diese Weise leicht eine gespreizte Würde, einen steifen 
189 J. Petersen, Das Rittertum in der Darstellung des Johannes Rothe. Quellen 
und Forschungen ı06, Straßburg ı919. 

140 R. Genee, Hans Sachs und seine Zeit, S. ı10fl. 
141 G, Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. I zı, 44. G. Ehrismann, 
2. £. d. Wortf. 3/4. 


142 Steinhausen, Brief I, 45f. 
148 F, Panzer, Das altdeutsche Volksepos. Halle ı903, $. 13. 


108 Stil und Begriffswelt 


Ton, der z. B. im Alexander oder im Olivier und Artus stellen- 
weise den Fortgang der Schilderung erdrückt. Damit hängt eine 
durchaus unritterliche Verachtung anderer Stände zusammen. Worte, 
wie die des Königs im Fortunat: sähe lieber, er hett ain edlen 
gemahel dann ain peürin vnd wurd mich verdriessen, söllte ain 
ungebornes weibss bild den palast besitzen vnnd darinn wonung 
haben, sind bürgerlich empfunden und gedacht; für den Ritter 
alten Schlages kommt eine solche Möglichkeit gar nicht in Frage. 

Man hat oft betont, daß der eigentliche Wert des Volksbuches 
für seine Zeit ın den Tatsachen, die es erzählt, bestehe 144, und hat 
von einer „stoffhungrigen Epoche‘ gesprochen, die über dem 
erlebnismäßigen Inhalte Form und inneren Gehalt vergessen habe. 
In bedingtem Sinne ist das sicher richtig; nur so erklärt sich der 
Übergang von der gebundenen zur ungebundenen Rede (Kap.TI). 
Andererseits aber muß die Einförmigkeit der Romane, deren einer 
kaum etwas anderes erzählt als der andere, zum Zweifel anregen; 
was findet der Leser im Loher an neuem Stoff, das er nicht 
schon in ähnlicher Form aus dem Fierabas kennt, was erlebt 
Wagner im Grunde anderes als Faust, wie unterscheidet sich 
Hans Clauert von Eulenspiegel? Diese Einheitlichkeit ist durch- 
aus nicht etwa nur dem modernen Menschen fühlbar, sie emp- 
finden Autor und Leser der Volksbuchzeit nicht anders; im Sieg- 
friedbuche heißt es: wer aber von dergleichen ritterlichen stechen 
lust und liebe zu lesen hat, der findet solches im Kayser Octaviano, 
schönen Magelona, oder Peier mit den silbern schüsseln, weissen 
ritier, herr von Mümpelgart, herr Christopher genannt, Hugo und 
in sonderheit im Ritter Ponto, und andern mehr, dahin ich‘ den 
leser will gewiesen haben und an anderer Stelle: solches alles zu 
beschreiben ist nicht mein vorhaben, die historie damit zu ver- 
längern, ist auch unnötig, sintemahlen dergleichen ritterspiele in 
vielen hisiorien beschrieben; von seinem eigenen Stoff erklärt der 
Bearbeiter im Hinblick auf den Wigoleis: fast dergleichen ist 
folgende historia. Die Kapitelüberschriften, die sich aus einstigen 
Holzschnitterläuterungen entwickelt haben, sind häufig so aus- 
führlich, daß sich eine Lektüre des Kapitels für den, der Stoff 
sucht, erübrigt; zudem sorgt der Verfasser selbst durch ständige 


14 So z. B. R. M. Meyer, Die deutsche Literatur bis zum Beginn des 19. Jahr- 
hunderts?. Hg. von O. Pniower. Berlin 1920, S. 215. 


Stil und Begriffswelt 109g 


Hinweise auf spätere Ereignisse dafür, daß der Leser keine großen 
Überraschungen erlebt: dadurch ward ir tot gelengert und auch 
durch andere geschicht hernach volgende (Tristrant); aber er 
hat des hungers wohl besser gewohnen müssen, als er seine 
gröste abentheuer ausstehen müssen, wie man hernach hören 
wird (Siegfried); der ungetreue riese (dann er seinen eid, den 
er geschworen, nicht lange gehalten, wie man hören wird) 
(ebda.); wann er kam sy darnach auch erbemklichen umm, das 
was der lon, den er darumm empfieng, als ir hören werdend 
(Haymonskinder); also nam er freundlich urlaub von seiner 
lieben frau, die er hernach nimmer wieder sah (Wigoleis). Zur 
Charakterisierung des Fierabras werden im ersten Absatz Helden- 
taten angeführt, von denen das Buch erst erzählen soll; Wickram 
hat die Neigung zu solchen vorausdeutenden Formeln von den Volks- 
büchern gelernt1#5. Es ist also mehr die Freude am Abenteuer- 
‚lichen, Aufregenden an sich, was die Volksbücher beliebt macht, 
weniger die Lust am neuen Stoff als die am bekannten; der 
Grieche, dem sein Homer am nationalen Feiertag öffentlich vor- 
gelesen wurde, wollte ebensowenig Neues hören wie der Leser 
des ı6. und ı7. Jahrhunderts, der nach der Lektüre des Okta- 
vianus zum Alexander griff. 

Von solchen Gesichtspunkten aus gesehen, bilden die Volks- 
bücher ein einheitliches Ganzes; Stil und Begriffswelt sind ihnen 
gemeinsam, und das Publikum macht keinen Unterschied zwr- 
schen Volksroman und volkstümlichem Roman. Die Verschieden- 
heiten, die diese Trennung notwendig machen, liegen mehr in der 
inneren als in der äußeren Formgebung, mehr im Stoff als im 
Stil, mehr in der Herkunft als in der Beliebtheit beim Publikum. 


145 G. Fauth, Jörg Wickrams Romane, S. 80. 


IV 


 Volksroman und volkstümlicher Roman: 
Trennendes der inneren Struktur 


ER augenfälligste und bestimmendste Unterschied, der eine 

Scheidung der Romanbücher in Volksromane und volks- 
tümliche Romane bedingt, liegt in ihrer verschiedenartigen Ent- 
stehung, ihrer Herkunft aus zwei einander fremden Welten: jene 
sind im großen und ganzen Sammlungen volkstümlichen Er- 
zählungsstoffes, diese fertige Werke aus einem Guß, jene sind in 
Stoff und Gedanken deutsch, diese entstammen anderssprachlichen 
. und andersveranlagten Ländern. So hat das Volk an jenen einen 
größeren Anteil als an diesen, die es in der Form, in der es sie 
fort überliefert, aus den Händen der Oberschicht erhält; dort 
findet es Dinge wieder, die es selbst geschaffen hat, die bei ihm 
Heimatsrecht haben wie Sage, Schwank und Märchen, hier wird 
es in eine Welt geführt, die ihm zwar begehrenswert und vorbild- 
lich, aber doch wesensfremd ist. 

Es wäre nun doch verfehlt, die Volksromane schlechthin als 
„gehobenes Primitivgut“ zu bezeichnen. Ihrem Stoff nach sind 
sie es, aber unter der Hand ihrer Bearbeiter werden sie zu Er- 
zeugnissen der Oberschicht: wie das Publikum nicht zwischen 
ihnen und den volkstümlichen Romanen unterscheidet, so ist 
der Typ des Verfassers beiden Gattungen gemeinsam. Er ist 
durchaus nicht immer namenlos!, aber er bleibt ohne jede per- 
sönliche Note, gleichgültig, ob er sich nun Thüring von Ringol- 
 tingen, Veit Warbeck oder jch vungenannt (Tristrant) nennt. Das 
empfindet er auch selbst; das ich meinen namen, heißt es in der 
Vorrede zum hochdeutschen Reinecke Fuchs, nicht auff das buch 
gesetzt, ist nicht darumb geschehen, das ich mich des buchs oder 
der arbeit schäme, oder etwas vnzimliches darinn wisse, sondern, 


1 wie F. Pfaff, Der älteste Tristrantdruck. Germania 30, S. 39 behauptet. 
? Gedruckt 1545 bei Cyrianis Jakobus in Frankfurt a. M. 


Trennendes der inneren Struktur I1I 


das ich bekenne, das ich der gantzen glosen erfindung kein author, 
sondern nur etwas darzu gethon, eiwa dauon wie oben gemeli 
und sunst mich nach des sechsischen glossators ordnung fast ge- 
halien, vnd jm der wegen seine arbeit nicht stelen wollen, vnd 
das auch derselb seinen namen nicht gemelt, so hab ichs auch 
vmb der version willen nicht thun wöllen, weil ichs nicht darum 
geihan, dass ich einigen namen oder ehr damit suchen wölte, 
sondern mir vnd andern nutzie; so denken die namenlosen 
Bearbeiter alle. Es ist für die Volksbuchfrage an sich neben- 
sächlich, ob der Verfasser des Schildbürgerbuches ein hochge- 
stellter Wittenberger Jurist, wie man nachzuweisen gesucht hat, 
ob der Faustautor ein lutherischer Pastor oder nur ein glaubens- 
starker Protestant ist, ob der Bearbeiter des Wagnerbuches Frie- 
dericus Scotus Tolet, wie er sich nennt, geheißen hat oder nicht: das 
Juristische Element im Lalebuch, das protestantische im Faust ist, 
so bestimmend es dem Werke seinen Charakter aufdrückt, doch 
nicht das wichtigste Erlebnis, das der Leser sucht und findet. 
So entsteht ein Typ des Volksbuchverfassers, seine Zugehörigkeit 
zur Oberschicht betont jeder Autor durch ständige gelehrte No- 
tizen und Bemerkungen: Haymon vergleicht Reinold mit Hektor 
von Troja, Herzog Ernst wird mit Judas Makkabäus in Paral- 
lele gestellt, der Faustbearbeiter betont seine wissenschaftliche Me- 
thode: hab auch nicht unterlassen bei gelehrten und verständigen 
leuten nachzufragen, das Lalebuch glänzt durch griechische und 
historische Remiscenzen, die Melusine beginnt mit Aristoteles’ 
Metaphysik, der Verfasser des Wagnerbuches möchte gern spa- 
nischen Ursprung vortäuschen, der vom Herzog-Ernst-Roman zeigt 
gerne seine Bibelbelesenheit, der des Wigoleis erweist sich gut 
vertraut mit der Epik der Blütezeit. Es bleibt ein bescheidener 
Scherz, wenn der Bearbeiter des Lalebuches von sich behauptet, 
er habe bissher mehr flegel, bickel, hawen, schauffel, kärst 
und pflüg in händen, als schreibfedern hindern ohren gehabt und 
fortfährt: und ist es jmmer schad, dass nit davon ein gelehrier 
sich vorlenget darüber gemacht*. Wie diese zur Schau getragene - 


8 E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg, der Verfasser des Schildbürger- 
buches. Wolfenbüttel 1890. 

4 W. Grimm a Schriften, II, Berlin 1882, S. 6ı) erteilt ihm das Lob: 
„Die Arbeit ist... in sehr geschickte Hände geraten.“ 


113 Trennendes der ınneren Struktur 


Gelehrsamkeit einer kritischen Prüfung standhält, ist freilich eine 
zweite Frage: Übersetzungsfehler sind oft gemacht worden, so- 
wohl aus der Fremdsprache ins Deutsche, wie aus dem nieder- 
deutschen in den oberdeutschen Dialekt (Eulenspiegel), und auch 
für jene Zeit überholte Anschauungen wie die im Fortunat: Aly- 
bernia, ist gar noch am end der welt und nit weit von Sankt 
Patricius fegfür auf dem veld verr von den leüten findet man 
sehr häufig, besonders in dem verhältnismäßig späten Faust. Der 
prinzipielle Unterschied, der zwischen Volksroman und volkstüm- 
lichem Roman besteht, wird durch diese Stellungnahme der Ver- 
fasser nicht entkräftet: es ist selbstverständlich, das zur Aufzeich- 
nung eines Werkes kein Ungelehrter, Ungebildeter befähigt ist; 
das Hauptgewicht liegt auf der Wahl, nicht auf der Gestaltung 
des Stoffes ®. 

Die Verfasser der Volksromane greifen zu einheimischen, schon 
vorhandenen Stoffen, um sie zu einem Werke auszugestalten; wo 
das Material mangelt, suchen sie sich Ergänzung bei anderen Wer- 
ken oder erfinden selbst den einen oder anderen Zug zur Ab- 
rundung. Daß im Fortunat die Verhältnisse ebenso liegen wie bei 
Eulenspiegel oder Faust, ist eine verhältnismäßig späte Ent- 
deckung?; man hat lange versucht, seinen Ursprung in fremden 
Ländern, sei es nun England, Spanien oder im byzantinischen 
Osten, zu suchen, bis man in ihm Märchen und Sagenmotive wie- 
derfand, die deutschem Kulturkreise angehören. Die Beobachtung 
der Uneinheitlichkeit des Werkes bot den ersten Anstoß: deutlich 
sind verschiedene voneinander unabhängige Stoffe aneinander- 
gekuppelt, ohne daß die Risse zwischen den einzelnen Teilen ge- 


Ringoltingen übersetzt z. B. fontaine de soif durch durstbrunnen, ohne afrz. 
soif = Gehege zu kennen; der Fehler zieht sich durch alle Volksbücher hin- 
durch; vgl. X. Biltz, Zur deutschen Bearbeitung der Melusinasage. Festschrift 
für Rudolf Hildebrand. Leipzig 1894, S. ı. 

6 Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S. 70, betont im Gegensatz dazu: 
„Man sieht, es kam nichts aus dem Volk heraus, sondern alles ins Volk 
herab®; schärfer noch betont dieses Verhältnis H. Naumann, Grundzüge der 
deutschen Volkskunde. Wissenschaft und Bildung, ı8ı. Leipzig 1922, $. ıı2. 
Schon G. G. Gervinus (Geschichte der deutschen Dichtung 5, Leipzig 1871, 
$. 538, 543) legt zu großes Gewicht auf die Gelehrsamkeit der Verfasser der 
Volksromane. | 

7 H. Günther, Zur Herkunft des Volksbuches von Fortunatus und seinen Söhnen, 
Phil, Diss. Freiburg 1914. 


Trennendes der inneren Struktur 113 


nügend verwischt sind. An die Geschichte von Fortunat schließt 
sich die selbständige Erzählung der Taten seiner Söhne an; zur 
Geschichte vom Glückssäckel fügt sich die vom Flughütlein; 
mitten in die Jugenderlebnisse Fortunats ist die Begebenheit von 
Heronimus Roberti und Andrean eingefügt, die für den Helden 
völlig bedeutungslos bleibt. Die Quelle der Andolosiasage ist 
im ı20. Kapitel der Gesta Romanorum gefunden, dessen Erzäh- 
lung mit Märchenmotiven umkleidet wird; „der Wortlaut des 
Volksbuchs klingt fast wie eine freie Übersetzung‘.® So stellt 
sich uns das Fortunatbuch als eine Sammlung volkstümlicher und 
bekannter Motive dar, die vom Bearbeiter zwar in eine bestimmte 
Form gegossen werden, an denen dieser aber weder durch die 
Betätigung seiner Phantasie noch seines dichterischen ap 
irgendwelchen Anteil hat. 

Deutlicher wird dies Verhältnis beim Eulenspiegel. Sehr wahr- 
 scheinlich hat es einmal einen Menschen seines Namens gegeben, 
ım Braunschweigischen wird er gelebt haben; durch Schlagfertig- 
keit und Mutterwitz ist er berühmt geworden: nun er tot ist, 
schließt sich an ihn die schwankfreudige Fabulierlust des Volkes 
an, er wird zum sprichwörtlichen, vorbildlichen Narren, sein 
Name wird Gattungsbegriff zunächst für eine ganz bestimmte 
Art von Witzen (figürliche Ausdrücke wörtlich zu nehmen), dann 
für alle Schalksstreiche überhaupt. So war Wilhelm Grimm von 
seinem Standpunkt aus berechtigt, hier ein Stück Mythenbildung 
wahrzunehmen: ‚Derjenige aber war berufen, den Mythus oder 
die Sage besonders aufzufassen, in dessen Natur dazu eine eigene 
Empfänglichkeit gelegt war. In ihm ward wieder lebendig, was 
die Tradition verliehen..., sodann aber, was das Individuum 
nicht getan oder in ihm nicht zur Äußerung gelangen konnte, 
ward ihm dennoch zugegeben aus dem alten Schatz. Dazu kam 
endlich das, worin das eigentümliche Leben des Einzelnen sich 
kund gegeben, wodurch die Tradition besonders gefärbt und aus- 
gedehnt wurde.“ ? Richtiger und klarer faßte Gervinus den Eulen- 


8 ebda., S. 26. 

9 W. Grimm, Kleine Schriften, II, 74. Ähnlich faßt auch R. Benz (Die deut- 
schen Volksbücher, S, 2) Eulenspiegel als mythologisierten Menschen auf. 
R. M. Meyer (Die deutsche Literatur bis zum Beginn d. 19. Jh. Berlin, S. 214) 
faßt ihn als ein „Stück“ Heldensage. 

Mackensen, Die deutschen Volksbücher 8 


ı14 Trennendes der inneren Struktur 


spiegel als den „personifizierten Schwank, das komische Beispiel 
unserer Alten“ 10; der Witz der wandernden Handwerksburschen 
und des werktätigen Volkes ist der seine; die Einfälle, die er 
hat, kann jeder witzige Handwerksgeselle einmal haben, was er 
erlebt, kann jeder erleben. So häuft sich die Fülle der Anekdoten 
und Scherze auf ıhn, die im Volke umläuft; wir wissen vom 
Märchen her, daß es dem Volke beschwerlich fällt, seine Hel- 
den bei Namen zu nennen: ist einmal ein Name vorhanden und be- 
kannt, wird er für alles, was ihm ähnelt, verwandt. Der Verfasser 
des verlorenen niederdeutschen Eulenspiegels hat nichts anderes zu 
tun, als ein paar Handvoll solcher Geschichten, die unter dem 
Namen Eulenspiegels umlaufen, zu sammeln und aus ihnen eine 
Lebensgeschichte zusammenzubauen, die er unter einheitlichen 
Gesichtspunkt stellt; aber der Rahmen seines Werkes ist so leicht 
wie möglich gefügt, es kann eingefügt oder herausgenommen wer- 
den, ohne daß das Gebäude zerrissen wird; legt doch schon der 
Bearbeiter der hochdeutschen Ausgabe (1515) Geschichten vom 
Kalenberger und Pfaffen Amis zu, ohne daß die Einheitlichkeit 
des Werkes merkbar gestört wird. Wir haben es also nicht mit 
„der Gattung des humoristischen Abenteuerromans“, der eine 
starke Annäherung an die sogenannten Schwanksammlungen auf- 
weist, zu tunll, sondern im Gegenteil mit einer Schwanksamm- 
lung, die sich zum Abenteuerroman zusammenfügt. 

Ähnlich steht es beim Faust. Eine Person seines Namens hat 
sicher gelebt; um ı490 mag er in Knittlingen im Fürstentum 
Simmern geboren sein. 1509 wird er Bakkalaureus!1?2. Ein fah- 
render Astrolog und Magier, stellt er um 1520 dem Fürstbischof 
von Bamberg, Georg Schenk von Limburg, die Nativität und 
erhält dafür zehn Gulden Verehrung!3, Philipp von Hessen er- 
wähnt ihn zwanzig Jahre später mit anerkennendem Lobe als 
Kalender- und Sternkundigen1#, in Huttens Kreise muß er, einem 
etwas älteren Briefe des Joachim Camerarius (vom ı3. VII. 
11 wie F. Brie, Eulenspiegel in England. Berlin 1903, S. 69 will. 

12 K. Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig 1893, S. 3 ff. 
13 J. Mayerhofer, Faust beim Fürstbischof von Bamberg. Vierteljahrsschrift 
für Literaturgeschichte III (1890), S. ı77f. 


14 S.Szamatölski, Der historische Faust. Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte 
II (1889), S 156fl. 


Trennendes der inneren Struktur ııd 


1536) zufolge, eine angesehene Stellung innegehabt, ja wahr- 
scheinlich eine eigene kleine Gemeinde von Anhängen um sich 
gesehen haben!5. Scharlatanhaft in allen Sätteln gerecht, ver- 
schmäht er neben ernster Wissenschaft blenderhafte Zauber- 
stückchen nicht; mit ihnen macht er sich beim Volke bekannt 
und beliebt. So wird er der Zauberer, wie Eulenspiegel der Witz- 
bold wurde; was an unglaublichen Anekdoten aus der übersinn- 
lichen Welt von Mund zu Mund geht, wird seinem Namen ange- 
heftet; von den Universitätsstädten, die er besucht, dringt die 
Faustsage in weitere Kreise, die ihrerseits zu den akademischen 
Geschichten hinzufügen, was sie an ähnlichen Begebenheiten 
wissen 16. Wenn Johann Jacob Wecker z. B. in seinen De secretis 
libri XVII (1582) eine Parallele zu Fausts Abenteuer mit den 
betrunkenen Bauern bringt, so sehen wir daraus, daß solche 
Anekdoten schon bekannt sind, ehe unser Volksbuch auf den Plan 
tritt 17, 

Es ist für die Beurteilung des Buches nebensächlich, ob es die 
erste Sammlung von Faustanekdoten oder im Gegenteil nur das 
letzte Glied einer langen Entwicklungskette darstellt, die von 
einem lateinischen Urtext über zwei deutsche Bearbeitungen zu 
ihm führt, wie man nicht eben mit unbedingter Glaubwürdigkeit 
nachzuweisen versucht hat18. So oder so gesehen, stellt sich 
der Faustroman als eine von ungeschickter Hand zusammen- 
gefügte Kompilation dar, die in ihrem dritten Teil, ganz in der 
Art des Eulenspiegels, Zauberschwänke des Helden ohne be- 
sondere innere Verbindung aneinanderreiht, sich aber damit nicht 
genug sein läßt, sondern in zwei einleitenden Kapiteln allerlei 
Material über magische Begebenheiten zusammenhäuft, das ihrer 
protestantisch- und moralisch -tendenziösen Absicht gelegen 
kommt. Das harte Urteil, das Milchsack über das Werk fällt, ent- 
behrt nicht tieferer Begründung: ein roh zusammengewürfeltes 


15 G. Ellinger, Das Zeugnis des Camerarius über Faust. Vierteljahrsschrift für 

Literaturgeschichte, II (1889), S. zı4ff. 

16 R. Petschh Die Entstehung des Volksbuches von Doktor Faust. Germ.- 

Roman. Monatsschrift, III (1911), S. 207 ff., sieht die Universitätskreise (Erfurt, 

Wittenberg, Leipzig, Ingolstadt) allein als Nährboden der Sage an. 

17 L. Fränkel, Neue Beiträge zur Literaturgeschichte der Faustfabel. Eupho- 

rion II (1895), S. 756. 

18 R. Petsch, Die Entstehung des Volksbuches vom Doktor Faust, S. 21ı6ff. 
| g* 


116 Trennendes der inneren Struktur 


Material, roh eingeteilt nach ganz äußerlichen Gesichtspunkten, 
überall Längen und Wiederholungen, Unklarheiten und Wider- 
sprüche gerade an Stellen, wo wir meinen, den faustischen Ge- 
nius hervorbrechen sehen zu müssen, das Ganze übergossen mit 
einer wässerigen moralisierenden Brühe und in einer Sprache, so 
ungelenk und stilistischer Klarheit und Rundung so sehr ent- 
behrend, daß man trotz oft eingestreuter theologischer Brocken 
zweifelt, ob der Schreiber wirklich eine theologische und über- 
haupt eine gelehrte Bildung empfangen habe1!?; diesen Tatsachen 
gegenüber bleiben alle Ehrenrettungsversuche, so temperamentvoll 
und begeistert sie auch geführt wurden, ohne Aussicht auf tie- 
feren Erfolg 20. Der Verfasser sieht seinen Ehrgeiz durchaus nicht 
darin, eine einheitliche Darstellung des Zauberers und Menschen 
zu bieten; die verschiedenartigen Quellen, die er aneinanderfügt, 
stimmen nicht zusammen, so ergibt sich ein zwiespältiges, wider- 
spruchsvolles Bild. Rastloser Philologenarbeit ist es gelungen, die 
unbekümmerte Arbeitsweise des Verfassers fast völlig aufzu- 
decken: wir wissen, woher er das Material für Fausts Reisen 
genommen hat?l, wissen, daß der Lucidarius und andere Werke 
seiner Art Quelle für die naturwissenschaftlichen Stellen sind 22, 
daß er die einzelnen Länder eines nach dem andern nach den 
Kapitelüberschriften von Sebastian Münsters Mappa Europae 
(1536) aufzählt, unter Zuhilfenahme von Jobsts Chrönologia 
(1536) 23, daß die Verse aus der Aurifaberschen Ausgabe der 


19 C, Milchsack, Historia D. Johannis Fausti des Zauberers nach der Wolfen- 
bütteler Handschrift. Wolfenbüttel 1892, S. XIII. 

20 4. Seeger, Das Faustbuch von 1587. Programm des Victoriagymnasiums 
Burg ı905, S. ı3, sieht als Grundmotive die Faustsche Forscheridee: „Ein 
begabter junger Theologe verschreibt sich aus heißer Wißbegier dem Teufel, 
‘ wird von ihm in die Geheimnisse der überirdischen und irdischen Welt ein- 
geführt, bis er nach Ablauf der Vertragsfrist von 24 Jahren dem Satan ver- . 
fällt.“ Er ist besonders beeinflußt von W. Meyer, Nürnberger Faustgeschichten, 
Münchener Sitzungsberichte, Phil.-Hist. Klasse XX, 1897, der $. 37ı dem Volks- 
buchverfasser ziemlich viel Talent zuspricht. „Der Mann hat versucht, ein 
Seelengemälde zu zeichnen.“ 

21 G. Ellinger, Zu den Quellen des Faustbuches von 1587. Zeitschrift für vergl. 
Lit.-Gesch. N. F. (1887/88), S. ı56ff. 

22 S. Szamatölski, Kosmographisches aus dem Elucidarius. Vierteljahrsschrift für 
Literaturgeschichte I (1888), S. 161 ff. 

28 H. Hartmann, Fausts Reisen. Vierteljahrsschrift f. Lit.-Gesch.I (1888), S. 183 f. 


Trennendes der inneren Struktur 117 


Tischreden Luthers 2%, die poetische Stelle von den Adlerflügeln, 
die Faust an sich nimmt, aus Luthers Bibel stammen. Hartmann 
Schedels Chronik liefert theologische, astronomische und geogra- 
phisch-historische Zutaten?5, Hondorffs Promptuarium exem- 
plorum (Ausgabe von 1572) wird benutzt?6, die Liste der Fische 
und Vögel, die Faust herbeizaubert, ist aus dem Dictionarium La- 
tinogermanicum et vice versa germanicolatinum (Straßburg 1535) 
abgeschrieben 2”, Brants Narrenschiff, das Lexikon des Petrus 
Dasypodius?®, Wolf Wambachs Erfurter Chronik 29 sind ausge- 
beutet; eine Historia von Hans Sachs liefert den Beweis, daß die 
erzählten Anekdoten schon bekannt sind. So geht der Verfasser 
weit über das Maß des Eulenspiegelautors hinaus; aber indem 
dieser seine Lesefrüchte mit Geschick dem überlieferten Stoffe 
einfügt, wahrt er die Einheitlichkeit des Ganzen, die bei jenem 
so oft verloren geht. Faust — und mit ihm sein Trabant Wag- 
ner — bildet demnach das Extrem einer Arbeitsmethode, die, ım 
Fortunat angewandt, im Eulenspiegel ihren künstlerischen Höhe- 
punkt erreicht 1. | 

Vorgänge, wie bei Faust und Eulenspiegel, begegnen uns be- 
reits im Volksepos; Karl der Große, Wilhelm von Orange sind 
dort die Namen, unter denen sich die Sagen mannigfaltigster Her- 


4 Stuckenberger, Faustbuchquellen. ebda. I, ı89f.; Fränkel, Entlehnungen im 
ältesten Faustbuch. ebda. IV (1891), S. 361 fl. | 

25 G. Milchsack, Historia D. Johannes Fausti $. XXI. 

26 H. Wendroth, Hondorff als eine Quelle des Faustbuches. Euphorion XI (1904), 
S. zoıff. 

27 Bauer, Faustbuchquellen, Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte I (1888), 
S. ıg0ff. 

28 A. Bauer, Entlehnungen im ältesten Faustbuch. ebda. IV (1891), S. 381 ff. 
29 S. Szamatdlski, Faust in Erfurt. Euphorion II (1895), $. zgff. 

30 E. Schmidt, Faust und Luther. Berliner Sitzungsberichte. Phil.-Hist. Klasse 
1896, I, z85 fl. 

3 Im Gegensatz zu dieser Auffassung sah Kuno Fischer (Goethes Faust$ I, 
Heidelberg ıg01, $. ı5ı) im Faustbuch einen durchaus erfundenen und er- 
dichteten Roman; H. Grimm stellte es als bewußt konstruierte Schöpfung 
(Pendant zu Augustin) dar (Die Entstehung des Volksbuches vom Dr. Faust. 
Preußische Jahrbücher 47, 1881, S. 445ff.): gerade die Zauberepisoden, die 
den eigentlichen Kern bilden, faßte er als jüngste Zusätze auf. Auf die Wider- 
sprüche im Faustbuch machte J. Dumcke (Die deutschen Faustbücher, Phil. 
Diss, Leipzig ı891) nachdrücklich aufmerksam ($. ıı). 


118 Trennendes der inneren Struktur 


kunft sammeln 32. In unserer Zeit stellt sich den zwei besproche- 
nen noch ein drittes Beispiel zur Seite; kein einzelner Mensch, 
sondern eine ganze Gruppe, eine größere Gemeinschaft von 
Personen bildet hier den Sammelpunkt der sich vereinigenden 
Schwänke und Anekdoten, die, wie sich die Eulenspiegelgeschich- 
ten unter dem Oberbegriff einer bestimmten Scherzart, wie sich 
die Faustabenteuer als Zaubereien darbieten, all die Ortsnecke- 
reien, all den Nachbarspott in sich bergen, der zu jenen Zeiten 
von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt getragen wird: es ist das 
Lalebuch, das nun den Bewohnern des sächsischen Städtchens 
Schilda33 die Rolle zumißt, die im Altertum die Tirynthier ein- 
nahmen. Auf dem Titelblatt stehen die Worte: mit Priuilegien des 
Authoris allezeit zu verbessern und zu vermehren, aber nüt nach- 
zudrucken; sie könnten ebensogut über Fortunat, Eulenspiegel 
oder Faust stehen und kennzeichnen jedenfalls Absicht und Stel- 
lungnahme des Bearbeiters zur Genüge. Der eigentliche Leitge- 
danke, unter den er seine gesammelten Schwänke stellen will: 
consuetudo aliera natura wird vom ersten Streich ab durch- 
brochen; mit ihrer ersten, noch bewußt geübten Torheit sind die 
Lalebürger vollendete Narren. So reiht sich Schwank an Schwank, 
Torheit an Torheit; der führende und verbindende Gedanke geht 
verloren; wie bei Eulenspiegel und Faust können spätere Auflagen 
hinzusetzen oder fortlassen, was ihnen beliebt, ohne das Werk 
zu verstümmeln. Die Geschichte braucht nie ein Ende zu haben, 
wie die Fortsetzungen beweisen 3%. 

Diesen Charakter des Werkes hat die Forschung früh erkannt; 
bereits Uhland sieht im Lalebuch ein typisches Beispiel für die 
Umwandlung von Schwänken in den komischen Roman 5. Lange 
vor ihm bemerkt Christoph Langer, daß sich in diesem Buche 
Anekdoten aus Bebels Fazetien und Freys Gartengesellschaft wie- 


82 Vgl. John Meier, Werden und Leben des Volksepos. Baseler Rektoratsrede. 
Halle 1909, S. 7f. 

8 L. Arbusow (Schildbürger in Livland. Vierteljahrsschrift für Literatur- 
geschichte, I, ı888, S. 475ff.) will Bauske als die Heimat der Schildbürger, 
einen Magister Martinus Neydhart als Verfasser erweisen. 

% B. Steiner, Ludwig Tieck und die Volksbücher. Berlin 1893, S. 13. 

3 L. Uhland, Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage II. Stutt- 
gart 1866, S. 568. 


Trennendes der inneren Struktur 119 


derfinden®®, und die neuere Forschung hat als Quellen außer 
diesen beiden die Schwanksammler Montanus, Schumann, Kirch- 
hof und auch Caspar Scheid erwiesen, die der Bearbeiter des 
Lalebuches zum Teil wörtlich ausschreibt37; eigenes hat er 
wie der Faustautor dem Werke nicht hinzugefügt. Er macht 
auch selbst gar kein Hehl aus seiner Arbeitsweise: sagt 
er doch, er habe seine Historien in eyl auffgezwackt, etlicher 
massen in ein ordnung gebracht, und folgender massen verzeich- 
net; seine Berufung auf eine rotwelsche Vorlage sucht lediglich 
die Aufmerksamkeit von den wirklichen Quellen abzulenken und 
so den wahren Sachverhalt zu verschleiern. Die Fortsetzungen 
des Buches verfahren ganz in seinem Sinne; drei Viertel der 
„Hummeln“ z. B. bestehen aus einer Prosaauflösung von Scheids 
Grobianus, von dem nicht nur die Worte, sondern zum Teil auch 
die Verse übernommen werden. 

Neben dieser Feststellung hat die Frage nach Namen und 
Stand des Verfassers nur eine nebengeordnete Bedeutung ®. Sehr 
wahrscheinlich müssen wir ihn in Süddeutschland, am Oberrhein 
suchen; vielleicht ist er Angehöriger der Straßburger Universität, 
jedenfalls katholisch und Jurist. Das Schildbürgerbuch hat einen 
andern, anscheinend mitteldeutschen Bearbeiter??. Jeep hat ver- 
sucht, einen Wittenbergischen Juristen als Verfasser beider Werke 
zu erweisen, der sich, von den Bewohnern Schildas gelegentlich 
einer Visitation gekränkt, durch eine satirische Verhöhnung ihrer 
Gemeinde rächt (Lalebuch) und sie schließlich völlig entlarvt 
(Schildbürgerbuch) 0; um seiner Hypothese sicheren Boden unter- 
zubreiten, muß er ein Entwicklungsschema konstruieren, das 
dem von uns gefundenen genau entgegenläuft: der Antrieb zum 
86 J. Christoph Langer, Verteidigung der Stadt Schilda. Wider die gemeinen 
doch ungebührlichen Auflagen. Frankfurt-Leipzig 1747, S. 9, ı6, 35f. 

37 E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. Wolfenbüttel 1890, S. 21; K. Goe- 
deke, Schwänke des ı6. Jahrhunderts. Leipzig ı879, $S. XXII. 

88 S. Singer, Der Verfasser der Schildbürger. Vierteljahrsschrift für Literatur- 
geschichte I (1888), S. 274ff. bemüht sich um die Entzifferung des Ana- 
gramms, das das Titelblatt bietet, wird aber von E. Schröder, Die Heimat des 
Buches der Schildbürger (ebda., I, 471 ff.) humorvoll abgewiesen. 

89 Das Lalebuch (1597) mit den Abweichungen und Erweiterungen der Schild- 
bürger (1598) und des Grillenvertreibers (1603), hg. von Ä.v. Bahder (Hallesche 
Neudrucke 236— 239; ı914), $. IVfk. 

# H. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. Wolfenbüttel 1890. 


120 Trennendes der inneren Struktur 


Werke sei der Ärger über die Bewohner Schildas gewesen, der 
sich dann in einer Satire Luft gemacht habe; so sei Schilda als 
Narrenort ins Bewußtsein des Volkes übergegangen, dessen dich- 


' terische Tätigkeit nun erst eingesetzt habe. Vergleiche mit Fortu- 


RER OU een; 


nat, Eulenspiegel und Faust lehren im Gegenteil, daß die Samm- 
lung den Abschluß der dichterischen Tätigkeit des Volkes dar- 
stellt; die Lale- und Schildbürgerbücher sind keine ‚„Personal- 
satire‘, nicht „die Revanche eines geistreichen Gelehrten für 
erlittene Kränkung‘ *!, sondern eine Sammlung von bekannten 
Ortsneckereien, die, anfangs an einem imaginären Ort stationiert, 
schließlich an Schilda geheftet werden. 

Diese Technik der Volksromane: aneinanderzureihen, ohne 
großes Gewicht auf die innere Verknüpfung zu legen, zeigt sich 
nicht nur in der inneren Diktion der Werke, in ihrem ganzen 
Wurf, sondern auch in der Art zu erzählen, und hier fast noch 
augenfälliger als dort. Es sind die Kapiteleingänge, die hier 
bezeichnend sind: sie wahren die Verbindung mit der vorhergehen- 
den Historie nur in den seltensten Fällen, sondern haben ihre 
eigene Einleitung, die ihre Selbständigkeit erweist. Im Fortunat, 
der unter den vier Werken noch am stärksten den Charakter des 
einheitlichen Romanes wahrt, findet sich diese Eigenart am 
wenigsten, im Eulenspiegel, der am freiesten von Moralsucht und 
Tendenz ist, ist sie besonders stark. Wir bemerken, daß gern 
Sprichwörter oder Sentenzen an den Eingang seimer Historien 
gestellt werden: recht bewert arziny schücht man zu zeiten vmm 
eins cleinen gelts willen und man mus den landlöfferen offt noch 
so vil geben (Hist. 16); rüw gibt brot (Hist. 18); nieman sol 
sich betrüben, daz dem schalckhafftligen iuden ein oug verhalten 
wurt (Hist. 35); alles dings waren die leült etwan nit so 
schalckhafftig als ieiz, sunderlichen die landlüt (Hist. 36); gross- 
listig lüt sein dy swaben, vnd wa die des ersien hin kumen vmb 
narung, vnd die nit finden, da verdirbt ein anderer gar, doch 
seind ir etlich auch mer geneigt vff den bierkrug vnd vff dz 
suffen, dan vff ir arbeit, desshalben ir werkstat vfft wüst ligen 
(Hist. 54); bosse und zornig nachred bringen bösen lon (Hist. 
84): es ist die Art der Beispielsgeschichten, so zu beginnen; 
ähnlich beginnen auch die Exempelanekdoten der Sieben weisen 


41 ebda., S. 62. 


Trennendes der inneren Struktur ‚121 


Meister. Andere Historien kennzeichnen sich wiederum durch 
ihren Eingang als selbständige Schwänke: Abentürliche ding trib 
Ulenspiegel in dem land zu Hessen (Hist. 27); in allen landen 
het sich Ulenspiegel nit seiner bossheit bekant gemacht, vnd wa 
er vor einmal gewesen waz, da wz er nit wilkum, es wer dan das 
er sich vercleidet, dz2 man in nit kant (Hist. 31); Ulenspiegel 
was künstlich in der schalckeit (Hist. 53); mit durchtribner 
schalckheit was Ulenspiegel geweihet (Hist. 34); vil schalckheit 
Ulenspiegel den schuch machern gtihon nit allein an eim ort 
sunder an vil enden (Hist. 47); schnell kund Ulenspiegel einer 
guten schalckheit geraten, als er wol beweise zu Leipzig (Hıst. 
55); Ulenspiegel kunt sein schalckheit nit lassen (Hist. 60); 
gesottiens vnd gebraiens wolt ulenspiegel allzeit essen darumb 
“ musste er sehen wa er das neme (Hist.. 68); selizame vunnd lecher- 
lich ding treib Ulenspiegel zu Bremen (Hist. 70); horen was 
Ulenspiegel zu Stasfurt getrieben het (Hist. 83); recht und red- 
lich bezalt Ulenspiegel einen hochlender (Hist. 86) usw.; ähn- 
liches findet sich auch im Faust: in Eissleben ist ein comet ge- 
sehen worden, der wunder gross war; dem doct. Fausto, wie 
man zusagen pflegt, traumete von der helle, oder im Lalebuch: 
die Lale waren handlich daran mit jhrer narrey vnnd trieben 
solche so vil, dass sie es in gewonheit brachten; die Lalen waren 
ernsthafft in jrem thun, sonderlich in betrachiung des gemeinen 
nutzes; zwen bawren zu Laleburg waren nachbaurn, hatien jre 
häuser nahe an einander: jeder dieser Eingänge gibt eine voll- 
ständige neue Einleitung, die auf bisher Erzähltes gar keine 
Rücksicht nimmt, und ebensogut über dem ganzen Buch stehen 
könnte. So erzählt einer, der einen ganz bestimmten Fall, keinen 
völligen Roman berichten will: eine Sammlung von Anekdoten 
und Geschichten sind diese Bücher auch nach dem Zeugnis ihrer 
Kapiteleingänge, die nichts weniger als eine Verknüpfung und 
Verbindung von Historie zu Historie darstellen. O. L. B. Wolff 
würde in unsern Volksromanen kaum gute Romane erblicken 2. 

Unter den Werken der andern Gattung hat das Siegfried- 
buch in seiner Entstehung noch die meiste Ähnlichkeit mit den 


2 O.L.B. Wolff, Allgemeine Geschichte des Romans von dessen Ursprung 
bis zur neuesten Zeit. Jena 1841, S. ıg: „Ein guter Roman ist Nichts, als 
eine Reihe geschickt miteinander verknüpfter Novellen.“ 


Ii22 Trennendes der inneren Struktur 


Volksromanen. Keine späte Auflösung des Liedes vom hürnen 
Seyfrid, wie man unter Uhlands Einfluß 3 lange Zeit angenom- 
men hat*, entstammt seine Überlieferung einer viel früheren 
Zeit, möglicherweise dem dritten Jahrzehnt des ı3. Jahrhun- 
derts%5, wie eine Vergleichung mit Füetrers Bearbeitung von 
Albrecht von Scharfenbergs Seifrid de Ardemont lehrt26. In 
diesen alten Stoff nun werden Episoden aus andern Quellen ein- 
geschoben #7; so entsteht, freilich in weitaus geringerem Umfange, 
eine Kompilation nach der Art des Fortunat. Aber die Linie ist 
hier doch gerader, das Ganze einheitlicher; zwischen den einzelnen 
Abschnitten verschiedener Herkunft sind keine besonders fühl- 
baren Risse, ein Held, eine Handlung wird dargestellt, und jede 
Historie hat ihre Bedeutung für die Gesamtheit der Handlung, 
aus der sie nicht ohne weiteres entfernt werden kann. 
Schon aus diesem Beispiel erhellt die starke stoffliche Ge- 
bundenheit, durch die der Bearbeiter des volkstümlichen Romans 
gegenüber dem freischaltenden Autor des Volksromanes in ge- 
wisse Grenzen gebannt ist. Er hat eine Vorlage, und gleichgültig, 
ob sie in einer fremden oder seiner Muttersprache abgefaßt 
ist, sie bedeutet für ihn eine Ziel- und Richtunggebung, die er 
beobachten !nuß. Die meisten Prosaauflöser oder Übersetzer 
hängen sehr an ihrem Originale, von dem sie sich nicht ohne 
Not entfernen, und das sie höchstens einmal durch eine erklärende 
oder erziehende Anmerkung erweitern; Tristrant, Oswalt4# und 
Phyloconio und Eugenia sind hier typische Beispiele. Das Kleben 
an der Vorlage führt oft zu großen Ungereimtheiten; der Über- 
setzer von Herpin überträgt die Worte seiner Quelle: et je vous 
chanterai une bonne chanson getrost durch: Ich wil euch singen 
48 Uhland, Schriften I (1865), S. 427. . 
#4 so noch W. Golther in seiner Ausgabe des Volksbuchs vom gehörnten Sieg- 
fried (Hallische Neudrucke 81/82, Halle ı889), S. XXV ff. | 
45 G. Brockstedt, Noch einmal das Volksbuch vom „gehörnten Siegfried“. 
Herrigs Archiv ı25 (1910), S. 288ff. 
4 F. Panzer, Merlin und Seifrid de Ardemont von Albrecht von Scharfenberg 
in der Bearbeitung Ulrich Füetrers. Bibliothek des Literarischen Vereins 227, 
S. CXIIfE. 
47 F. Brie, Das Volksbuch vom „gehörnten Siegfried“ und Sidneys „Arcadia“. 
Herrigs Archiv ı2ı (1908), S. 287ff.; G. Brockstedt, Zu der Abhandlung Fried- 
rich Bries usw., ebda., 123 (1909), $. ı55ff. 
43 4A. Edzardi, Die Stuttgarter Oswaltprosa. Germania 20, 190ff. 


Trennendes der inneren Struktur 123 


ein lied; erst spätere Handschriften ändern sinngemäß in gut 
hystori um. Aber auch Bearbeiter wie Thüring von Ringoltingen, 
der von sich bekennt, er habe den sinn der materye nit gantz 
nach dem welschen gesetzt, doch die substantz der matery so 
best er künd, begriffen und der demgemäß die ganze Anlage des 
Werkes ändert, indem er die fünfzehn langen Kapitel seiner Vor- 
lage in sechsundsechzig übersichtliche Abschnitte auflöst, der 
ihm unzweckmäßig erscheinende Episoden und Rührszenen fort- 
läßt und statt ihrer gelehrte oder ethische Reflexionen einschiebt, 
selbst solche Bearbeiter sind an ihren Stoff gebunden und können 
sich nur innerhalb eines verhältnismäßig eng gezogenen Kreises 
frei bewegen. Die Rahmenerzählung im Lalebuch ist geistiges 
Eigentum des Kompilators; die der Melusine, der Sieben weisen 
Meister sind von der Quelle übernommen und lassen in keiner 
Weise Schlüsse auf Art und künstlerischen Geschmack des Be- 
arbeiters zu. So tragen die Volksromane ein viel individuelleres 
Gepräge als die volkstümlichen; Fortunat, Faust, Eulenspiegel, 
Schildbürger sind Welten für sich, unvertauschbar mit einander, 
sind Gattungsbegriffe und Prototypen; zwischen Oktavian und 
Fierabras, Olwier und Loher, Siegfried und Wigoleis bestehen 
nur kleine Unterschiede äußerlichen Erlebens, keine innerlicher 
Natur. Dort Charaktere, hier Schablonen; wer den Typ des 
Zauberideals deutscher Übergangszeit kennenlernen will, muß 
den Faust lesen; wer in die ritterliche Epigonenwelt hineinzu- 
blicken wünscht, hat die Wahl zwischen ein paar Dutzend Wer- 
ken, und wenn er ihrer eines gelesen hat, kennt er sie alle. 

Mit Herkunft und Entstehung hängt naturgemäß die innere 
Formgebung auf das stärkste zusammen. Eulenspiegel, Faust und 
Schildbürger umfassen das eigentliche volksmäßige Gut der Re- 
formationszeit, das aus Deutschland in die Nachbarländer dringt ®, 
gleichsam als Gegengabe für die Flut der ritterlichen Romane, 
die ihm gegeben werden. Hält man diese Bücher neben die volks- 
tümlichen Romane, so erscheinen sie fast wie bewußte Gegen- 
stücke zu jenen 50; unmittelbarer, natürlicher reden sie zu ihren 
Lesern, und selbst der Faust erscheint bei all seiner Tendenz und 


49 E. Martin, Beiträge zur elsässischen Philologie. Jahrbuch für Geschichte, 
Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens. XIII (1897), S. 203. 
50 So auch! A. C. Vilmar, Geschichte der deutschen Nationalliteratur®. Mar- 


124 Trennendes der inneren Struktur 


Moral, mit der ihn sem ungeschickter Bearbeiter umkleidet, wie 
eine Befreiung gegenüber der Servilität und Pedanterie der Hay- 
monskinder oder der Melusine. Das glücklichste Geschick hat der 
Eulenspiegel; tendenzlos geht sein Verfasser an ihn heran, ohne 
einen Willen zur Moral oder prunkenden Gelehrsamkeit, nur 
allein vmb ein froelich gemit zu machen in schweren zeiten, vnnd 
die lesenden vnd zuhörenden mögen gute kurtzweilige froeden 
vnd schwenck daruss fabulieren, und mit lustigen Worten tut er 
den Zweck seiner Arbeit kund: und dienet dise mein geschrifft 
aller best zu lesen (vff dz der gots dienst nitt verhindert werd) so 
sich die müss under den bencken beissen vnnd die stund kurtz 
werden vnnd so die braten birn wol schmecken bei dem nuwen 
wein. Eulenspiegel ist der Held eines bisher mit völligem Still- 
schweigen oder beißender Ironie erdrückten Volksteiles, seine 
spöttischen Taten sind eine lustige Rache am Unrecht der Jahr- 
hunderte: in den Jahrhunderten des Standesbewußtseins muß er 
so eine außerordentliche Bedeutung erhalten. Wie beliebt seine 
Figur wird, erzählt Fischart in seiner Vorrede zum Eulenspiegel 
Reimensweiß: dieweil mann den armen Eulenspiegel — nun viel 
har her in mancherley weiss art, sprachen, format, gross vnd 
klein, grob vnd gmein, figürlich und onfigürlich, zierlich und 
vnzierlich, aber doch alle viesierlich, aussgangen, vnd im truck 
sehen worden. John Brinkman zeigt ein feines Verständnis für 
die tiefere Bedeutung des Volksromans, wenn er Gott auf dem 
Grabe des „richtigen Ulkmeisters und Spaßmakeroltgesellen“ 
rastend, sagen läßt51: „Grar dei lütt Mann achter dei Plaugschar 
und den Hakenstirt, achter Huwelbänk un Ambolt, in den Kne:- 
reim und up den Sniderdisch, dor passt sick so'n Uhlenspiegel- 
stückchen sir gaud hin, dat vermündert und verfrischt sei 
dusendmal bäter bi er ewige Arbeid es den Düwel sin knäpigste 
duwwelte Kaem. Da is er jo so notwennig as dat Solt up dat 
Brod, und dei lustige Weisheit, dei ut den Volksmund flütt, hölt 
dat och nich gegen mit Evangelium Stich, so rangiert sei doch 
achter Salomonissen un Jesus Sirachen. Alleın dei ein Witz von 


burg ı856, S. 392. Von ihm ist die Darstellung G. Webers, Allgemeine Welt 
geschichte, X. Band, Leipzig ı886, S. 895 abhängig. 

51 J. Brinckman, Uns’ Herrgott up Reisen, 1870. Vgl. auch J. Winckler, Der toll 
Bomberg, S. ı57fl. Klabund, Bumke. 


Trennendes der inneren Struktur 125 


Uhlenspiegeln mit den Klang vom sie Geld dei ward so olt warden 
es dei Welt sülst.“ 

Das Lalebuch kommt dem Eulenspiegel in der inneren Form- 
gebung am nächsten. Männiglichen zu ehrlicher kurtzweil vnd 
zeitvertreibung will es dienen; der moralische Nebenton_ tritt 
neben diesem Unterhaltungszweck nur schwach hervor, wenn 
auch nicht verhehlt wird, daß durch das Werkchen ein Gegen- 
gewicht zu den groben zotten im rollwagen, gartengesellschaft, 
cento nouella, katzipori vnd andern vnreimen scribenten, welche 
wol aussschneidens bedörfften, geschaffen werden soll. Der Witz 
ist nicht mehr so frei, so unbekümmert, wie beim Eulenspiegel; 
während man dort das Volk selbst erzählen zu hören vermeint, 
trıtt hier doch die Person des Bearbeiters oft störend zwischen 
Stoff und Leser; geschraubter Ausdruck, unvolksmäßige Pointe 
und Ironie verbrämen die Schwänke. Aber all dies Drum und Dran 
kann die lebensvolle, volkstümliche Kraft der einzelnen Historien, 
die in bunter Schar am Leser vorüberziehen, nicht schwächen ; immer 
wieder und gerade an den Höhepunkten gewinnt der Stoff Gewalt 
über den Bearbeiter, läßt dieser Reflexion und Ironie fallen und 
erzählt, wie der Bauer am Biertisch, derb und gedrängt, ohne 
Nebenabsicht. Erst im Grillenvertreiber geht diese Natürlichkeit 
völlig verloren; während die Vorrede des Schildbürgerbuches noch 
ein großer lustiger Schwank ist, beschäftigt sich die Einleitung des 
Grillenvertreibers eingehend und philosophisch mit dem Problem 
der Narrheit; die Absicht ist eine andere geworden, und der neue 
reflektorische Zweck beherrscht das Ganze, damit ist das Buch dem 
Empfinden des Volkes unendlich fern gerückt; „ein Bild nach 
seinem Wollen“ 52 ist das Werk nun nicht mehr. 

Weniger kennzeichnet sich der Fortunat als Kind des Volkes; 
er gehört weniger aufs Land als in die Stadt, und die Märchen- 
motive, die sich in ihm finden, sind wohl schon damals mehr 
Kindern als Erwachsenen geläufig gewesen. Sein Held ist das 
Ideal des Bürgers, des Kaufmanns; ritterlichem Wesen zwar in 
gleicher Weise fremd wie Eulenspiegel oder Faust, fehlt ihm 
doch das eigentlich Heldenhafte, das jener durch seine land- 
weite Berühmtheit als Narr, dieser durch seine Zauberkraft be- 


52 Vgl. E. Fehrle, Badische Volkskunde I. Leipzig ı924, S. 72, wo er über 
 Formwillen und Schaffungsvermögen des Landvolkes spricht. 


126 Trennendes der inneren Struktur 


sitzt, und hätte er nicht Säckel und Wunderhütchen, wäre er 
ohne alles Interesse. So aber grenzt seine Welt an die Fausts, des 
Besitzers des Zaubermantels, und grenzt auch an die Landstraßen- 
welt des fahrenden Mannes Eulenspiegel. Der starke soziale Zug, 
der den eigentlichen Grundgedanken bildet (ein ganz Armer wird 
ganz reich), trägt zur Volkstümlichkeit bei. So vervollständigt 
dieses Buch das Bild der Freiheit, auf der die neue Kultur be- 
ruht: Bürger, Landvolk, Gelehrte finden in Fortunat, Eulen- 
spiegel und Faust ihre ideale Verklärung. 

Dadurch, daß ein Gelehrter versucht hat, im Faust das Charak- 
tergemälde des Gelehrten zu zeichnen, ist dieses dem Empfinden 
des Volkes ferner gerückt. Zwar wenden sich auch die beiden 
ersten Teile des Buches an weiteste Kreise und sind aus Begehren 
und Empfinden breitester Schichten herausgewachsen, all die 
eschatologischen Gespräche, die Reisen über Land und Meer, zum 
Himmel und zur Hölle, aber volkstümlich ist doch allein nur der 
dritte, „teils ergetzliche, teils gruselige Abschnitt‘ 53, er verschafft 
dem Werke seinen durchschlagenden Erfolg, er schlägt die Ver- 
bindungsbrücken zu den andern Historien- und Schwankbüchern. 
Es ist ähnlich wie beim Lalebuche: die beiden den Auftakt bilden- 
den Teile stehen unter der völligen Macht bewußter Reflexion, 
Tendenz und Moral, im dritten bekommt der Stoff die Herrschaft 
über den Bearbeiter, nun fließen die Geschichten ohne Störung 
lustig vorüber. Man fühlt, daß hier etwas erzählt wird, was ganz: 
andere Bedeutung hat als die Fragen nach der Beschaffenheit der 
Hölle oder der Seligkeit der gefallenen Engel; die Stimmung 
wird gemütlicher, einfacher, die Plauderei tritt an die Stelle der 
Belehrung; Faust wird nicht mehr wie im Anfang mit den Augen 
des kritischen Mitgelehrten, sondern mit den bewundernden des 
Laien betrachtet. Die Zimmernsche Chronik wünscht die Auf- 
zeichnung der Faustanekdoten, nicht der Faustgespräche; man 
fühlt: „Eine so wichtige, dem Volksinteresse wie dem Volks- 
glauben gleich wertvolle Sage wollte aufgezeichnet und literarisch 
fortgepflanzt werden“ 5%. Und es sind nur die ersten Abschnitte, 


53 E. Schmidt, Faust und Luther. Sitzungsberichte Berlin. Phil.-hist. Klasse 1896, 1 
569. Vgl. ferner E. Wolf, Faust und Luther (Halle ı912), der in Faust eine 
antiprotestantische Persiflage Luthers erblicken will. 

54 K. Fischer, Goethes Faust® I. Heidelberg ı901, S. 103f. 


Trennendes der inneren Struktur 127 


die der Erzählung ihre Naivität und Einfachheit rauben55; im 
dritten stellt sich Faust nach Ton und Erzählungsart den andern 
Volksromanen durchaus gleichförmig an die Seite. Seine innere 
Verwandtschaft mit Eulenspiegel hat bereits Gervinus beobach- 
tet56; auch er ein Landfahrer, auch er zu Späßen geneigt — 
wie weltverschieden ist der Faust, der Sultan und Papst foppt, 
der Studenten und Bauern spöttisch ängstigt, von dem, der mit 
Mephisto lange und geschraubte Gespräche über die fernsten 
Dinge führt! Und wenn beide, er sowohl wie Eulenspiegel, freilich 
mit entgegengesetztem Erfolge, Flugversuche unternehmen, so er- 
kennen wir in dieser Übereinstimmung die Sehnsucht des Volkes 
nach der Erreichung eines Zieles, das Männer wie Agrippa, Car- 
danus und Porta zu Grübeln und Versuch reizt, und dessen Ver- 
wirklichung noch Jahrhunderte auf sich warten läßt. 

Zu dieser stark individuellen Prägung der Volksromane, die 
wiederum doch Wunsch und Willen ganzer Klassen darstellen, 
steht die typische Formgebung der volkstümlichen Romane in 
schroffem Gegensatz. Es ist beobachtet worden, daß es im roma- 
nischen Abenteurerromane immer die Ereignisse sind, die den 
Leser fesseln, während die Menschen nur als Träger solchen 
Geschehens interessieren; im Deutschen dagegen steht der Held 
im Brennpunkt der Aufmerksamkeit5?. Ähnlich stehen sich die 
beiden großen Gattungen der Volksbücher gegenüber. Es ist 
der Unterschied zwischen der Freude am eigenen Gedankengut 
und der am fremden Stoff, der den Volksroman vom volkstüm- 
lichen scheidet; dort regt das Buch zum Fortfabulieren an, hier 
wird es als Fertiges, Ganzes, an dem nichts mehr zu ergänzen 
oder zu ändern bleibt, entgegengenommen. Es „wird allmählich 
immer weniger ernsthafte Angelegenheit der Nation‘ 58. Fortunats 
Wundersäckel ist einzig in seiner Art; Tristrants Schwert wahin 
daz mit krafft ward geschlagen, mocht kein stahel vor im be- 
steen, unterscheidet sich in Nichts von Siegfrieds Waffe. Faust 
55 was S$. Szamatölski, Das Faustbuch des Christlich Meynenden (1725), 
Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ı9. Jahrhunderts, Nr. 39. Stuttgart 
1891. S.V., verkennt. 

56 G. G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung 5. Leipzig 1871, II 541. 
57 R. Müller-Freienfels, Die Psychologie des deutschen Menschen und seiner 


Kultur. München 1922, $. 163. 
58 R. Benz, Die deutschen Volksbücher. Jena 1913, $. 39. 


1238 Trennendes der inneren Struktur 


ist in Erlebnis und Lebenswillen ein durchaus markanter Cha- 
rakter; der Raymund der Melusine ist ein lehrbegieriger jüng- 
ling, genau wie der Reinold der Haymonskinder oder Magelonens 
Peter. Immer wieder spürt man, daß diese Bücher durch empha- 
tischen Rhapsodenvortr:g eine gleichförmige Grellheit der auf- 
getragenen Farben erhalten haben, die alle zarteren Wirkungen 
beschaulicher Erzählungskunst erdrückt59; sie werden vorgetragen, 
jene erzählt: das ist der Unterschied. 

So hängt es nicht mit dem völligen Fehlen ritterlichen Erleb- 
nisses in den Volksromanen zusammen, daß diese nichts von dem 
Blutdurst, der Freude am unmäßigen Morde an sich haben wie 
jene volkstümlichen Romane. Nur dem Franzosen wird all dies 
zur Wollust6, der Germane ist ihm abhold. Durch die Ein- 
deutschung der chanson-de-geste-Dichtung gewinnt solch Element 
in den sog. Volksepen Heimatrecht61: die höfische Dichtung 
empfindet es als unfein und hält es von sich fern. Aber in den 
Rittergeschichten der Volksromane leuchtet es wieder auf; die 
Dichtung, die nur durch Übersteigerungen glaubt wirken zu 
können, verstärkt auch den Mord ins Maßlose. In Eilhards Tristran 
heißt es (vgl. 6082£.): 


der heren mit den mannen 
wart dö harte vele irslagin, 


daraus vergröbert der Roman: ward der sireit als gross, das man 
an etlichen enden im blut gienge biss zum knye; in der Melusine 
wird erzählt, wie der chrisien schwerdter unter den unglaubigen 
obsiegten, und derselbigen köpfe, gleich den kraut häuptern, 
von ihren rümpfen, als ob sie niemahls dagestanden wären, ab- 
huben; im Siegfried schlägt ein Held dem andern eine solche 
tieffe wunden, dass das blut hauffen-weise von ihm lieff; das 
Hugscheppelbuch erzählt: ir keyner schonete des anderm als 
lützel als die melziger yres viches schonent, so sy is under die 
fleysch bencken stechen und slagen. Zwischen dieser Blutgier und 
59 Vgl. L. Wolf, Der groteske und hyperbolische Stil des mittelhochdeutschen 
Volksepos. Palästra XXV (1903), S. 4. 

60 G. Roethe, Von deutscher Art und Kultur. Berlin 1915, S. 13. 

61 Vgl. L. Wolf, Der groteske und hyperbolische Stil der mittelhochdeutschen 


“ Volksepos, $. 82 ff. und Stellen wie König Rother v. 568ff., Kaiserchronik 
v. 14087ff., 16675ff. u. a. m. 


Trennendes der inneren Struktur 129 


der Vorliebe etwa Heinrich Seuses für grauenhafte Schilde- 
rungen62 bleibt doch eine weite Kluft; zwar sind Nerven und 
Sinne durch das eigene Zeiterleben zu solchen Erzählungen ge- 
stärkt, aber es wäre doch verfehlt, nun in diesen Schilderungen 
etwa Zeitbilder sehen zu wollen63. Fausts Tod ist gewiß nicht 
sehr zart und ästhetisch gemalt, alle Register des Grausigen 
sind hier aufgezogen: aber von der Bluttollheit der Ritterromane 
ist diese Begebenheit, die freilich dem Zeitgeist völlig entspricht, 
doch weltenweit verschieden. 

Auch in anderer Beziehung zeigt es sich, daß die Volksromane 
bessere Zeitschilderer sind als die Ritterbücher: in ihrer Stellung 
zum Witz. Es ist die Epoche des uneingeschränkten Humors; 
Agrippa schreibt sein Lob des Esels, Luther ersinnt die Fabel 
vom Esel Tierkönig, die Zimmernsche Chronik hallt wider von 
Späßen und Scherzen aller Art. Als Karlstadt die Reformatoren 
als Narren brandmarkt, schreibt Luther an Brück: wohlan so 
wollen wir narren sein in Christo: es ist, als ob dieses Wort als 
Leitsatz über dem ganzen öffentlichen und privaten Leben der 
Zeit stände. Erasmus bezeichnet im Lob der Narrheit die Narren 
als die glücklichsten unter den Sterblichen und zieht ihr Los 
dem der Weisen unbedenklich vor; Hans Sachs weiß sich in 
Schwänken 6 und Meistergesängen 65° gar nicht Genüge zu tun 
im Darstellen närrischen Erlebens; Sebastian Frank bekennt: 
thorheyt zu gelegner zeyt ist die grösste weissheyt. Wird doch 
selbst der Tod in solchem Gewande dargestellt 66, wie er auf sei- 
nem Holzinstrument, dem „hülzern Gelächter‘, dem Sterbenden 
. zum Scheiden aufspielt: 


62 K. Franke, Die Kulturwerte der deutschen Literatur des Mittelalters. Berlin 
ı910, $. ı92fl. 

68 Was W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, S. ı3 nicht scharf genug 
hervorhebt. 

% 7.B.Der Narrenfresser, Das Narrenbad, Der vertretene Narr, Der ungeratene 
Narr, Der Edelmann mit dem Narren und der Wahrheit, Drei Schwänke des 
Klaus Narr, Die drei Verwunderungen des Klaus Narr, Der Narrenbruder, 
Der Kram der Narrenkappen u. a. 

65 Z. B. Der Narrenfresser, Das Narrenbad, Der Edelmann mıt dem Narren- 
magen, Der Narr mit der Wahrheit, Der Narr mit dem Doktor, Klaus Narr 
Hosenscheiß und drei weitere Schwänke desselben ae Der gestorbene 
Narr, Der Narr mit dem Windmachen u. a. 

66 Holzschnitt zu Hans Sachs „Tod und die zwei Liebhabenden“, 1555. 
Mackensen, Die deutschen Volksbücher ) 


130 Trennendes der inneren Struktur 


euch hilft kein weinen und kein klagen, 
ich muss euchs hülzern glächter schlagen. 


Die Turnierkämpfe der Gesellenstechen tragen Narrentracht; der 
Brief soll scherzhafte Unterlialtung bieten 6; ganze Vereine wie 
die Gesellschaft der Narrenmutter in Dijon (vor 1450) oder die 
Geckengesellschaft in Cleve (seit 1381) machen sich Narr- 
heit zur Lebensaufgabe. So werden Narrenfeste gefeiert; in 
Stockach findet allfastnachtlich ein Narrengericht statt, daß die 
gesellschaftlichen Zustände verhöhnt6?, Kirchenfeste erhalten 
komischen Charakter 70; im Straßburger Münster versteckt sich zu 
Pfingsten ein Mann auf der Orgelbühne und sucht durch 
Zwischenrufe die Heiterkeit der Gemeinde zu erregen: selbst der 
Einfluß Geilers von Kaisersberg, der zweimal gegen diese Un- 
sitte vorgeht (1496 und 1501), vermag keine Änderung zu 
schaffen ’1. Ist es doch die Zeit der Weihnachtspossen und des 
Ostergelächters, die Zeit, in der, zuerst in Italien, der Landgeist- 
liche die Rolle des Hofnarren übernimmt??! Als Maximilian 
ı4gı Nürnberg besucht, wird ihm zu Ehren ein lächerliches 
Turnier von spaßhaften Zwergen mit Helmen von Stroh und 
komischen Waffen aufgeführt?3: jede Feier ist undenkbar ohne 
Witz. und Gelächter. 

So repräsentiert Eulenspiegel seine Zeit, nicht nur eine Klasse 
der Gesellschaft”. Was ein mittelniederdeutsches Fastnachts- 
spiel ausspricht: 

ein schalk stekt ock wol in einem simpin burn?> 


. 61 G. Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes I. Berlin 1889, S. 85. 106. 
. Albrecht Achilles schreibt an seine Gattin Anna: flicht narreteiding mit darein dein 
und der jungfrawen halben; die Briefformulare enthalten Beispiele für Briefe 
zur uffweckung des: glächters. 

68 Flögel, Geschichte des Grotesk-Komischen S. 271 ff. 

69 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? gg. 

70 F, Fick, Die Hofnarren, Lustigmacher, Possenreißer und Volksnarren, Stutt- 
gart 1861, II 474. 

71 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? 126. 

72 K. Borinski, Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur 
Gegenwart, I. Stuttgart-Berlin-Leipzig 1921, S. 290. Ä 
78 R. Gende, Hans Sachs und seine Zeit. Leipzig 1894, S. 55. 

74 Wie W. Grimm, Kleine Schriften II (1882), S. 59 meinte. 

76 Mittelniederdeutsche Fastnachtsspiele, hg. von W. Seelmann, Leipzig 1885: 


Trennendes der inneren Struktur 131 


könnte als Leitgedanke über seinem Leben stehen. Von. seinen 
frühesten Lebenstagen an lacht er oder macht er lachen; seine 
Taufe verläuft nicht ohne peinlich-komischen Zwischenfall, als 
kleines Bürschlein verhöhnt er derb die Leute auf der Straße, 
als Knabe schon treibt er schlaue Scherze mannigfaltigster Art. 
So wandert er über die Welt und weckt das Lachen der Vielen 
auf Kosten einiger Wenigen; daß die Opfer seiner Späße gewöhn- 
lich auch die unbeliebten Gegenspieler sind und so seine Schalk- 
heiten einen sozialen Charakter gewinnen, macht nur einen 
kleinen Teil seiner Beliebtheit aus. Auf dem Sterbebett scherzt er 
noch in witzigen Wortspielen und ersinnt Streiche, die noch nach 
seinem Tode das Gelächter der Zuschauer hervorrufen werden. 
Und wie er gelebt hat, so stirbt er: der Sarg entgleitet den 
Trägern, die ihn in die Grube lassen wollen; Eulenspiegel legt 
nicht, er steht begraben. 
' Die Lalebürger sind ihm kongenial; der Grundsatz des Buches 
consuetudo altera natura wird durch ihre tollen Späße rasch über- 
wuchert und heißt schon von der zweiten Historie ab: Narrheit 
um jeden Preis! Tieck hat in seiner Erneuerung versucht, dem 
alten Grundgedanken wieder zu Ehren zu verhelfen; seine Schild- 
bürger denken in ihrem lustigen Treiben immer wieder einmal 
daran, daß sie ja eigentlich sehr weise Leute seien, und ergehen 
sich dann in Beratungen über den Fortgang ihres Vorhabens: 
wie sehr stört aber solche Reflexion den ganzen Ton, die 
Stimmung des Buches! Die Bauern, die ihre von klugen 
Frauen eingeübten Verse nicht behalten können, der Schult- 
heiß, der bei allen möglichen Handwerkern, nur nicht beim 
Kürschner, seinen Pelz zu kaufen wünscht, sein Sohn, der in 
so derber Weise bei seiner Hochzeit betrogen wird: wie ähn- 
lich ist das alles Eulenspiegelschem Erleben! Es ist so viel 
Gelächter in diesem „Nibelungenlied des deutschen Lalentums“, 
daß ein ernsthafter Gedanke gar nicht aufkommt. So ist es der 
Wille der Zeit. 

Fortunat und Faust sind ernsthafter, aber auch bei ihnen leuch- 
tet’s zuweilen auf wie von heimlichem Spaß, und befreiend bricht 
sich das Lachen Bahn durch die steife Würde der anderen Schil- 


Ein gantz schöne vastelauendes gedicht, rimes wise uthgelecht, worinne etliker buren 
bedregerie, yegen de börgers klarlik vorstendiget wert (etwa ı522 bis 1525), v. 51. 
9* 


133 Trennendes der inneren Struktur 


derung. Das immerjunge Märchenmotiv von den Äpfeln, die 
Hörner auf der Stirne erzeugen, ist gewiß im Fortunat nicht ver- 
wertet, um Mitleid mit der falschen Prinzessin zu erwecken: 
welch ein komisches Bild bietet sie, wie sie, das Horn groß am 
Kopfe, trübsinnigen Gesichtes im Bette liegt, vor sich den als 
Arzt verkleideten Andolosia, der ihre Pein nur ganz langsam 
verringert! Oder wie witzig ist der Diebstahl des Fliegehüt- 
chens erdacht und geschildert, das Fortunat dem Sultan stiehlt! - 
Faust frißt einem Bauern Pferd und Heuwagen weg: wie mögen 
die Hörer bei solch unglaublichem Kraftstück gelacht haben! 
Einem andern zaubert er die vier Räder seines Wagens in die 
Winde, und dieser hat das Nachsehen; betrunkenen Landleuten 
hext er die Maulsperre an, einem zum Fenster hinausschauenden 
Ritter zaubert er ein Hirschgeweih an den Kopf, daß dieser nicht 
vor und nicht zurück kann: das alles sind Bilder, für deren 
Situationskomik die Volksbuchzeit viel hellere Sinne hatte als 
die unsere, die über der fabelhaften Zauberkunst das komische 
Element meist völlig übersieht. 

Demgegenüber bleibt der Witz der volkstümlichen Romane ein 
dürftiges Nebenelement, das sich nur selten hervorwagt, um 
Würde und Ansehen seiner gespreizten Helden nicht zu zerstören 
und das, wo es einmal in den Vordergrund tritt, selten über den 
Witz des Kasperles oder des furchtsamen Schneiders im Märchen 
hinauslangt; jede individuelle Prägung fehlt ihm. In der Melusine 
ist es ein Führer Goffroys, der ihn zum Riesen geleitet, der durch 
seine zitternde Furcht Lachen erwecken soll, in den Haymons- 
kindern ist das Schachspiel zwischen Ludwig und Adelhardt, im 
Siegfried der Zweikampf zwischen Horcus und Zivelles, im 
Brandan die Furcht des diebischen Mönches spaßhaft ausgemalt: 
aber wie schnell hat man das vergessen über dem weiteren Er- 
leben des Helden! Auch beim Faust füllen die Scherze nicht das 
ganze Buch, aber sie sind leuchtender, sie treten stärker her- 
vor, sie vergessen sich nicht so rasch. 

In so verschiedenen Kreisen muß das Bild des Helden ein ganz 
anderes werden: der Träger der Handlung des Volksromans 
ist in Charakter und Lebensführung prinzipiell verschieden vom 
Helden des volkstümlichen Romanes. Das ergibt sich nicht nur 
aus seiner anderen Umgebung, in der er handelt und wirkt, 


Trennendes der inneren Struktur 133 


aus seinen verschiedenartigen Interessen, seinen verschiedenen Zie- 
len; es folgert vielmehr zunächst aus seiner anderen Stellung zur 
Umwelt, der er sich gegenüberstellt, während jener sich von 
ihr treiben läßt. Daß nicht alle Konturen der Charakterzeich- 
nung scharf herausgemeißelt sind, liegt nicht am Wollen, sondern 
am künstlerischen Unvermögen: diesen Mängeln darf keine be- 
stimmende Bedeutung zugemessen werden. 

Was zunächst bei der Schilderung des Volksromanlıelden auf- 
fällt, ist die absolute und alleinige Herrschaft, die er in Handlung 
und Geschehen des Werkes ausübt. Bei Fortunat tritt diese Be- 
obachtung noch nicht so scharf hervor; hier tummelt sich noch 
nach Art der volkstümlichen Romane eine Schar von Neben- 
personen, die durch oder neben dem Helden irgendwann einmal 
bestimmend in die Handlung eingreifen und ihr ohne Zutun des 
Haupthelden eine andere Wendung geben. So zeigt sich in diesem 
Frühwerke einheimischer Romankunst noch die starke Abhängig- 
keit vom Vorbild, die wir schon bei anderen Punkten beobachteten. 
Ganz anders im Eulenspiegel: die Gestalten, die neben ihm han- 
heln, sind Schatten, wohl kräftig und lebendig gezeichnet, aber 
doch eben Werkzeug in Eulenspiegels Hand, Spielball seines 
Witzes. Sie wechseln von Historie zu Historie wie die Namen der 
Orte wechseln, in denen er seine Stückchen. ausübt; es ist für 
ihn wie für den Kern der Handlung ganz nebensächlich, ob es 
der Herzog von Anhalt ist, den er foppt, oder der König von 
Polen oder Dänemark, ob ein Pfaff oder eine Gesellschaft von 
Schneidern durch seine Späße Gegenstand des allgemeinen Ge- 
lächters werden. Seiner Mutter, der einzigen Gestalt, die mit 
ihm das ganze Buch durchwandert, wird in den wichtigsten Ge- 
schichten des Kernteiles gar keine Erwähnung getan, nur in 
seiner Jugend und am Sterbebett spielt sie eine Rolle, und auch 
diese ist nicht bedeutungsvoller als die jeder anderen Nebenfigur. 
Im Faust dasselbe Verhältnis: Mephisto ist nur Diener, Werkzeug, 
kein selbständiges Wesen neben dem Helden; die Fülle der an- 
deren Personen hat für Faust keine andere Bedeutung als. die 
vielen Gefoppten für Eulenspiegel haben. Es ist bezeichnend, daß 
auch Helena durchaus Schatten, für seine Charakterbildung und 
für das weitere Geschehen bedeutungslose Episode bleibt, ein 
Ding, durch das er sein Sündenbuch vergrößert, keine Gestalt, die 


ı34 Trennendes der inneren Struktur 


ihn oder sein Erleben beeinflußt; so steht sie auf derselben 
Stufe wie jede andere seiner halb frevelhaften, halb lustigen 
Zauberstückchen, durch die er seine Seligkeit verscherzt. Wagner 
vollends bleibt ganz im Hintergrunde, und selbst der fromme 
Alte, der in letzter Stunde versucht, sein Seelenheil zu retten, 
bildet nur eine kurze, wenn er auch ergreifend und dichterisch er- 
sonnene Episode, deren Fehlen weder der eigentlichen Handlung 
noch dem Helden schaden würde. Die Lalebürger vollends dulden 
keine Nebenspieler neben sich; die wenigen Fälle, in denen Außen- 
stehende ihnen gegenübertreten, verschwinden in der Fülle der 
Historien, die sie allein und unter sich ausmachen; ob der Kaiser 
sich über ihre Torheiten belustigt oder die Handwerker ihren 
Schultheißen zum besten haben: es ist letzten Endes immer der 
Autor oder der Leser und ihre Ansicht, die da vertreten werden, 
keine Gegenspieler, keine Selbsthändler treten ihnen gegenüber. 
Ganz anders im volkstümlichen Roman, wo der Held doch immer 
wieder der erste unter vielen ist, der bewundernswerteste unter einer 
langen Schar von Personen, die oft genug selbständig in die Hand- 
lung eingreifen und ihr eine Wendung geben, die der Held weder 
vorausahnen noch wünschen konnte. Tristrant ist gewiß der Held 
seines Romans, aber Marke ist es, der ihn zum höchsten Glücke, 
zum tiefsten Unglück führt; Reinhold ist das stärkste und treff- 
lichste Haymonskind, die Zierde der Ritterschaft; aber der Verrat 
des Königs Johannes stößt ıhn fast ins Verderben, und Malagis 
bleibt sein letzter Halt. Und selbst der Zufall wird zum tief in das 
Geschick eingreifenden Helden: in die nach Helden und Stimmung 
einheitliche Idylle zwischen Peter und seiner Magelone stößt der 
Raubvogel und führt beide an den Rand des tiefsten Unglückes. 
Faust verdankt sein Verderben nicht Mephisto, sondern allein 
sich selbst! Und wer ist der eigentliche Held: Raimund oder 
Melusine? | 

Diese grundlegende Verschiedenheit ist in der starken, indivi- 
duellen Ausprägung, die der Volksromanheld im Gegensatz zum 
Helden des volkstümlichen Romans erfährt, begründet. Es sind 
Menschen von Fleisch und Blut, die hier vorgeführt werden, keine 
blassen Idealbilder, Recht und Unrecht, Glück und Unglück wird 
ihnen zu gleichen Teilen zugewogen; sie sind nicht nur gut 
und nicht nur schlecht, und: es schadet ihrem Ansehen beim Pu- 


Trennendes der inneren Struktur 135 


blikum durchaus nicht, wenn sie auch einmal seine Lachlust oder 
gar seine Entrüstung hervorrufen. Das zeigt sich schon bei For- 
tunat; er, den der traditionsbefangene Verfasser gern als Muster- 
bild aller Tugend hinstellen möchte, gibt sich mit bösen 
Weibern ab und wird später gar zum Diebe; sein Sohn Ando- 
losia benimmt sich beim Verlust des Wunderhütchens nicht ge- 
rade geschickt. Eulenspiegel ist bei seiner Taufe, als ihm seine 
Mutter das Seil durchschneidet, als er vom Geizigen Schläge 
bekommt, als er um seine Tasche geprellt wird oder als die 
Sau seine Bahre umstößt, doch nur sehr bedingt der Held, und 
Fausts und der Schildbürger Lebenswandel ist nicht gerade nach- 
ahmenswert. Dabei steht doch jeder ganz in der Gunst seiner 
Leser, und keiner denkt daran, den Helden geringschätzig zu be- 
urteilen. Wie Fortunat das unerreichbar-lockende Vorbild aller 
verarmten Ritter und aller Handelsleute ist, so wird Eulenspiegel 
zum : Sprecher der verspotteten und verhöhnten Bauern, die er 
durch seinen Mutterwitz an ihren Peinigern rächt. Dabei fehlt 
seinen Späßen alle satirische Schärfe; es bleibt keine Bitternis 
zurück, und selbst der Betroffene lacht schließlich mit. Die 
„Ader von boshafter Tücke‘, die Görres bei Eulenspiegels Cha- 
rakter wahrzunehmen meinte”?6, ıst nichts anderes als ein harm- 
loser, die Situation ausnutzender Witz, dessen zuweilen grobe 
Formen seine Zeit nicht so unfein und plump empfand wie die 
andere. Und so unbedeutend die Schar der Nebengestalten für 
Helden und Handlung bleibt, so sicher und kräftig sind manche 
Figuren gezeichnet: die Bamberger Wirtin, bei der Eulenspiegel 
um Geld ißt (Hist. 33), der geizige Schmied (Hist. 40), die 
tanzlüsterne Magd des Brauers (Hist. 47), der Wollenwebermeister 
(Hist. 51), Lambrecht der Weinzapfer (Hist. 57/8), der reiche 
Kaufmann und seine Frau (Hist. 64), der behende Wirt (Hist. 78) 
oder der Bischof (Hist. 87)! Nirgends die Schablone des Ritter- 
romans, die märchenhafte Schwarz-Weißzeichnung der Charaktere 
wie dort. 

Ähnlich ım Faust. Das Bild, das wir aus dem Volksbuch von 
dem berühmten und berüchtigten Zauberer gewinnen, kann ge- 


76 J. Görres, Die teutschen Volksbücher. Heidelberg ı807, $. 196. Ein gutes 
Charakterbild vom Eulenspiegel gibt Brie, Eulenspiegel in England. Berlin 


1903, 9. 73. | 


136 Trennendes der inneren Struktur 


wiß keinen Anspruch auf historische Zuverlässigkeit machen; 
aber in den Hauptzügen stimmt es doch mit dem überein, das die 
Quellen überliefern, und das uns Erich Schmidt geschildert 
hat!?: „ein halbgebildeter kecker Vagant und Schwindler, der ge- 
legentlich selbst einsichtige Männer berückte, aber hauptsächlich 
mit dreister Prahlerei auf die Leichtgläubigkeit der unschwer 
zu blendenden Menge spekulierte.“ Es fehlt noch ein Zug: die 
sichere Würde, die dem landfahrenden Weisen einen Schein von 
Sicherheit und Bedeutung verleiht, und ein Schimmer echten rast- 
losen Wissensdranges und Forschergeistes?’8, der selbst vor der 
Verneinung des Glaubens und der Seligkeit nicht zurückschreckt; 
so steht Faust, der letzte große Zauberer, am Ende des Mittel- 
alters?9. Sein Bild ist groß, es erdrückt die Nebenpersonen: so 
verschwinden sie neben ihm. Was der Bearbeiter gerne erreichen 
möchte: beim Leser Abscheu gegen Faust zu erwecken, erreicht 
er in keinem Falle, kaum, daß man ein Grauen vor der Zauberei 
empfindet. Das Publikum liebt seinen Helden, dem so große Ge- 
walt über die Dinge verliehen ist, und schaut bewundernd zu ihm 
auf; alle Tendenzsucht, aller polemischer Geist ist hier vergebens 
verschwendet. 

Die Lalebürger als Heldeneinheit gesehen, zeigen ein gleiches 
Bild. Sie setzen sich in bewußten Gegensatz zur anderen Welt, 
konsequenter noch als Eulenspiegel, weil sie den Spott auf sich 
selber anstatt auf andere laden, wenn sie Verkehrtheiten durch 
restlose Durchführung geißeln. So werden sie zum Gattungs- 
begriff für sich, vertauschbar weder mit dem doch so nahver- 
wandten Eulenspiegel noch mit irgend jemand anderem. Und 
innerhalb dieser Einheit, welche Fülle deutlich gezeichneter Ge- 
stalten, voran der Schulthaß, der ein Meisterbild komischer 
Charakterzeichnung darstellt. | 

Eines ist allen Volksromanhelden gemein: die völlige Ent- 
wicklungslosigkeit der Charaktere. Eulenspiegel erster Streich 


— 


71 E. Schmidt, Zur Vorgeschichte des Goetheschen Faust II. Goethejahrbuch 
III (1882), S. 99. 

78 A. Seeger, Das Faustbuch von 1587. Programm des Victoria-Gymnasiums. 
Burg 1905, S. ııff. legt zu großes Gewicht auf den „titanenhaften Forscher- 
geist“ Fausts. 

79 K. Rosenkranz, Faust als Volksbuch. Scheibles Kloster II, S. 42. 


Trennendes der inneren Struktur I 37 


könnte, obwohl er ihn als kleiner Bube verübt, ebensogut von dem 
erwachsenen Manne herrühren, und seine Witze auf dem Sterbe- 
lager sind nicht pointierter, nicht ausgebildeter als etwa der mit 
den Schuhen,-um die er als Knabe sich die Dorfjugend balgen 
läßt. So fällt es beim Faust kaum als Mangel auf, daß seine 
Jugendgeschichte nicht erzählt wird: mit dem Augenblick, wo 
er vor den Leser tritt, ist sein Charakterbild fertig, er ist ge- 
willt, mit dem Himmel und seiner Seligkeit zu brechen, und tut 
es gleich zu Beginn des Buches: damit ist aber auch der Höhe- 
punkt der inneren Entwicklung erreicht. Bei dem Lalebuch hat 
der Bearbeiter versucht, eine Entwicklungslinie in den Stoff 
hineinzuarbeiten, und der Gedanke, den er dazu verwendet, ist 
nicht ungünstig: die Lalebürger sollen mit bewußter Torheit be- 
ginnen und darüber langsam völlige Toren werden. Aber der Stoff 
gehorcht ihm nicht: vom ersten Streich ab sind die Laleleute die, 
als die das ganze Werk sie in immer neuen Variationen schildert: 
restlose Narren. 

Dem gegenüber steht der Held des volkstümlichen Romanes: 
er ragt in übermenschlicher Größe außerhalb der übrigen Han- 
delnden, zwischen ihm und dem Leser läuft keine Linie bürger- 
lichen Verstehenkönnens wie in den Volksromanen. Der Leser und 
die Nebenfiguren, alle halten den Atem an, wenn er spricht, denn 
was er sagt, ist das allein Ausschlaggebende. Typisch fängt Trist- 
rants ı2. Historie an: so sprach herr Tristrant; nachdem alle 
Höflinge ihre Ansicht über das Schwalbenerlebnis gesagt haben, 
nachdem der König selbst seinen Willen kundgetan hat, spricht 
nun Tristrant die Entscheidungsworte: das ist ein Einschnitt. Der 
Held spricht immer das erlösende Wort, tut immer die erlösende 
Tat; bei all ihrer Wichtigkeit für Handlung und Geschehen 
bleiben die andern Personen staunende Zuschauer des Dramas, 
in dem der Held der einzige Akteur ist. Es ist die Technik des 
Märchenerzählens: um einen Mittelpunkt — den Märchenhelden 
— scharen sich die Nebenfiguren, und zwar in der Regel so, daß 
sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stehen, ihm schaden 
oder nützen, von ihm bekämpft oder errungen werden 8°. Der 


m u nn see N ee 


% A.v. Löwis of Menar, Der Held im deutschen und russischen Märchen. 
Jena 1922, S. ı. 


138 Trennendes der inneren Struktur 


Held ıst auch immer gut, immer nachahmenswert, immer Ideal- 
bild; es ıst eine Bibliothek von Werken, 


darinn das lob der guin erhaben 
wird vnd der argen lob vergraben ®1; 


der Gegenspieler muß ganz böse sein, weil der Held doch ganz 
gut ist82, Viel mehr als im Volksroman wird hier eine Entwick- 
lung gemalt; meist wird die Jugendgeschichte erzählt und dar- 
getan, wie der Held schon in jungen Jahren, von meisterlicher 
Hand behütet und erzogen, Außerordentliches und Übergewöhn- 
liches leistet, auch dies eine Märchengewohnheit: „der typische 
Märchenheld ist der Jüngling, der werdende Mann.” 83 Dazu ge- 
winnt die Fülle der Nebengestalten hier wirklichen Einfluß auf 
die Handlung, wenn sie auch alles, was sie tun, nur im Hinblick 
auf den Helden vollbringen®*: die Haymonskinder sind ohne 
Malagis und Johann, Magelone ohne ihre Amme, Tristrant ohne 
Marke nicht denkbar. 

Der größte Unterschied zwischen den Helden der beiden Gat- 
tungen aber besteht in der Typisierung, die sie in den volkstüm- 
lichen Romanen im Gegensatz zu den Individuen Fortunat, Eulen-. 
spiegel, Faust und Lalebürger erfahren: wie es einen Heiligen- 
typ gibt, so besteht auch ein Heldentyp, eine ein für allemal 
gültige Schablone, nach der sie alle gearbeitet sind; wie ihre 
Taten immer wieder dieselben sind, so besteht zwischen ihren 
Charakteren keine Verschiedenheit. Der Kaiser der Sieben weisen 
Meister ähnelt König Marke genau, Siegfrieds Helden, die so 
viel beten und weise Sprüche im Munde führen, könnten alle 
an Herzog Ernsts Stelle treten. Zwischen dem mann 


8 Hans Sachs, Summa all meiner gedicht. | 
&2 Wickrams Versuch, im „Knabenspiegel“ durch Abschrecken anstatt durch 
Vorbild zu erziehen, mag auf keine Gegenliebe gestoßen sein: in den „guten 
und bösen Nachbarn“ kehrt er zur erprobten Vorbildtechnik des Ritterromans 
zurück. Vgl. G. Fauth, Jörg Wickrams Romane, $. 29; ferner $. 37ft. 

8 4A. v. Löwis of Menar, Der Held im deutschen und russischen Märchen S. ı0. 
84 So steht es auch bei der Magelone, die weit mehr als die anderen volks- 
tümlichen Romane die beiden Helden in den Mittelpunkt der Handlung und 
der Begebenheiten stellt; vgl. dazu G. Xlausner, Die drei Diamanten des Lope 
de Vega und die schöne Magelone. Literarhistorische Forschungen XXXIX. 
Berlin ı909, S. 16. 


Trennendes der inneren Struktur 139 


Reinold und seinem getreuen Magis ist kein Unterschied: syt 
der gepurt unsers herren ist kein so starker ritter gewesst, 
heißt es von jenem, und von diesem: ir sond wussen, dass ien 
aller welt kein manlicher rittier was nach lystiger, als der gemelt 
Magis was, dann allein usgenommen sin veiter Rengnold; neben 
sie tritt Roland: syt krystus gepurt ward nie kein sollicher rytier 
geboren, und Haymon selbst ist furwar der trefflichste und 
schönste jünglein von gantz Franckreich. Fierabas ist der gröste 
riese, der je von einem frauenbilde zur welt gebracht worden, 
denn seines gleichen an grösse, stärke und kräften der glieder 
lebte der zeit niemand; von Olwier heißt es: man liest in keiner 
historie, das je ein wunder mensch so grosse wer tet als dieser 
Olwier; der Jungfrauenerretter Wigoleis hält sich so mannlich, 
dass es ein wunder zu sehen war, und ihm jedermann den 
preis gab. Herzog Ernst gleicht ihm aufs Haar, denn alspald 
er manns namen begriff, do was er ufrechte nach leib und dem 
gemüte, in aller weishait und beschaidenhait, und begurte sich 
mit dem swert des adels, das mit der feihel maniger tugende zuo 
glitzendem schein gefegei und gecläret was; sein Gegenspieler 
ist der unwirdig walsch ratent grave mit vergifter zungen. Mage- 
lonens Peter erscheint wie sein völliges Ebenbild, welcher alle 
andere in waffen, ritterspilen vnd anderen sachen vbertraff, 
also das es sich mehr gottlich dan menschlich erzeiget; er was 
ein schoner, holdseliger junger gesell, dazu war er weyss wie 
ein lilien und hette freuntliche augen und gell har als golt. Dar- 
umb jedermann saget, gotte hette jm vill sonderlicher tugent 
verlihen; in der Gefangenschaft was auch seines gleichen nicht 
am hoffe mit aller geschicklicheit, dar vmb er auch sehr ge- 
liebet warde also, das alles durch jn am hoffe gescheen musste 
« bei dem soldan. So ist einer wie der andere, und nur die Summe 
aller kann sich als Einheit neben die einzelnen Helden der Volks- 
romane stellen. | 

Solchen verschieden gearteten Helden entspricht die verschie- 
dene Atmosphäre, in der sie sich bewegen. Die Sexualität spielt 
im volkstümlichen Roman eine ganz andere, eine viel bedeuten- 
dere Rolle als im Volksroman. Nicht, daß sie hier ganz fehle. 
Fortunat gibt sich auf seinen Wanderfahrten mit liederlichen 
Frauen ab, und Faust verfällt der Buhlerei; aber diese Dinge 


ıho Trennendes der inneren Struktur 


werden ohne lüsternen Beigeschmack erzählt, vielmehr läßt sich 
gerade bei diesen Schilderungen eine gewisse moralische Trocken- 
heit verspüren, die den inneren Fluß der Erzählung oft störend 
unterbricht. Allein in den Schildbürgern findet sich eine lüsterne 
Szene, die Brautnacht des Bürgermeistersohnes; aber indem sie 
sich in der Art ihres Scherzes den andern Historien angleicht, 
fällt sie dem Leser nicht beschwerlich, und der graziös-erotische 
Ton, der sie vor den andern Geschichten auszeichnet, ist Zutat 
des gebildeten Bearbeiters. Auch im Eulenspiegel ist die eine 
oder andere Zote nicht gescheut, aber in ihrer volkstümlichen, 
bäurischen Derbheit wirken sie mehr komisch als lüstern und 
stellen sich so den andern Witzen gleichförmig an die Seite; zu- 
dem sind sie meist durch Wortspiele so verbrämt, daß nur wenige 
Eingeweihte sie verstehen. So sind die Eulenspiegelzoten nur 
Unflätigkeiten, nicht eigentlich erotische Witze. 

Anders der volkstümliche Roman. Er nimmt gern jede Gelegen- 
heit wahr, sinnliche Szenen breit auszumalen; die keuschen Verse 
Eilhardts (v. 614ıf.): 


daz sie ni wart sin wip, 
daz vortrug die vrauwe äne nil 


löst der Prosaist mit erotischer Pointe auf: sein eelicher gemahel 
vertrüge solchs sein beiwesen on neide, wann ir was nit fürbas mer 
kund. Das Beilager der Melusine ist genau und liebevoll geschildert ; 
bezeichnend ist, daß der Holzschnitt des späten Volksbuches den 
Fischschwanz der Titelheldin im Bade durchaus als Schwanz und 
nicht, wie der Text es meint, als Verlängerung des Rückgrates, als 
untere Extrimität dem Leser vor Augen führt. Als Raimund sie das 
erstemal im Bade belauscht hat und er nun über seine eigene Tat 
betrübt im ehelichen Schlafzimmer seine Schlechtigkeit beklagt, 
kommt sie zu ihm, deren erste verrichtung auch ware, dass sie 
sich entkleidet und ihren lieben Reymund als eine lust- und lieb- 
reiche Venus, mit tausenderley anmutigkeiten, gantz nackend im 
bette umhalsend also anredete: folgt eine schwülstige Rede. In 
den Sieben weisen Meistern, deren Rahmenerzählung stark mora- 
lisch gefärbt ist und von deren fünfzehn Beispielgeschichten neun 
erotischen Charakter tragen, gilt es als Maßstab für besondere 
Unbeliebtheit, also dass die frauen einen abscheu vor ihm hatten. 


Trennendes der inneren Struktur ıhı 


Als Haymon nach siebenjähriger Abwesenheit heimkommt, war er 
auch sehr frewdenreich, stieg von seinem pferdt und gieng mit 
jhr in jre schlaffkammer wie stark er gewaffnet und verwundt 
war, vnd machet sie wider schwanger: die heimliche Erzeugung 
der Vier bringt einen besonders geheimnisvoll-lüsternen Ton in 
das Ganze. Zwar läßt die dezente Übersetzerin Elisabeth die ero- 
tischen Stellen ihrer Vorlage gern fort oder nimmt ihnen durch 
Umbiegen ihre peinliche Note, aber schon die Hug-Schepleraus- 
gabe von 1537 malt die im alten Druck nur kurz berichteten 
Liebesabenteuer breit aus. Verweilen doch auch die Kalender mit 
sichtbarem Wohlgefallen bei den Brunstzeiten der Tiere, bei den 
Schwangerschaften der Frauen, bei den Erörterungen über die 
Zeugung. Es ist eine Zeit, in der Ehe und Fruchtbarkeit über 
alles geht; Junggesellen gelten als minderwertig und dürfen nicht 
Ratsherr, nicht Meister werden®5. Anderseits ist gerade hier die 
Beeinflussung durch Frankreich sehr stark fühlbar; im Gegen- 
satz zu Italien, wo im Ritterlich-Abenteuerlichen das Wesens- 
moment des Romans gesehen wird, ist dort die Liebe das bestim- 
mende Element, um das sich alle Handlung dreht8%; durch diese 
Quelle strömt solcher Geist auch in die deutschen Romane, in die 
deutsche Begriffwelt. | 
Allein in der Magelone zeigt sich eine andere, zartere Auf- 
fassung von der Liebe; das Sexuelle tritt hier in den Hintergrund, . 
und das warme und feine Gefühl, das die Liebe bei Held und 
Heldin auslöst, ist nicht nur, wie beim Amadis, Verbrämung ver- 
steckter Sinnlichkeit, die im entscheidenden Augenblick abge- 
worfen wird, sondern kommt von Herzen und geht zu Herzen. 
Wie zart ist Peters Liebe geschildert: der ritter achtet des essens 
wenig. dan er allein mit ganizem seinem hertzen geflissen was, 
die schonen Magelona gnügsamlich zu besichtigen vnd jn jn:. 
bedencken die vnvbertreffliche schone der junckfrawen, des ko- 
nings tochter, und speiset also sein gesicht, sie mit ansehen, und 
gedacht jn seinem hertzen, es were keine schonere auff erden dan 
dise schone Magelona ... nichts des weniger, wie jm ward, ge- 
schahe auch der schonen Magelonna jn jrem hertzen von dem 


85 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? (1913), S. 84. 
8 M.L. Wolff, Geschichte der Romantheorie mit besonderer Berücksichtigung 
der deutschen Verhältnisse. Phil. Diss. München ıg9ı5, $. 27. 


"142 Trennendes der inneren Struktur 


ritter. Als er sie das erstemal besucht, springt das hertze ... 
jr auff jm leip vor freuden, und wie rührend ist das Geständnis 
der Magelone an ihre Amme: ich hab mein hertzs und liebe gantz 
gesetzei jn diesen jungen ritter, der den vorigen tage .den 
preiss jm turnier oder stechen erlanget hat. — Den von geistlichen 
Bearbeitern herrührenden Romanen fehlt die erotische Note oft 
ganz, wie dem Herzog Ernst oder dem Heiligen Karl, aber 
man spürt die Tendenz, die solches bewirkt, und so geht der 
günstige Eindruck schnell verloren. Indes findet sich auch in 
Werken aus geistlichem Kreise recht oft lüsterne Erotik oder gar 
derbe .Zote; ist doch selbst die „Heilige Anastasia‘ nicht frei 
von ihr 8, 

Dem Gegensatz von Zote in der einen und Lüsternheit in der 
andern Volksbuchgattung entspricht .eine Derbheit in den Volks- 
romanen, an deren Stelle bei den volkstümlichen Romanen eine 
weichliche Sentimentalität tritt. Ohne frivol zu sein, nennt der 
Volksroman die Dinge bei ihrem natürlichen Namen88, und eine 
gelegentliche Unfläterei wird nicht gescheut; die griechischen 
Satyrspiele, die Shakespeareschen Bauern sind vom gleichen Geist, 
der auch den Typ der alten Harlekins und Possenreißer beseelt 89. 
Von den ga Historien des Eulenspiegels tragen neunzehn porno- 
graphischen Charakter; zart und weich ist keine einzige. Faust 
. bleibt bis an seine Todesnacht der konsequente Gottesleugner, erst 
ganz zum Schluß packt ıhn die Reue, die der Bearbeiter senti- 
mentaler ausmalt als der derbe Charakter des Helden zugelassen 
hätte; auch unter seinen Erlebnissen ist manches, dessen Deutlich- 
keit in jedem Ritterromane undenkbar wäre. Das Lalebuch endlich 
bietet in seinem obszönen Rätselkapitel eine ganze Blütenlese 
bäurisch-derber Zweideutigkeiten ; auch an Stellen, die nicht ge- 
rade ans Erotische grenzen, scheut es ein derbes Wort, eine saftige 
Handlung in keiner Weise. 

Demgegenüber betont der volkstümliche Roman ständig und 
87 Bibliothek des literar. Vereins, Nr. 185 („Deutsche Volksbücher“, hg. von 
$. Singer und A. Bachmann); vgl. die Stelle, als Anastasias Sohn längere Zeit 
bei ihr alleine verweilt, wo es heißt: sie gloupten, das alt wib und er werent mitt 
einander überein komen, 

88 M”, Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland, Jena 


1897, S. 364. 
89 Flögel, Geschichte des Giteie-Komibeiien; Liegnitz-Leipzig ı788, S. 38. 


Trennendes der inneren Struktur ıh3 


bewußt seine Gefühlsseligkeit und die Feinheit seiner Helden; so 
unglaubliche Heldentaten sie auch verrichten, es sind doch zart- 
besaitete Gemüter, die ersten nervösen Menschen, die uns in der 
deutschen Literatur entgegentreten. Den Tristan Oberges kuste 
und druckte Marke zu siner bruste und hält ihm dabei eine er- 
bauliche Rede (v. 781 ff.); der Tristrant des Volksbuches wird 
mit weynenden augen entlassen; im Epos weinen alle außer Tri- 
stant, als er als siecher Mann seine Fahrt in der Barke antritt; 
im Volksbuch weint Tristrant mit; wo Eilhardt dichtet (v. 3992): 


heren Walwäne was vil leit, 
daz sin geselle von im reit, 


setzt der Roman: besunder herr Balbon schyd mit wasserreichen 
augen, wann 'ym geschah vormals nye so leide als yeiz, do sein 
gesell von reit. In der Melusine herrscht ein weinen, schreyen u. 
lamentiren, kaum mit einer feder zu beschreiben, und ein herz- 
liches jammergespräch unterbricht oft den Bericht. Beim Abschied 
der Elbin schwimmt alles von Tränen: man sahe allda nichts 
mehrers als ein erseuffzendes hände-winden, sonderbar von dem 
vatterlosen weib und kindern, ihre augen wiesen eitel ströme von 
thränenbächen, und ihre gestaltungen sahen dem todten leichnam 
nicht viel unähnlich, dass es auch wol einen stein hätle zu weinen 
und . mitleiden bewegen sollen. Phyloconio und Eugenia künden 
sich als eyn fast senliche und erpermliche mitleydende hystoria 
an; nicht nur Florigunda, sondern auch Siegfried neigt zu plötz- 
lichen Ohnmachten; Herzog Ernst und die Seinen scheiden nit 
on gross zäher vergiessen ... von irem süssen vaterlande, und 
doch fällt ihnen der Abschied vom Mohren-König kaum we- 
niger .bitter: schied er und di seinen mit grossen zähern und 
cläglichem wainen von dem mornkünig. Wo das Brandanlied 
sagt (v.591f.): | | | 
' daz sie riefen innecliche 
‘zu gote von man enjene, 


malt das Volksbuch sentimental aus: do bate sand Braalın und 
alle sein brüeder unsern herren mit wainenden augen füer iren 
bruoder und gesellen. In den sonst so männlichen und starken 
Haymonskindern findet diese romantische Weichlichkeit, die durch 


ıbä Trennendes der inneren Struktur 


die volkstümliche Romane zu Wickram und durch ihn in den 
deutschen Kunstroman gelangt ist?", ihren Höhepunkt für die 
Volksbücher, der freilich im Amadis noch bei weitem überholt 
wird: wird doch dort sogar der Titelheld ohnmächtig, als er Ori- 
anas Abschiedsbrief erhält. Eine Neigung zu Wunderträumen 
und Traumwundern hängt damit zusammen; Zukünftiges wird 
im Schlafe enthüllt, und traurige Erlebnisse wiederholen sich im 
Traum, um erneut Anlaß zu schmerzlichen Reflexionen zu geben. 
In all diesen Beobachtungen zeigt sich die Sucht der Zeit, 
Dinge zu übersteigern, die natürlich gesehen Mitgefühl und Teil- 
nahme erregen können, die aber in solcher Form der Erzählung 
den Charakter einer hyperbolischen Groteske verleihen. 

So zeigt sich der Hauptunterschied zwischen Volksroman und 
volkstümlichem Roman in ihrer Stellung zum Leben, zur Welt 
ihrer Tage, mit der jener die Verbindung weit besser und inniger 
zu wahren weiß als dieser. Ein Hauch von Frische und Natürlich- 
keit läßt ihn uns lebendiger und anschaulicher erscheinen; seine 
Welt ist die deutsche, sein Held gehört dem Leben und nicht dem 
Ideal, seine Stimmung ist gesund und natürlich. Zahlenmäßig in 
der Minderheit und als Kind des ungelehrten Volkes ohne die 
Protektion des Adels und der gelehrten Welt, die dem volkstüm- 
lichen Roman im ersten Jahrhundert seines Bestehens beschieden ist, 
bleibt sein Einfluß auf die Gesamtliteratur geringfügiger; Wick- 
ram knüpfte an die Ritterromane, nicht an Fortunat oder Eulen- 
spiegel an: so wird die leise Lüsternheit, die Sentimentalität, die: 
Schwarz-Weißzeichnung und die Übersteigung des volkstümlichen 
Romans Stil- und Formelement im Jugendalter des deutschen 
Kunstromans, und die historische Bedeutung des fremden ritter- 
lichen übertrifft die des einheimischen Charaktervolksbuchs. Aber 
heller und deutscher leuchtet die Welt des Volksromans, und 
wie Fortunat Idealbild des reichen Bürgers seiner Kultur war, 
haben Eulenspiegel, Faust und Lalebürger ihren alten, bezeichnen- 
den Klang behalten, nicht nur im Heimatlande, sondern weit über 
seine Grenzen hinaus: sie bilden die deutsche Gegengabe für 
das, was aus fremden Quellen fließend in den volkstümlichen 
Romanen deutschen Geist und deutsche Kultur maßgebend be 
einflußt hat. | 


— 


% G. Fauth, Jörg Wickrams Romane S. 43. | 


Register 


1. Personen 


Aelst, P.v.d. 72 | Eberhard v. Württemberg ı6 

Agrippa ı27, 129 Eilhard v. Oberge s. Tristrant 

Albertus Magnus 38, 39, 53, 54, ı0ı | Eleonore Stuart ı5 

Albrecht v. Baiern 74 Elisabeth v. Nassau-Saarbrücken ı4[£., 

Albrecht III. ı6 141 

Alfons X. 9 Endter 33 

Anna v. Braunschweig 74 Erasmus ı29 

Aristoteles 54, 103, 111 Eusebius 34 

Aurifaber 116 Everaerts 46 

Avicenna 354 

Ayrer 19, 21,71 Feyerabend ı8, 30, 34, 35, 58, 61, 
66, 67, 68, 78, 79 

Bämler 23 Fickler 63 

Bebel 37, 52, 118 Fiedler v. Reichenbach 45 

Beer, F. 75 Fischart 6, 36, 61, 124 

Bocard, J. 6 Flögel 7ı 

Boccaccio 44, 80 Foltz, H. 5ı 

Brant, S. 24, 25, 69, 117 Frank, $. 103, ı29 

Brinkmann, J. 124. _ Frey 118 

Brück 129 Frischlin, N. 5 

Bruno, Chr. 38 Fritsch, L. 66 

de Bry 25 Frölich, J. 20, 35, 45 

‘Buchholtz 63 Fuchs 80 


Füetrer, U, 6, ı2, ı22 
Cammerlander 49, 55 


Cardanus ı27 Galienus 54 
Christoph v. Pisa 14 Gargi-Ordofiez de Montalvo 6ı 
Christoph v. Württemberg ı4, 61 Geiler v. Kaisersberg 130 
Cochem, M. 45 - Gengenbach, P. 49, 50, 52 
Cölestin V. z Georg Schenk von Limburg 114 
Couldrette 7ı Goethe 4ı 
Cromwell g Görres 69, 72, 135 

Gottsched 40, 5zı 
Dante ı0 Grimmelshausen 49 
Dasypodius, P. 117 Grüninger ı5, 24, 43 


Mackensen, Die deutschen Volksbücher 10 


146 Register 


Gruppenbach 63 Lüders, L. 68 
Gryphius, A. 7ı Lukas v. Leyden 70 
Gülfferich 2ı, 55, 66, 67, 68, 79 Luther 28, 29, 36, 63, 70, 71, 73, 94 


96, 98, 117, 129 
Harder 53, 66, 67, 68, 69, 78, 79 


Hartlieb, J. ı6, ı9, 74 Makropedius 70 

Hebel 32 Marbach 33 

Heinrich der Löwe 55 Margarethe v. Frankreich ı5 
Heinrich v. Nördlingen 94 Marperger 77 

Helbling, S. 56 Marquard v. Stein ı6, 56 
Henrichmann v. Sindelfingen 52 Maximilian 6, 104, 130 
Herbaray, Seigneur de 6ı Mechtild, Pfalzgräfin ı4ff. 
Herbert v. Fritzlar 8 Montanus ı19 

Hoffmann, A. 67, 68, 79 Moscherosch 38f., 66 
Hondorff ıı7 Münster, S. 116 

Honorius 56 Murner 47 

Hulsius 25 

Hupfuff 49, 54 Nas, J. 52 

Huter, S. 66, 67, 68, 69, 78, 79 Nerlich 35 

Hutten ı6 Nettitz 35 


Neumann, J. G. 75, 76 
Jean de Bourgogne 58 


Jeanne d’Arc z Opitz 62 

Jehan d’Arras 7ı Osiander 6 

Jobst 116 Othmar 44 

Johann v. Frankreich ı5 Otto v. Demeringen 59 


Johann Friedrich v. Sachsen ı6, 63, 65 
Johann de Mandeville s. Montevilla | Paschius 78 


Johann v. Würzburg 43 Pauli, J. 70 
Petrarka 44 
Karl V. 15 Ä Pfister, A. 22f. 
Karlstadt ı29 Pfitzer 76 
Kirchhof ıı9 Polo, M. 9 
Knoblauch ı9, 53, 59 Porta 127 
Köbel, J. 50 Püterich s. Reicherzhausen 
Königsberger 47, 49, 50 
Konrad v. Würzburg 94 Rabe 35 
Kornmann 7ı Rabener ı00 
Rasch 52 
Landschad ı6 Rauwolff 58 
Langer, Chr, 118 Rebart-Hahn 35 
Latini, Brunetto g | Regiomantus 47 
Lauremberg 62 Reicherzhausen, Püterich v. 6, 15, 59 
Leo 74 Ringoltingen ı4, 36, 71, 110, 112,123 
Lercheimer 75 Rodler, J. 22, 72, 73 


Littfas 33 Röhn, Kaspar v.d. 6, ı2 


Register 


Rollenhagen 4f. 

Rößlin 54 

Rothe, J. 107 

Roussillon, G. de ı0 

Rudolph. v. Hochberg-Neuenburg ı6 


Sachs, H. 6, 65, 70, 73, 105, 117, 
129, 138 

Sachsenheim, H. v. 4, 6, 15 

Sarcerius 37 

Scharffenberg, A. v. 122 

Schedel, H. ıı7 

Scheid, K. 36, 119 

Schickard, W. 75 

Schill, H. 38f. 

Schlegel, A. W. zıf. 

Schobßer 2ı 

Schönberg, H.F. v. ııı 

Schönsperger ı5, 19, 21, 23, 78 

Schott, M. ı8 ' 

Schottel 96 

Schumann, V. 73, 119 

Schupp 52 

Schwab 33 

Schweigger, S. 36, 70 

Schwind, M. v. 72 

Seuse 129 

Sickingen ı6 

Sigmund v. Tirol 15 

Simrock 33 

Sindelfingen, J. H.v. 52 

Solbrigk 32, 33 


Sorg, A. 20, 21, 23, 43, 55 
Spalatin 5, 37, 73, 87 
Spieß 37, 74 76 
Steinberger 52 

Steinhöwel 45 

Suchnach 68 


Tieck 66, 73, ı31 
Türlin, U.v.d. 89 


Uhland 33, 72, ı18, ı22 
Vives 37 


Waldis, B. 5 

Wambach ıı7 

Warbeck, V. 16, 19, 73, 110 
Weigand 2ı, 35 


Weise, .Chr. 99 


Westphal, J. 2ı 

Weyßenburger 79 

Wickram 39, 68, 90, 96, 109, 144 
Widmann 7ı, 75, 77 

Wirnt v. Grafenberg ı6, 102 
Wolf E. v. Stolberg 68 


Zachariä 71 

Zainer 21, 23, 3, 45 
Zepffel, D. 68 
Ziehenaus 67, 68 
Ziely, W. 26, 36 
Zigler, H.A.v. 5 
Zurmgibel 33 


2. Stoffe und Bücher 


Ahasver 3, 57, 66, 68, 77f., 105 
Albertusbüchlein 53 
Alexander 9, ı8, 19, 34, 57, 58, 74 
83, 85, 86, 90, 91, 102, 108, 109 
Alexius 42 | 
Altes Testament 58 
Aluta 70 
Amadis 3, ı0, 38, 39, boff., go, gı, 
141, 144, 
Anastasia, hlg. 142 
Apollonius 45, 66 


Aristarch (von Opitz) 62 

ars moriendi 24 

Artusroman 9; s. auch Olwier 
Asiatische Banise 5 


Barbarossa 66, 68, 7gf., 82, 102 

Bauernkalender 48, 66 

Bauernkompaß 50 

Beispiele der alten Weisen ı6 

Brandan 3, 20, 34, 44, 57, 65, 66, 83, 
86, 102, 104, 132, 143 


10? 


148 


Register 


a —————————————— ee 


Bruder Rausch 38 
Buch der Liebe 24, 30, 34 35, 42 
buch von der heiligen lebine 8, 421. 


Christlich Meynender 32, 76 


Der kleine Lucidarius 56 

Der deutschen Sprache Ehrenkranz 39 
Detektivromane 40 

Dietrich v. Bern 3ı 


Eckart, getreuer 37 

Ehrenbrief 59 

Einblattkalender 47 

Elucidarius 55 

epistolae obscurorum vivorum 68 

Esel Tierkönig ı29 

Eulenspiegel 3, ı1, 21, 22, 24, 26, 
31, 36, 37, 38, 39, 40, 575 58, 59, 
65, 66, 67, 69, 70f., 74 78, 80, 89, 
90, 93, 98, 100, 101, 105, 108, 112, 
ı13f., 120, 124f., ızıf., 133, 135, 
ı36f., 140, 142 

Eulenspiegel reimensweis 124 

Euryalus und Lukretia 37 

ewiger Jude s. Ahasver 


Fabel 5 

Faust 3, 28f., 32, 34, 375 38, 57, 58» 
63, 68, 74ff., 78, 80, 81, 82, 86, 88, 
95, 97, 98, 99, 100, 101, 103, 105, 
106, 107, 108, ı11, 112, 114 f., 121, 
124, ı26f., ı27f., 129, 131, 133 
134 135, 137, 139, 142 

Fazetie 6, ı18 

Fierabras 67, 68, ı01, 106, 107, 109, 
123, 139 

Flore 6, 31, 37, 38, 8o 

Fortunat 3, 11, 22, 30, 31, 39, 57; 
65, 66, 67, 6gf., 75, 78, 8ı, 82, 85, 
88, 90, g1, 92, 93, 97, 100, 101, 
102, 103, 105, 106, 107, 108, ı12f., 
117, 120, 125, 127, 131, 135, 135, 
139, 144 

Froschmäuseler 4f. 


Gartengesellschaft 39, 117 
Geburtsbücher 54 

Gedicht von der Tafelrunde 6 
Gegenpraktiken zıf. 
Genovefa 31, 45 

Georg 42 

Germaniae chronicon 103 
Gregorius 42 
Grillenvertreiber s, Lalebuch 
Griseldis 20, 44f., 98 | 
Grobianus ı19 


Hans Clauert 108 

Haymonskinder 22, 40, 65, 66, 72f., 
81, 82, 83, 84, 88, 89, 90, 91, 92, 
93, 95, 97, 101, 102, 104, 105, 106, 
109, 111, 128, 132, 134, 138, 141, 143 

Heftkalender 47 

Heldenbuch 69 

Helene, die geduldige 45 

Herzog Ernst 3, 21, 22, 23, 25, 27, 
28, 34, 36, 39, 43, 44 57, 58, 65, 
66, 79, 81, 83, 85, 86, 88, 92, 98, 
100, 104, 111, 138, 139, 142, 143 

Herzog Herpin ı8, 84, ı22 

Hirlande 45 

historia de preliis 44 

Hugschapler 3, ı4, 37, 67, 68, 78, 
128, 141 

Hummeln s. Lalebuch 


Lliias 72 
Jud Süß 64 


Kalenberger 26, 37 

Kalender 32, 46ff., 141 
Kalendersatire zıf. 

Karlsbuch 43, 82, 90, 105, 117, 142 
Kirchenlied, evang. 7 

kleine Cosmographia 55 

König Löw 38, 39; s. Ritter Leu 
Königin Sibille ı4 

Kriminalroman 40 

Kunigunde 42 


Lalebuch 20, 31, 58, 69, 78, 8ı, 83, 
85, 86, 88, 91, 92, 95, 96, 97, 98, 


Register 


99, 104, 105, 106, 11, 118ff., ı21, 
123, 125, 131, 134, 135, 136, 137, 
140, 142 

Lanzelot 6, ı0, 2ı, 38 

Laßtafeln, komische zı 

Legenden 8, 42ff., 56, 58, 78, 80, 89 

Lehrgedicht 5 

Leo s, historia de preliis 

Lied vom hürnen Seyfried ı22 

Lob des Esels ı29 

Lob der Narrheit ı29 

Loher 3, 14, 29, 37, 67, 108, 123 

Losbücher 39, 63 

Lucidarius ı0, ı1, 18, 34, 50, 55f., 
67, 116 


Magelone 3, 5, 16, 22, 27, 29, 37, 38, 
39, 66f., 7ı, 73f., 78, 79, 83, 8sf., 
88, 92, 95, 100, 106, 128, 134, 138, 
139, 141. 

Magiebücher 63 

Marienleben 42 

medizinische Volksbücher 352 

Meistergesang 27, 70, 75 

Melusine ıı, ı2, ı6, 27f., 31, 36, 37, 
38, 39, 65, 66, 67, 7ıf., 81, 83, 85, 
87f, 88, 90, 95, 96, 97, 98, 100, 
102, 103, 104, 105, 106, 107, ı11, 
123, 124, 128, 132, 134, 140, 143 

Merlin 6 

Montevilla 58, ı01 

Möhrin 4 


Narrenschiff 69, 117 
naturwissenschaftliche Volksbücher 52 
Neithard Fuchs 80 

Novelle 7 


Ogier 65 

Oktavian 31, 37, 39, 66, 67, 109, 123 
Olwier 26, 36, 37, 79, 101,108, 123,139 
' Orendel 44, 92, 97, 98 

Oswalt 42, ı22 


Parzival 6 
Passionale s. Legenden 
Pestbücher 53 


| 


ı4g 


Peter Leberecht (Tieck) 66 

Peter Squenz 7ı 

Philander v. Sittewald 38 

Philoconio und Eugenia 80, 86, ı02, 
122, 145 

Piotr Jatorski 70 

Pontus und Sidonia 4, 15, 21, 37, 38, 
39, 65, 66, 67, 7ı 

Praktiken 46 ff. 

Predigt 5, 8 

Predigtmärlein 8 

Prognostiken 46ff. 

Punktierbücher 63 

Puppenspiel 46 

Pyramus und Thisbe 38 


Rätselbücher 39 

Reinhard Fuchs 38, 110 
Reinhart und Gabriotto 37 
Reisebeschreibungen 56 ff. 
Reisesammlungen 25, 57, 58 
Rheinischer Hausfreund 32 
Ritter Galmi 2ı, 37 
Ritter Leu 38 

Ritter v. Turn ı6, 37, 56 
Ritterromane ııff. 

Robert der Teufel 26 
Rollwagenbüchlein 39, 68 
Roßschwanz, Dr. 26, 51 
Runenkalender 46 


Salomon und Maukolf ı9, 21, 37, 66 

Scherzpraktiken 51 

Schildbürger s. Lalebuch 

Schimpf und Ernst 39, 70 

Schwank 7, 60 

Seelentrost 42 

Seifried de Ardemont ı22 

Sieben weise Meister 4, 26, 31, 102, 
ı20f., 123, 138, 140 

Siegfriedbuch ı9, 26, 28, 29, 33, 40, 
66, 82, 85, 91, 100, 101, 104, 105, 
106, 108, 109, 121, 123, 127,. 128, 
132, 158, 143 

Simplizissimuskalender 49, 51 

Skeireins 46 


Br % 


Register 


Spottkalender 5ı 

Sprichwort 39, 69, 96, ı20 

Streit- und Schmähschriften ı7, 36, 47 
Summa all meiner Gedicht 6, 138 


Täo bö Cuüalnge 9 

Testament, Altes 58 

Teuerdank 6, 25 

Teufelsliteratur 96, 98 

Titurel 6 

Traumbücher 39 

Tristrant ı0, ı1, ı2, ı8, 2ı, 22, 23, 
25, 26, 27, 30, 31, 32, 37, 38, 39, 
65, 67, 78, 86, 89, 90, 91, 93, 95, 
96, 97, 99, 101, 102, 103, 105, 106f., 
107, 109, 110, 122, 127, 128, 134, 
137, 138, 140, 143 

Trojabuch 9, ı8 

Türkenkalender 47 


Valentin und Namelos ı0 
Valentin und Orso 37 


Virgilius teutsch 68 

Volkslied 7 

Volksroman ııff., 65 ff. 
volkstümlicher Roman ııff., 65 ff. 


Wagnerbuch 28, 32, 34, 76f., ı08, 
111, 117 

wahrhaftige Historien 63. 

Weißer Ritter 3 

Wenzelpassional 8, 42 

Wigoleis 6, ı1, ı2, ı6, ı9, 20, 21, 
24, 26, 27, 29, 30, 31, 37, 67, 78, 
86, 89, 96, 102, 104, 106, 107, 109, 
111, 123, 139 

Wilhelm v. Orange ıı7 

Wilhelm v. Orleans 6 

Wilhelm v. Österreich 43, 80 

Wunderliteratur 84 


Zauberbücher 38, 63 
Zimmernchronik 75, 105, 129 
Zirkelbücher 39 


3. Kulturelles 


Abenteuersucht 66, 73, 74 
Abenteurertum 3 

Aberglauben 53 

Adel 2, ıı, 13, 39, 60, 66, 104, 144 
Alamodezeit zoft. 

antikatholische Tendenz 76 
Aufklärung 32, 76 

Äußerlichkeit 107 

Autoritätssucht ı00f. 


Ballett 46 

Bauern als Publikum 39 
Bibel, sprachl. Einfluß 73 
Bürgertum ı, 4, 60, 69 


Demokratischer Zeitgeist 3 
Dreißigjähriger Krieg 29 


Empfindsamkeit 62 
Entdeckungszeitalter 57 
Epigonengeist 6 


epische Veranlagung der Deutschen ı3 
Erotik 54, 56, 60, 62, 73, 80, 86, 


139f. 


Fabulierlust 59 

Feste 107 

französischer Einfluß 2, 8f., ı5, 31, 
58, 60, 99 

Frauen, Stellung der 106 

Frauenideal 8ı 

Frömmigkeit 44 5% 57, 59: 79, 80, 
87, 103 

Fürsten ı3f., 6ı 


Geldsucht 8ıf., 103 
Gelehrsamkeit ı02f£., ı11 
Gemeinschaftsgefühl 3 
Genußsucht 8of. 
Geschmacksvergröberung 2, ı28f. 
Geselligkeit ı103f. 
Gespensterglauba 84 

Grobheit 106 


Register 


Handelsbeziehungen 57 
Hausbackenheit 5s, 8ı 
Hexenwahn 84 

Humanismus ı, 5, 17, 30, 35, 99 
Humor ı29ff. 


Index librorum prohibitorum 38 
italienischer Einfluß 47 


Kalendersteuer 48 
Katholizismus 26ff., 37 
Kaufmannsstand 69 
Kleiderluxus 104 
Kraftgefühl z 

Kreuzzüge 56 

Kulturgut, gesunkenes 14 


Lehrhaftigkeit 56, 62, 75, 76, 91, 92, 
101 
Liebe, Darstellung der 62 


Märchen 59 

Materialismus 2ff., 104 

mäze ıo0zf. 

Moralsucht 46, 57, ıoıfl., 125 
Musik 6 

Mystik 8, 94, 98 


Narrensucht ı104f., 130 
Naturwissenschaften 103 
niederländischer Einfluß? 10 
Nützlichkeitsprinzip 4, 62, 87 


Obszönes 60 


151 


Pest 52f. 

Pointensucht 7 
Protestantismus 26ff., 37, 55 
Publikum ı4, 60, 65 ff. 
Punktierlehre 63 


Reformation ı, 7, 17, 26f., 35, 36, 55 
Reisesucht 84 

religiöse Bedürfnisse 2 

Renaissance ı, 17, 27, 94 
ritterliche Kultur ıf., 103. 
Romantik 32 


Schelten 106 
Schwankmotive 60 
Sexualleben 54, 60, 139f. 
Spanien 61 

Speiseluxus 104 


Sturm und Drang ı2 


Träume 144 
Trunksucht 8ı 
Turniere 82, 104, 107, 130 


Unritterlichkeit ı03 


Wundersucht 59, 66, 73, 74, 84 
Wunschdinge 82 


Zauberglaube 83, 103 
Zaubermittel 53 
Zeremoniell 107 
Zoten 56, 60, ı41f. 


4. Formales 


Almanach 47 

Anpreisungen, buchhändlerische ı8 
Anrede 107 

Aposiopese 85 

Augsburg als Druckort ı8 
Ausstattung 64, 72, 79 


Breite 61, 75, 79 
Briefprosa 8, 98, 107, 130 
Buchdruck ı7 


Charakterschilderung ı136ff. 
Dialoge 90 

direkte Rede 8gft. 

Einband ı7£. 

Format ı7f., 2ıf., 48, 50, 79 


- Formelhaftigkeit g4ff. 


Frankfurt als.Druckort ı8 
französische Prosa 8f. 
Fremdwörter 95, ggf. 


152 


Gedruckt in diesem Jahr 20 
Geschichtsprosa 8 


Handschriftenverbreitung ı7 
Holzschnitte 23 


Illustration 22 ff. 
indirekte Rede go 
irische Prosa 9 


Jahrmarktsausgaben ı9 


Kapiteleingänge ı20f. 
keltische Prosa 9 
Kirchenlatein 8 

Komödie 70 

Kürze 7, 66, 76, 77, 79, 84ff. 


Mundartliches 95 
Nachdruck ı7, 20 
Parallelismus 96 


persönliches Hervortreten des Er- 
zählers gıf. 


Register 


Prosa 7ff., 44, 55 
Prunkdrucke 7, 79 


Bahmenerzählung ı23 
Rechtsprosa 8 

Reden 87ft. 
Reimform 6, 50 
Reimprosa 97ff. 
Rhetorik 79 


Satire 5ı, 69, 129 
subjektiver Stil gıf. 
Synonymik 95 


Typisierung ı38ff. 


Übersetzungen 11, 13, 59, 61, 71, 72, 
80, 97, 112 

Übertreibungen 93, 105, 128 

Ulm als Druckort ı3 


Verfasserfrage ı11 
Verse 49, 50 
Vorleser 25f. 


Weitschweifigkeit 61, 75, 87 


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GRADUATE LIBRARY 


DATE DUE 


Form 9584 


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